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Ein Brasilianer auf der Suche nach der verplemperten Zeit

Kein Zweifel: Seinen Lebensroman hatte Bras Cubas sich eigentlich prickelnder vorgestellt. Schließlich beginnt dieser recht vielversprechend. 1805 in die Oberschicht von Rio de Janeiro hinein geboren, zeigt Bras bereits als Fünfjähriger außerordentliche Talente: Mit tadelloser Haltung reitet er auf dem Rücken eines schwarzen Hausangestellten durch die elterliche Wohnung. Mit Argusaugen spioniert das aufgeweckte Kerlchen fremdgehenden Paaren hinterher, um dann deren verstohlene Küsse vor versammelter Gesellschaft auszuposaunen. Als Jüngling schreckt er auch vor dem Griff in Papas Schatulle nicht zurück, um die unersättliche Lust seiner Mätresse auf Smaragddiademe zu befriedigen. Bis Papa der Verschwendungssucht seines Stammhalters auf die Schliche kommt und ihn kurzerhand auf ein Schiff Richtung Lissabon verfrachtet. Welch Strafe! Dort studiert der junge Bras das süße Leben und bekommt sogar noch einen akademischen Titel hinterher geschmissen. Rückblickend meint Bras selbst dazu: „Die Rechtswissenschaft konnte nichts Seriöses sein, wenn selbst ich Doktor werden konnte.“
Nun, am Ende seines 64-jährigen Lebens und am Anfang des Films Memórias póstumas (“Posthume Memoiren”), stiehlt sich der Geist des ergrauten Lebemannes Bras Cubas von seinem eigenen Totenbett davon. Während zu sehen ist, wie sein sterblicher Körper in Gegenwart der Ex-Geliebten Virgília und einer Handvoll Trauergäste die letzten Zuckungen tut, wirft sich der Geist Bras Cubas’ am Rande der Szenerie in Positur. Wie ein Stehaufmännchen steht er da, um uns mit abgeklärter Nonchalance die Geschichte seines Lebens zu erzählen.
Eigentlich ist es für einen Regisseur ja berufliches Harakiri, dem Publikum gleich zu Beginn die Schlusspointe zu verraten. Was soll schon im Leben Bras Cubas passiert sein, fragt man sich unwillkürlich, wenn die Kamera über die verschnarchte Runde am Totenbett schwenkt. Aber gerade die karikaturhafte Übersteigerung gepflegter Langeweile ist das Lebenselexier von André Klotzels Film nach dem Literaturklassiker des brasilianischen Schriftstellers Machado de Assis aus dem 19. Jahrhundert. Mit süffisanter Ironie und schamloser Lust an der Bloßstellung von Oberflächlichkeiten erzählt er die Geschichte eines reichen Müßiggängers, dessen Talente nicht einmal zum Dandy reichen. Von höheren Weihen ganz zu schweigen. Umso grotesker, dass Bras Cubas gebetsmühlenhaft davon schwafelt, dass er gerne Minister wäre oder ein Kind zeugen würde. Fehlanzeige. Falls Bras nicht gerade mal wieder in einer Wolke aus Depressionen und vulgärphilosophischen Anwandlungen wabert, scharwenzelt er durch die Salons von Rio de Janeiro. Immer in der Hoffnung, sich an die Rockschöße eines erfolgreichen Politikers zu hängen oder zumindest an diejenigen einer schönen Frau.
In seinem Film Capitalismo salvagem (“Wilder Kapitalismus”, 1994) hat Klotzel sich mit süffisanter Ironie über den sexuellen und materiellen Einverleibungsdrang einer Industriellenfamilie der Gegenwart her gemacht. Gibt es in diesem Falle allerdings noch Gegenparts in Gestalt von rebellierenden Indios, Umweltschützern oder Pressereporterinnen, so scheint bei Memórias póstumas Brasiliens Oberschicht fast allein zu Haus – mit Ausnahme des eingangs erwähnten Domestiken, auf dem herum geritten wird.
Warum erzählt Klotzel heute diese Geschichte aus der Feudalzeit? Vielleicht deshalb, weil diese Spezies reicher Tagediebe, die sich mittels „Vitamin B“ durchs Leben lavieren, längst noch nicht ausgestorben ist. Das gilt nicht nur für die gesellschaftliche Hackordnung in Brasilien. Bras Cubas und sein Gefolge kommen wie eine Karikatur an Selbstüberschätzung leidender Möchtegern-Eliten im Allgemeinen daher. Wenn Bras Cubas lamentiert, er sei jetzt über vierzig „und immer noch kein Minister“, kann man sich durchaus George W. Bush in einer ähnlichen Rolle vorstellen, wie er einst sagte: „Jetzt bin ich schon über vierzig und habe es nur zum Boss eines Sportclubs gebracht. Mal gucken, was Papa für mich tun kann.“
Tja, im Fall von Bras Cubas bleibt uns ein solcher Triumph des Mittelmaßes erspart, auch wenn erfolgreicherere Nebenbuhler ebensowenig überzeugen.
In seiner Art, Geschichte als grelles Sittengemälde auf die Leinwand zu klatschen, hat André Klotzel viel mit seiner brasilianischen Kollegin Carla Camurati gemeinsam. Deren historische Farce Carlota Joaquina, princesa do Brasil, die weder blaublütige Herrschaften noch die „Gründungsväter“ der brasilianischen Unabhängigkeit ungeschoren lässt, war vor vier Jahren bei der Berlinale zu sehen. Nicht umsonst stellt Bras Cubas sich in einer Szene die Schickeria von Rio vor, wie sie bis auf die Unterwäsche entblösst im Foyer der Oper herum steht. Andere Methoden, mit denen Cubas sich die Zeit vertreibt, sind das Kokettieren mit orientalischer Philosophie und die Schöpfung von Aphorismen. Einen findet er besonders genial: „Wir schlagen die Zeit tot, aber die Zeit begräbt uns“.
So schlendert der Film im Schlepptau seines Protagonisten von einer biographischen Anekdote zur nächsten. Die Tatsache, dass weder Bras Cubas noch sonst eine der Figuren wirklich zu interessieren oder gar zu berühren vermögen, macht sowohl die Stärke als auch die Schwäche der Posthumen Memoiren aus. Einerseits wäre ohne diesen Distanzierungseffekt kein so mitleidloser Blick auf die diskrete Langeweile der brasilianischen Bourgeoisie möglich. Auf der anderen Seite lässt angesichts von soviel Lärm um Nichts irgendwann die Aufmerksamkeit nach. So ist man direkt erleichtert, als Bras Cubas mitsamt seinen geistigen Blähungen endlich von einem Windhauch dahingerafft wird. Der fast geräuschlose Abgang einer dekadenten Kaste – klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Memórias póstumas. André Klotzel (Regie) Brasilien, 2000; Farbe, 102 Minuten. Der Film wird während der Berlinale (7. – 18. Februar 2001) im „Panorama“ gezeigt.

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