Literatur | Nummer 423/424 - Sept./Okt. 2009

Durch die Brille eines räudigen Hundes

Das Romandebüt der Autorin und Filmemacherin Lucía Puenzo, Das Fischkind, lässt hinter die Fassaden der argentinischen Oberschicht blicken

Olga Burkert

In der Familie Brontë scheint gar nichts mehr zu stimmen: Der Vater ist ein depressiver Professor, versunken in seiner eigenen Welt. Die Mutter verlässt die Familie und brennt mit ihrem Liebhaber nach Indien durch. Sohn Pep verkauft Marihuana an einen Zivilpolizisten und wird wegen Drogenhandels verhaftet. Und die Tochter, die verträumte Einzelgängerin Lala, liebt nicht nur eine Frau, sondern auch noch das paraguayische Hausmädchen ihrer Familie: die Guayí. Lucía Puenzo führt die LeserInnen in ihrem Roman Das Fischkind in die Abgründe und die verkrusteten Beziehungsgeflechte der argentinischen Oberschicht. Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, wird der Roman aus der Perspektive von Lalas versautem Hund Serafín erzählt, der in ordinärem Ton von den zwischenmenschlichen Abgründen der Menschen berichtet. Durch diesen erzählerischen Kniff kann die Autorin ihren Ich-Erzähler jedoch tief in die Seelenlage der handelnden Personen blicken lassen.
Das fragile Nebeneinander in der Familie wird an dem Punkt zum Problem, als Lala entdeckt, dass nicht nur sie die Guayí begehrt. Auch ihr Vater vergreift sich immer wieder an seiner hübschen Angestellten. Es wird dabei nie ganz deutlich, ob Brontë die Guayí regelmäßig vergewaltigt oder ob diese sich auf eine Art auch zu ihm hingezogen fühlt. Denn eine Gelegenheit zur körperlichen Liebe scheint diese nur selten auszulassen. Die Guayí wird von Puenzo als sehr erotisch und exotisch dargestellt, als die dunkle Fremde, in die ihre Mitmenschen ihre sexuellen Phantasien hinein projizieren.
Trotzdem ist die Liebe zwischen Lala und der Guayí etwas Besonderes. Und das nicht nur, weil schon das Schreiben über eine lesbische Beziehung in Argentinien etwas Besonderes ist. Zusammen planen sie abzuhauen, den Mief in Buenos Aires hinter sich zu lassen und ins stark mystifizierte Paraguay auszuwandern. Doch das Verhältnis zwischen Brontë und der Guayí bedroht diesen Plan. Lala weiß, er oder sie selbst müssen gehen. Und so bereitet sie eines Abends zwei Gläser mit warmer Milch, eines davon mit einer gehörigen Portion Schlaftabletten. Als sie diese vor ihren Vater stellt, überlässt sie es dem Zufall, wer von beiden das vergiftete Glas trinkt.
Als Lala am nächsten Morgen aufwacht, ist ihr Vater tot und die Guayí verschwunden. Lala macht sich mit Serafín auf nach Ypacaraí, den Geburtsort der Guayí, und beginnt zu warten. Dort trifft sie auf den Großvater der Guayí, der ihr immer mehr von deren Vergangenheit erzählt. Er ist es auch, der Lala sagt, dass die Guayí in Buenos Aires im Jugendgefängnis sitzt, unter dem Verdacht, Lalas Vater umgebracht zu haben. Außerdem lernt Lala Socrates kennen, ein bekannter Fernsehstar Paraguays und „der erste Freund von Lin“, wie er sich selbst und die Guayí bezeichnet. Es ist Socrates, der Lala von der Schwangerschaft der Guayí berichtet und die Legende des Fischkindes auflöst, das immer wieder im See bei Ypacaraí gesehen wurde. Als Lala das Warten auf die Guayí nicht mehr erträgt, macht sie sich zurück auf den Weg nach Buenos Aires. Dort kommt es zum grandiosen Showdown.
Luciá Puenzo hat ihr Romandebut selbst verfilmt, der gleichnamige Film lief dieses Jahr auf der Berlinale (siehe LN 417, März 2009). Darauf ist wohl zurückzuführen, dass der Roman von 2004 nun ins Deutsche übersetzt wurde. Im Gegensatz zum Film wirkt das Buch weniger überfrachtet. Es lässt weitaus mehr Zeit, Lalas Welt in ihren vielen Facetten zu zeichnen und nicht nur die Handlungsspirale immer weiter zuzuspitzen.

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