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Ein aufregender Streifzug

„Aber nehmen wir doch einmal die kulturelle Intelligenz: Sie können von der Kultur, in die sie hineingeboren werden, ausgehen, um von dort aus andere Kulturen zu verstehen und sie für den eigenen Entwicklungsprozess zu nutzen. Das ist genau das, was ich mit meinen Arbeiten mache. Ich suche den Dialog mit dem Anderen, nicht um es zu kopieren, sondern um etwas Neues, etwas Drittes zu entwickeln.“ Der Choreograf und Tänzer Ismael Ivo, dessen Interview zu den interessantesten Beiträgen gehört, spricht das Thema an, das sich wie ein roter Faden durch den gesamten Sammelband zieht: Ist der „kulturelle Kannibalismus“, der 1928 von Oswald de Andrade mit dem Manifesto Antropófago entwickelte Gründungsmythos der brasilianischen Moderne, noch immer das konstituierende Element zeitgenössischer brasilianischer Kunst?
Im Vorwort des Herausgebers Alfons Hug heißt es dazu: „Die brasilianische ,Kulturphagie’ hat viel zu verdauen: Hybris und Hochkultur der Europäer, Leid und Lebenslust der Afrikaner sowie Widerstand und Spiritualität der Indígenas. Daraus entsteht eine Kreolisierung, die sich fundamental von atavistischen Monokulturen unterscheidet, die traditionell eher auf Ausgrenzung beruhen.“ Dass „die Afrikaner“ und „die Indigenen“ eigene Hochkulturen beizutragen hatten, ließe sich hier noch ergänzen. Darüber hinaus wird in den unterschiedlichen Beiträgen deutlich, dass der „kulturelle Kannibalismus“ heutigen brasilianischen Künstler_innen kein Wert an sich ist, sondern eine Auseinandersetzung mit Zuschreibungen von außen, wie Ismael Ivo erklärt.
Ivo wurde in den 1980er Jahren als Solist der Tanzkompanie Alvin Aileys in New York international bekannt und füllte während seiner anschließenden Solokarriere die großen Theater Europas. Er arbeitet immer wieder mit ungewöhnlichen Choreograf_innen und Theatermacher_innen, setzte mit dem Wiener Festival ImPulsTanz kreative Akzente und kuratierte in den letzten acht Jahren die Tanz-Biennale in Venedig. Seine Arbeiten sind oft verstörend, unterlaufen die Erwartungen des Publikums, insbesondere die der Exotik des „schwarzen Tänzers“: „Wenn Kritiker versucht haben, mich zu kategorisieren in einem – sagen wir – exotischen oder folkloristischen Sinn als ,Brasilianer’, dann habe ich eben Shakespeare gemacht, oder mich mit Francis Bacon beschäftigt, mit der antiken Mythologie oder der Apokalypse. Ich lasse mich nicht in einem festen Rahmen definieren oder katalogisieren.“
Sein Interview endet mit der Entdeckung, dass die Brechung ästhetischer Konventionen in seinen Stücken ihre Wurzeln in der politischen Auseinandersetzung mit der afro-amerikanischen Geschichte hat. Während der Militärdiktatur war er Teil der Bewegung junger schwarzer Künstler_innen in Salvador de Bahia, die in ihren Arbeiten den alltäglichen Rassismus aufdeckten. Diese Erfahrungen inspirieren und motivieren seine Arbeit bis heute.
Eine andere Entdeckung ist der Multimedia-Künstler und Filmemacher Kiko Goifman, in dessen filmischen Arbeiten die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verschwimmen. Seine Filme wurden bereits mehrfach auf internationale Festivals eingeladen; zuletzt wurde Olhe pra mim de novo (Schau mich von Neuem an) im Panorama der Internationalen Filmfestspiele in Berlin 2011 gezeigt. In FilmeFobia arbeitete Goifman mit Menschen, die echte Phobiker_innen sind, mit Schauspieler_innen und mit phobischen Schauspieler_innen, er nutzt die Mechanismen des Dokumentarfilms, um beklemmende Bilder der Angst zu erzeugen. In einem fiktiven Interview – tatsächlich also in einem Selbstporträt – setzt er sich mit der „Brasilianität“ seiner Filme auseinander: „Ich verspüre keinen Zwang über Themen zu arbeiten, die besonders brasilianisch sind. Ich lebe in Brasilien und drehe dort auch. Das ist, ob ich will oder nicht, in meiner Arbeit gegenwärtig. Wenn ich in mehreren Filmen das Thema Gewalt behandle und Brasilien ein äußerst gewalttätiges Land ist, ist klar, dass da eine Beziehung besteht. Was ich allerdings vermeiden möchte, ist, stereotype Vorstellungen von Brasilien zu bedienen. Ich denke mehr an eine verschwommene, sogar brüchige Beziehung, vielleicht über den brasilianischen Humor. Wenn wir uns darin einig sind, dass Brasilien par excellence ein Ort der Vielfalt ist, ist dies auch auf einzigartige Weise in jedem meiner Filme gegeben.“
International am bekanntesten ist die kulturelle Vielfalt Brasiliens im Bereich der Musik, in der „alles zusammengetragen und miteinander vermischt“ ist, wie die Musikjournalistin Patricia Palumbo in ihrem Artikel über Popmusik im heutigen Brasilien schreibt. Eine eher neue Erscheinung dieser musikalischen Diversität ist der Tecno-brega, zu der Gaby Amarantos, die „Königin des Tecnobrega“, interviewt wird. Amarantos wuchs in Jurunas am Rand von Belém in einer Familie von Samba-Musiker_innen auf. Zusammen mit ihrer Band Tecno Show kam sie auf die Idee, die schnellen Gitarrenriffs des traditionellen Brega mit einem Elektro-Beat zu unterlegen. Das Musikvideo zu ihrem Soloalbum Xirley machte sie und diese Musikrichtung der Peripherie in ganz Brasilien bekannt, auch das Album Treme wurde 2012 ein großer Erfolg. Der Tecnobrega speist sich aus der traditionellen Musik des amazonischen Bundesstaates Pará. Amarantos selbst erklärt ihren Erfolg so: „Jurunas, mein Viertel, ist meine Energiequelle, dort habe ich gelernt, dass man die Vielfalt schätzen muss. Ich hatte das Privileg, in einer multikulturellen Umgebung geboren worden zu sein, auch wenn sie offiziell zur Peripherie zählt. Weil Jurunas die Wiege verschiedener kultureller Strömungen ist, trage ich diese Pluralität in meinem Gepäck.“
Das klingt so, als sei der kulturelle Kannibalismus in seiner Gewalttätigkeit abgeschlossen und auch die Auseinandersetzung mit Zuschreibungen von außen in der Generation von Amarantos einem leichtherzig gelebten Diversity-Menü gewichen.

Alfons Hug im Auftrag der Akademie der Künste und des Goethe-Instituts (Hg.) // Positionen 6 – Zeitgenössische Künstler aus Brasilien // AdK // Berlin/Steidl, Göttingen 2013 // 24,00 Euro

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