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Durch das Auge der Kamera

Peter Overbeck ist ein Mann in den Siebzigern, der auf den ersten Blick sympathisch wirkt. Mit einem freundlichen Lächeln beginnt er, aus seinem Leben zu erzählen: „Als ich in Brasilien anfing, wollte ich von Politik nichts wissen. Ich war sogar gegen die Politik und dachte, die Kunst allein kann die Welt retten. Aber dann kam der Putsch.“
1951 – Overbeck wandert als junger Kunststudent mit seiner schwangeren Frau nach Brasilien aus und schlägt sich zunächst als Kirchenfenstermaler durch. Fünf Jahre später bekommt er seine erste Anstellung beim Film, dreht Industriefilme, die ihn aus der entrückten Welt des Werbefilmstudios hinaus in das wirkliche Leben führen. „Mit den Industriefilmen habe ich durch die Arbeiter und ihre Lebensbedingungen zum ersten Mal die brasilianische Realität kennen gelernt“, erinnert er sich.

Putsch in Brasilien

Seinen ersten eigenen Dokumentarfilm dreht der in Mannheim aufgewachsene Overbeck über die Studierendenrevolte in Brasilien nach dem Militärputsch von 1964, bei dem João Goulart mitsamt seinem Reformpaket, das unter anderem eine Agrarreform vorsah, gestürzt wird. Die Militärdiktatur beginnt. Während der Dreharbeiten lernt der Kameramann Studierende und Professoren kennen, die sich politisch stark engagieren. „Durch sie bin ich dann in eine Bewegung geraten – den Untergrund, wie man so sagt“, sagt er.
Overbeck und seine damalige Frau unterstützen die oppositionelle Untergrundorganisation Allianz zur Nationalen Befreiung (ALN), indem sie kleine Geldmengen von Banküberfällen umtauschen, von den Militärs Verfolgte bei sich verstecken und Passfotos für gefälschte Pässe anfertigen. Viele Freunde und Bekannte verschwinden, einige werden ermordet. Die Lage wird immer kritischer. Den Overbecks gelingt es schließlich 1971, nach Chile überzusiedeln. Dort wird der Dokumentarfilmer Mitglied der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR). „Wir haben uns in Chile politisiert, als wir erkannten, dass die Politik sehr wichtig ist. Wenn in Brasilien große Armut neben großem Reichtum herrscht, liegt das nicht an dem Charakter der Leute und schon gar nicht an einer Rasse, sondern an einer bestimmten Politik. Das ist eine gewollte Angelegenheit. So bekamen auch meine Filme eine Tendenz.“
Nach dem Sturz Allendes 1973 lebt Peter Overbeck mit seiner zweiten Frau Ruth, einer tschechoslowakischen Jüdin aus Chile, einige Monate im Untergrund, bis beide schließlich 1975 nach Deutschland fliehen. Zwei Jahre später kehren sie nach Brasilien zurück. Hier drehen die beiden gemeinsam zahlreiche Dokumentarfilme, die teilweise zur Aufklärung und Schulung von Arbeitern eingesetzt werden.

Schicksalsberichte

In seinem Buch Gott ist Brasilianer. Erlebnisse eines Kameramanns stellt der Dokumentarfilmer vier dieser in Brasilien entstandenen Filme vor und erzählt auf diese Weise traurige, aber auch hoffnungsvolle Schicksale von verschiedenen der ärmsten Menschen Brasiliens, die exemplarisch für viele andere stehen: Da ist zum Beispiel Maria, die Zuckerrohrschneiderin, die sich gemeinsam mit anderen Arbeitern in einer Gewerkschaft organisiert – der entsprechende Film Sie zerstörten unsere Häuser und pflanzten Zuckerrohr (1985) wurde mit der Silbernen Taube des Filmfestivals Leipzig ausgezeichnet. Er erzählt die Geschichte von Pater Josimo, der als Vertreter der Befreiungstheologie wegen seines Einsatzes für die Bewegung der Landlosen Bauern (MST) ermordet wird und zeichnet das Portrait einer Gruppe von AltpapiersammlerInnen in São Paulo, die eine Kooperative gegründet hat, um sich aus der Abhängigkeit der Zwischenhändler zu befreien.
„Ich glaube, ein Weg die starken Kontraste zwischen arm und reich auszuhalten, ist es, zu versuchen, irgendetwas zu tun“, erklärt Peter Overbeck. Die Politik des brasilianischen Präsidenten ‚Lula’ Ignacio da Silva überzeugt ihn nicht. „Die Frage ist nicht, welche Veränderungen es gab, sondern, warum sich nichts verändert. Leute wie wir, aber auch aus der eigenen Partei, sind sehr enttäuscht. Es ist ein Gefühl zwischen Enttäuschung, Frustration und manchmal auch Empörung, dass Lula nicht mehr macht.“ Der Dokumentarfilmer räumt aber ein: „Die Frage ist allerdings: Was kann er überhaupt anders machen?“ Erst einmal müsse eine Basis entstehen, eine Bewegung, um es einer Regierung zu ermöglichen, etwas zu verändern. Heute gibt es in Brasilien viele kleine Bewegungen. Die größte ist die der Landlosen Bauern (MST). „Ein führender Vertreter der Bewegung sagte mir einmal: ‚Wir wollen einen demokratischen Sozialismus, wissen aber im Moment weder, wie wir dahin kommen, noch, wie er genau aussehen wird. Aber wir haben uns auf den Weg gemacht’“, erzählt Peter Overbeck.
Heute lebt er mit seiner Frau in einem Kibbuz in Israel. Trotz seiner teilweisen Resignation vor der Realität hat er die Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft nicht völlig aufgegeben. So wie die brasilianische Redewendung Deus é brasileiro – Gott ist Brasilianer – zwar meist ironisch verwendet wird, kann sie doch auch die Hoffnung auf Besserung ausdrücken.

Peter Overbeck: Gott ist Brasilianer. Erlebnisse eines Kameramanns. Edition Nautilus, Hamburg 2005. 224 Seiten, 19,90 Euro.

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