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Dunkle Andeutungen

Kubas jüngere Geschichte kennt an Legenden wahrlich keinen Mangel. So schmerzt es vielleicht weniger, dass eine der schönsten dieser Legenden künftig nicht mehr so häufig zu hören sein wird. Sie handelte – anders als in der Sagenwelt eigentlich üblich – nicht von drei, sondern nur von zwei Brüdern. Sie hießen Fidel und Raúl Castro, und natürlich war der Ältere der böse Sturkopf, während dem Jüngeren alle Sympathien galten: Raúl sei ein Pragmatiker und Erneuerer, was sich schon daran gezeigt habe, dass er den BürgerInnen den Kauf von Computern erlaubt habe, hieß es. Und wenn er sich erst einmal der Entourage seines ideologisch verbohrten Bruders entledigt haben werde, dann, ja dann …
Seit dem vergangenen Monat muss sich niemand mehr die Mühe machen, den hypothetischen Satz zu vervollständigen. Raúl Castro selbst hat der Legende den Boden entzogen. Am 2. März, gut ein Jahr nach der offiziellen Übernahme der Amtsgeschäfte, vollzog er ohne vorherige Ankündigung das bisher größte Revirement in seiner Regierung. Elf Ministerien besetzte er neu oder legte sie mit anderen Ressorts zusammen. Und wie auch immer jeder einzelne Wechsel zu bewerten sein mag, eines steht fest: Die als Erklärungsmuster so bequeme Aufteilung der kubanischen Führungskader in „gute“, weil reformwillige Raulistas und „böse“, weil reformunwillige Fidelistas ist nicht länger zu halten. Die wirklichen Fronten innerhalb der Führungsriege, so steht zu befürchten, verlaufen ganz woanders.
Noch verhältnismäßig leicht zu interpretieren sind die von Raúl Castro vorgenommenen Neubesetzungen. Zum Exekutivsekretär des Ministerrates – ein Amt, das unter dem bisherigen Amtsinhaber Carlos Lage dem eines Ministerpräsidenten in einer Präsidialrepublik sehr nahe kam – ernannte er José Amado Ricardo Guerra, einen General. Dass ein so hoher ziviler Posten einem Militär anvertraut wird, wäre anderswo auf der Welt zumindest ungewöhnlich. In Kuba aber gehört es zur Normalität: Die Generalität gilt als verwaltungserfahren, effizient und verhältnismäßig wenig anfällig für Korruption. Castros Entscheidung für einen Vertrauten aus seiner Zeit als Verteidigungsminister muss – aus diesem Blickwinkel betrachtet – also niemanden überraschen.
Einen guten Leumund hat auch der neue Außenminister Bruno Rodríguez, der bis 2003 Kuba vor der Vereinten Nationen (UNO) vertrat und anschließend als Vizeminister diente. Er ist nicht so „verbrannt“ wie der bisherige Amtsinhaber Felipe Pérez Roque, der keineswegs zu Unrecht als ideologischer Hardliner galt. Sollte es demnächst zu Annäherungsversuchen zwischen Havanna und der neuen Regierung in Washington kommen, ist Rodríguez sicherlich der geeignetere Unterhändler als der „Taliban“ Pérez Roque. So weit, so gut.
Überhaupt nicht gut dagegen ist erstens der Stil, in dem die bisherigen Amtsinhaber abgefertigt wurden. In einer Sitzung des Politbüros der KP Kubas hätten Lage und Pérez Roque Selbstkritik geübt und Fehler eingestanden, stand in dürren Worten in der Parteizeitung „Granma“. Welche Fehler, darüber erfuhren die BürgerInnen kein Wort. Bei früheren plötzlichen Rauswürfen – etwa von von Carlos Aldana, Ideologie-Sekretär der Partei und bis dahin „Nummer drei“ in der internen Hierarchie, 1992 und von Außenminister „Robertico“ Robaina 1999 – sickerten wenig später Einzelheiten durch. Diesmal blieb es bei der Andeutung, die Gefeuerten hätten sich „unwürdig“ verhalten. Ein solcher Rückgriff der kubanischen Führung auf altstalinistische Praktiken ist erschreckend, und zwar völlig unabhängig davon, ob die Beiden tatsächlich Verfehlungen begangen haben oder nicht.
