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Dreckige Elite

Bota no saco – Steck ihn in die Tüte. Mit diesem Satz beginnen die Polizisten der Spezialeinheit BOPE ihre Opfer zu foltern. Dies ist der wohl markanteste Satz des neuen Films Tropa de Elite von Regisseur José Padilha, dessen Premiere am 12. Oktober in Rio de Janeiro und São Paulo gefeiert wurde. Bereits in seinem Film Ônibus 174 thematisierte er die Gewalt in brasilianischen Städten.
Tropa de Elite war als Dokumentarfilm geplant, ist aber schließlich zum erfolgreichsten brasilianischen Spielfilm des Jahres geworden und auf Platz eins der Kinocharts gelandet. Nach intensiver Zusammenarbeit mit Mitgliedern der verschiedenen Polizeieinheiten Rios zur Vorbereitung des Films war relativ schnell klar geworden, dass sich keineR der PolizistInnen bereit erklären würde, Interviews vor laufender Kamera zu geben, um nicht direkt ins Visier von Vergeltungsaktionen ihrer KollegInnen zu geraten. So wurde das Projekt kurzerhand geändert und Regisseur Padilha verweist bei Nachfrage auf den rein fiktionalen Charakter seines Werkes.
Der Film handelt von Kapitän Nascimento (Wagner Moura) und dessen Alltag in der Polizeispezialeinheit BOPE, dem Bataillon für spezielle Polizeieinsätze, in den Favelas von Rio. Traumatisiert von den kriegsähnlichen Einsätzen erleidet Nascimento regelmäßig Panikattacken. Auch seine hochschwangere Frau drängt ihn abzutreten und so macht er sich auf die Suche nach einem würdigen Ersatz für seinen Posten.
Es finden sich zwei potenzielle Nachfolger, die mit anderen AnwärterInnen jedoch erst ein abstruses Testprogamm unter Nascimentos Leitung durchlaufen müssen, um beim BOPE aufgenommen zu werden. Kaum im Übungslager angekommen, wird den RekrutInnen schnell klar, dass hier nur die zähesten bestehen können und schon nach wenigen Minuten geben die ersten unter Schlägen und Beschimpfungen auf. Darauf folgt hartes physisches Training mit Schlafentzug und Demütigungen.
Zur Erleichterung des Kapitäns bestehen jedoch beide seiner potenziellen Nachfolger das Martyrium und werden beim BOPE aufgenommen.André, einer der beiden, hat jedoch ganz andere Pläne, als in Nascimentos Fußstapfen zu treten. Er studiert gleichzeitig an einer Universität, wo allerdings niemand von seiner zweiten Identität weiß.
Doch eines Tages erscheint sein Foto auf dem Titel einer Zeitung, die über einen Polizeieinsatz berichtet und so wird sein Geheimnis gelüftet. Dies hat fatale Folgen für einige seiner Uni-Freunde, die mit dem Drogenboss einer nahe liegenden Favela befreundet sind. Der sieht nämlich die Freundschaft zu einem Polizisten als Hochverrat an und so lässt er sie brutal ermorden. Kurz darauf wird sein Freund aus Kindertagen und zweiter potenzieller Nachfolger Nascimentos, Neto, fälschlicherweise an Andrés Stelle vom besagten Drogenboss erschossen.
Damit wird der Auftrag des Bataillons plötzlich zu einem persönlichen Rachefeldzug für den Mord am Kollegen, und André bedient sich, geplagt von Gewissensbissen und voller Hass, mehr und mehr den brutalen Methoden seiner Kameraden. Wer die Hände nicht schnell genug hebt, wird direkt erschossen. Wer Hinweise auf den Verbleib des Mörders verheimlicht, wird bis zur Ohnmacht in eine Plastiktüte gesteckt oder gar bedroht, mit Hilfe eines Besenstiels vergewaltigt zu werden.
