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Du sollst ein robustes Gedächtnis haben

Erich Hackl ist vor allem durch biographische Recherchen bekannt geworden. Der 1954 im oberösterreichischen Steyr geborene, eng mit Spanien und Lateinamerika verbundene Übersetzer und Schriftsteller hat in Auroras Anlass, Abschied von Sidonie, Sara und Simón und zuletzt Die Hochzeit von Auschwitz Geschichten von Menschen erzählt, die Verfolgung und Unrecht erlitten. Sei es, weil sie sich politisch engagiert haben oder sei es, weil die Macht habenden Zeitgenossen sie als Minderheit deklariert und ihnen das Recht auf Würde aberkannt haben.
Auf Hackls journalistische Texte, die meist in Österreich und der Schweiz erschienen sind, ist man in Deutschland schon einmal durch den Band In fester Umarmung aufmerksam geworden. Auch in der kleinen Form sucht er, was er in der großen gefunden hat: die innere Verwandtschaft zu Menschen, mit denen sich das Leben teilen ließe. So auch im neuen Buch dieser Art, Anprobieren eines Vaters.
Im titelgebenden Text etwa geht er der Lebensgeschichte eines gewissen Ferdinand Hackl nach, der arm war, kriminell, kommunistisch, Spanienkämpfer, KZ-Häftling, Überlebender. Die Geschichte handelt “von Eltern, die ihr Kind zu lieben vergessen, und davon, dass in einem Anstaltszögling kein Dieb, sondern ein Freiheitskämpfer steckt”. Ferdinand, der von seiner Geschichte meint, sie lohne nicht, aufgeschrieben zu werden, ist nicht Erich Hackls Vater. Aber worin sind sie dennoch miteinander verwandt? Diese Frage durchzieht jeden der Texte, es ist die ganz existenzielle Frage nach einem Ort im Leben, nach Verständigung und Sinn.
Auch unter Lateinamerikanern findet Hackl Verwandte. Zum Beispiel den uruguayischen Schriftsteller und Tupamaro-Kämpfer Mauricio Rosencof, der während der Militärdiktatur unter schrecklichsten Bedingungen zwölf Jahre Einzelhaft überstehen musste. Der Text über ihn beginnt so: “Würde, nicht Rache. Ohne Würde, sagt Mauricio Rosencof, gibt es keinen Grund zum Überleben. Wer würdelos lebt, braucht sich nicht zu erinnern. Erinnern gibt Stoff, Würde verleiht Halt.”

Erst die Moral,dann das Fressen?
Und der nächste Satz: “Dann ist da noch der Hunger.” Hackl ist nicht Biograph, sondern Erzähler: Er fordert den aktiven Leser, fordert ihn heraus. Er bietet einen distanzierten, einfühlsam-zugewandten Blick auf die Menschen an, die ihn interessieren. Zugleich sind seine Texte voller Lücken, halber Sätze und Brüche. Die Brücken dazwischen müssen wir selber bauen. Wie kann das gehen, als Hungernder die Würde zu bewahren? Welches Maß an Würde gestehe ich dem zu, der mich hungern lässt? Kommt etwa doch erst die Moral, dann das Fressen?
Auch in dem guatemaltekischen Lyriker Humberto Ak’abal, der in der indigenen Sprache K’iche’ schreibt, findet er Gemeinsamkeiten. Als Kind bekam Ak’abal durch Zufälle Bücher in die Hand und begann zu lesen. “Vor den Schaufenstern der Buchhandlungen drückte er sich die Nase platt. Dann wurde er von den Angestellten verscheucht. Indianergesindel, vertreibt uns die Kundschaft.” Das hätte auch Ferdinand Hackl in Österreich erleben können. Und Erich Hackl empört es hier wie dort.
Andere Texte über Lateinamerikaner beschäftigen sich mit dem salvadorianischen Kommunisten Miguel Mármol und seinem Biographen, dem Dichter Roque Dalton. Es wird die Geschichte des “verwaisten Großvaters” Juan Gelmans erzählt, der sein Enkelkind sucht, und im “Kleinen ABC eines Unverstorbenen” erinnert Hackl an Che Guevara. Er misst ihn an seinem eigenen Anspruch: “Nur wenn die Moral unbeschadet ist, ist auch die Revolution unbeschadet. Wenn nicht, welchen Sinn hat sie dann?” Die Bilanz fällt gemischt aus.
Hackl schreibt ausschließlich Texte über Menschen, die sich als links verstanden, und leistet einen Beitrag dazu, das politische und kulturelle Gedächtnis der Linken des 20. Jahrhunderts zu bewahren – ein Gedächtnis, das am Schwinden ist. Höchst spannend wäre zu erfahren, wie Hackl über Menschen mit liberaler oder konservativer Orientierung schreiben würde. Deren Gedächtnis hat zwar Konjunktur, aber nicht aus Hackls Perspektive, nicht aufgezeichnet mit seinem Ton.

Einführungskurs in Demokratie und Hysterie
Mich hat unter den Texten besonders “Das Kainsmal” angesprochen, in dem der Autor mehr als sonst von sich selbst spricht. Mit Franz Kain, einem Steyrer Politiker der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und Schriftsteller, hat ihn offenbar einiges verbunden. Zunächst eine Art Ur-Erfahrung: Als Hackl mit siebzehn Jahren an einer kritischen Nummer der Schülerzeitung mitschrieb, erlebte er allgemein freundliche Anerkennung oder wenigstens schweigende Hinnahme – so lange, bis in der KPÖ-Zeitung eine positive Stellungnahme zu dieser Nummer erschien. Von da an spielte die Schulleitung verrückt und machte die Halbwüchsigen wegen Beifalls von der falschen Seite nieder. Aus diesem “kleinen Einführungskurs in den Fächern Demokratie und Hysterie” entfaltet Hackl ein Doppelporträt von Franz Kain und sich selbst, gefasst in “zehn Gebote” des Schreibens, Erinnerns, Denkens. “Du sollst ein robustes Gedächtnis haben”, heißt es da, oder: “Du sollst nicht einer gebratenen Taube harren”, ein Text über das Handwerk des Schreibens, das auf das Schlaraffenland des genialen Einfalls verzichtet und auf ausdauernde Arbeit des Wühlens im Schlamm setzt. “Er sitzt im Wirtshaus, wo er sich an das fünfte Gebot des Erzählers hält: zu schweigen und zu hören, zuzuhören, ohne den Mund aufzusperren in Erwartung einer gebratenen Taube.”
Im November 2004 hat Erich Hackl den “Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln” erhalten. “Fast schäme ich mich zu sagen”, sagte Hackl in seiner Dankesrede, “dass es noch immer Empörung ist, die mich zum Schreiben drängt.” Er schreibe nicht wegen der Toleranz, sondern “damit mir noch mehr Freundschaften zuwachsen”. Mit Büchern wie dem vorliegenden sollte ihm das gelingen.

Erich Hackl: Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen. Diogenes Verlag, Zürich 2004, 304 Seiten, 18,90 Euro.

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