Zweitens aber stellt sich zumindest im Fall von Carlos Lage die Frage, was denn das wirkliche Motiv für seinen Sturz war. Der gelernte Kinderarzt galt anderthalb Jahrzehnte lang als der „Wirtschaftszar“ Kubas und als der wichtigste Spross jener neuen Politikergeneration, die eines nicht mehr fernen Tages die Insel regieren würde, wenn die Castros nicht mehr da wären. Mit vorsichtigen Reformen navigierte er Kuba durch die dramatische Krise der 1990er Jahre hindurch zu neuer Stabilität; eine Leistung, die an dieser Stelle keiner weiteren Würdigung bedarf. Bei alledem bewahrte er sich bei seinen MitbürgerInnen den Ruf, ein ausgesprochen bescheidener Mensch zu sein und dazu unbestechlich – beileibe keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem Beziehungen alles sind. Es ist verbürgt, dass er mit seinem klapprigen Lada auf dem Weg zur Arbeit Anhalter mitzunehmen pflegte. Dass ausgerechnet diesen Mann nun „der Honig der Macht“ verführt haben soll, wie Fidel Castro in einer seiner berühmt-berüchtigten Reflexionen in der Granma schrieb, klingt bis zum Beweis des Gegenteils nicht eben wahrscheinlich.
Der soeben zitierte Castro-Satz geht indes noch weiter. Die Macht, „für die sie kein Opfer kannten“, habe in Lage und Pérez Roque „Ambitionen geweckt“, heißt es dort, und „el enemigo se llenó de ilusiones con ellos“, was sinnentsprechend wohl übersetzt werden muss mit: Der Feind setzte Hoffnungen in sie. Dieser Satz verdient es, seziert zu werden.
Die Beschuldigten haben „für die Macht“ also „keine Opfer“ gebracht. Zählt es nicht, dass Carlos Lage als Arzt mehrere Jahre lang im Bürgerkrieg in Äthiopien im Einsatz war? Ist nur der vertrauenswürdig genug für eine Führungsaufgabe, der schon gegen Diktator Batista gekämpft hat? Haben die Jüngeren zu warten, bis der letzte Kämpfer aus der Sierra Maestra unter der Erde liegt? Und wenn nicht: Was sonst, bitte, sollen die Worte „keine Opfer gebracht“ denn bedeuten?
Die Beschuldigten haben also „Ambitionen“ gehegt. Was dieser Begriff insinuiert, weiß man aus der Grabrede des Marcus Antonius für den erdolchten Cäsar. Was man nicht erfährt: Hat Lage sich beschwert, dass vor gut einem Jahr nicht er, sondern der greise Revolutionsveteran José Ramón Machado Ventura von Raúl Castro zu seinem Stellvertreter gemacht wurde? Und wenn es so gewesen sein sollte: Wäre er nicht vielleicht wirklich der bessere Kandidat gewesen?
Die Beschuldigten haben also „den Feind zu Hoffnungen veranlasst“. Das lässt zwei Interpretationen zu. Variante eins: Alles Unfug – der Feind hegt wieder einmal Illusionen und wird seinen Irrtum früher oder später einsehen müssen. Dann hätten die betreffenden Personen für ihr erfolgreiches Täuschungsmanöver freilich eine Beförderung verdient und nicht die Absetzung. Bleibt Variante zwei: Die Hoffnungen des Feindes waren berechtigt. Dafür gibt es einen Strafrechtsparagraphen. Er lautet auf Hochverrat. Absurder geht es nimmer.
Fragen stehen im Raum, Antworten der unmittelbar Beteiligten aber gibt es bisher nicht und wird es möglicherweise auf absehbare Zeit nicht geben. Auf einem solchen Nährboden gedeihen Spekulationen und vielleicht auch bald neue Legenden. Aus Santiago de Cuba wird berichtet, am Tage nach dem Großreinemachen im Politbüro seien Graffitti aufgetaucht: „Lage Presidente.“ An der Verifizierung dieses Gerüchts wird gearbeitet.

// Hinnerk Berlekamp

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