Nascimento sieht Andrés Wandlung mit Befriedigung zu. In seinen Augen wird letztlich ein echter Kämpfer aus dem Studenten André und der Kapitän scheint seinen Nachfolger gefunden zu haben.
In diesem Film wird erstmals in der brasilianischen Kinogeschichte der Dauerkonflikt zwischen Polizei und Drogenbanden nicht aus der romantisierten Sicht eines Banditen sondern aus Sicht eines Polizisten präsentiert. Trotz seiner brutalen Methoden schafft es Nascimento als Erzähler, der gute Ambitionen zu haben scheint, Sympathien zu wecken. Es spalten sich die Gemüter und seit Wochen scheint kein eindeutiges Ergebnis gefunden zu sein, weder bezüglich der Rolle Nascimentos und der Einheit BOPE, noch in Bezug auf die Aussage des Films im Allgemeinen.
„Der Film zeigt Folter als etwas natürliches, er verbreitet die Botschaft, dass es kein Problem ist, zu foltern und zu morden. Er gibt vor, dass Gewalt die einzige Lösung für die Probleme ist“, sagte unlängst Camilo Ribeiro, Projektkoordinator der Menschenrechtsorganisation Justiça Global mit Sitz in Rio de Janeiro.
Teile der Presse dagegen, etwa die sonst eher linksliberale Wochenzeitung Carta Capital, feiert Nascimento als den neuen Nationalhelden. Sie sehen ihn als Stellvertreter der Einheit BOPE, als neuer Stern an einem von Kugelhagel getrübten Himmel, der im Kampf gegen den urbanen Drogenkrieg sein Leben riskiert. Die konservative Zeitschrift Veja schrieb vergangenen Oktober: „Der Film Tropa de Elite ist der größte Erfolg des brasilianischen Kinos, weil er Banditen wie Banditen behandelt und Drogenkonsumenten wie Mittäter.“ Und das ist wohl die eigentliche Provokation des Filmes: Er zeigt, dass die Wurzel allen Übels nicht bei den DrogenhändlerInnen liegt oder etwa bei der unbestreitbar korrupten Militärpolizei, die den Handel noch begünstigt. Die Wurzel liegt in den KonsumentInnen der gehandelten Drogen. Der Großteil von ihnen wohnt in den schöneren Vierteln Rios, in den Vierteln der Mittel- und Oberklasse der Stadt. Ihrer Teilhabe an dem Problem scheinen sie sich aber keineswegs bewusst zu sein. Hier tritt die ganze Perversität einer „besseren“ Gesellschaft zu Tage, die sich von einer brutalen Einheit wie dem BOPE vor einem Konflikt beschützt fühlt, den sie selbst mit ausgelöst hat. Und die Gewalt spielt sich größtenteils nicht vor der Haustür der KonsumentInnen sondern in den Wohngebieten der oft verhöhnten FavelabewohnerInnen ab, die so täglich am Konsum der Mittelklasse sterben.
Schon Wochen vor der offiziellen Premiere hatten die Diskussionen begonnen. Etwas verzweifelt wirkte der Versuch einiger Angehöriger der Polizei, die in Tropa de Elite zweifellos eher unvorteilhaft dargestellt wird, die Premiere gerichtlich untersagen zu lassen. Doch dieser Vorstoß hat die Werbemaschinerie nur noch weiter angeheizt. Die KlägerInnen fürchteten angeblich, dass durch den Film Vorurteile gegen die Polizei geschaffen werden könnten. Dagegen argumentierte der zuständige Richter, dass der Film nur die alltägliche Realität der meisten BewohnerInnen der Stadt zeige und lehnte die Klage ab. Das Interesse an der Debatte bleibt seit Wochen ungebrochen und es bleibt weiter spannend. In einem Interview hat José Padilha bereits das Thema seines nächsten Filmprojekts vorgestellt: die Klüngeleien im brasilianischen Parlament.

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