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Ein Cocktail namens Hoffnung

São Paulo – Edna Alves Martinez lebt ein völlig normales Leben. Die heute 27-Jährige wurde mit sieben Jahren von ihrer Familie in Porto Seguro im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia zu ihrer älteren Schwester nach São Paulo geschickt. Sie arbeitete als Putzfrau, Straßenhändlerin und Prostituierte. Heute ist sie Friseurin – und HIV-positiv.
Erst als ihr Mann vor einigen Jahren an Aids starb, machte sie einen Test. Dann kamen die ersten Anzeichen der Immunschwäche. Edna erkrankte an Tuberkolose. „Normalerweise wäre ich schon längst tot“, sagt die junge Frau. Im Krankenhaus begann man mit einer Kombinationstherapie und ihr Immunsystem erholte sich allmählich. Seitdem erhält Edna regelmäßig kostenlos einen so genannten Anti-Aids-Cocktail, durch den sie wieder eine Perspektive erhalten hat. In dem Friseurladen in São Paulo verdient sie nicht viel, aber sie lebt.
Die Kombinationstherapie ist Teil des brasilianischen Anti-Aids-Programmes, mit dessen Hilfe die Sterblichkeitsrate der ungefähr 550.000 Aidskranken und HIV-Positiven in Brasilien mehr als halbiert wurde. Sie besteht aus der kostenfreien Behandlung mit einem Cocktail von zwölf Medikamenten. Allein der Import der zwei patentierten Produkte kosteten den Staat 39 Prozent der 303.000 US-Dollar, die er im vergangenen Jahr für Anti-Aids-Präparate ausgab. Die anderen zehn werden von nationalen Firmen hergestellt. Im vergangenen Jahr konnten rund 85.000 Aids-Patienten mit dem Cocktail versorgt werden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sanken die Kosten der Medikamente seit 1997 für einen Patienten von 7.900 auf 3.570 US-Dollar pro Jahr – in den USA sind es dagegen nach Angaben der brasilianischen Regierung zwischen 10.000 und 15.000 US-Dollar. Zudem sind die Medikamente in den USA nicht gratis. Ein weiterer positiver Aspekt betrifft den Rückgang der Krankenhausaufenthalte. Allein in den vergangenen vier Jahren sind nach offiziellen Angaben 670 Millionen US-Dollar eingespart worden. Mit dem Anti-Aids-Cocktail können die HIV-Infizierten und Aidspatienten ein geregeltes Leben führen und einem Beruf nachgehen. „Das Anti-Aids-Programm wird in Zukunft auch Drogenabhängige und Gefängnisinsassen miteinbeziehen“, sagt der Leiter des nationalen Aids-Programms, Paulo Teixeira. Zudem solle die Zahl der Aidstests erhöht und weitere Krankenhäuser vor allem in der Nähe zu Favelas (Elendsvierteln) gebaut werden.

Gegen die Seuche – gegen die USA

Doch aus dem Kampf gegen die weltweite Immunschwäche ist inzwischen auch eine Handelsschlacht mit den USA geworden. Die brasilianische Regierung verteidigt das brasilianische Patentgesetz, das in Notfällen Anti-Aids-Medikamente herzustellen erlaubt, obwohl sie als geistiges Eigentum einiger US-amerikanischer Pharmakonzerne geschützt sind. Der Beschluss ist Washington ein Dorn im Auge.
Brasilien will erreichen, dass die Pharmakonzerne die Preise für Aids-Medikamente senken. Die USA werfen der brasilianischen Regierung im Gegenzug Protektionismus vor und behaupten, einziges Ziel der Initiative Brasiliens sei es, die ausländischen Firmen ins Land zu locken, anstatt deren Waren zu importieren. Die nationale Herstellung patentierter so genannter Generika (Nachahmerprodukte) verstoße gegen internationale Handelsabkommen und gegen das Patentschutzabkommen.
Der Streit begann am ersten Februar, als Washington vor der Welthandelsorganisation (WTO) forderte, Brasilien “zu bestrafen”. Zwei Monate später, am ersten Mai, drohte der Handelsvertreter der USA, Robert Zoellick: „Wir werden unsere ganze Macht und die internationalen Gesetze gegen das Ansinnen Brasiliens einsetzen.“ Die Kritik Washingtons richtet sich gegen den Artikel 68 des brasilianischen Patentgesetzes: Nach Meinung der US-amerikanischen Regierung benutzt Brasilien das Anti-Aids-Programm, um „protektionistische Maßnahmen zu rechtfertigen“, so Zoellick. Für die brasilianische Regierung hingegen „steht das Leben tausender BrasilianerInnen auf dem Spiel, die auf die vom Gesundheitsministerium kostenlos verteilten Medikamente angewiesen sind“.
„Ohne die Herstellung im eigenen Land ist es unmöglich, das Programm zur Versorgung unserer Bevölkerung mit Medikamenten weiterzuentwickeln“, sagte der brasilianische Gesundheitsminister José Serra und griff Zoellick direkt an: „Er verteidigt nicht den freien Handel, sondern die Interessen der nordamerikanischen Laboratorien.“ José Serra schoss seine Giftpfeile gezielt in Richtung Washington. Die USA würden mittels internationaler Handelsabkommen den armen Ländern den Zugang zu billigen Medikamenten verweigern, sagte der brasilianische Gesundheitsminister bei der Jahresversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf Mitte Mai. Die Nordamerikaner hatten nach Klagen der US-Pharmaindustrie im Januar die Welthandelsorganisation (WTO) damit beauftragt, zu prüfen, ob Brasiliens Patentrecht die Handelsabkommen verletze. Brasilien hingegen behauptet, dass damit das weltweit gepriesene Programm zur Vorbeugung und Behandlung von Aids gefährdet sei. Im April hatte Brasilien bei der UN-Menschenrechtskommission einen Punktesieg erzielt. Die USA waren das einzige von 53 Ländern, das nicht einer Übereinkunft zum weltweiten Zugang zu Anti-Aids-Präparaten zustimmte. Unterdessen kündigte die US-amerikanische Firma Merck, Sharp & Dohme an, den Preis für das Präparat Efavirenz (um zwei Drittel) zu senken, nachdem Serra damit gedroht hatte, eine Zwangslizenz für die Herstellung des Wirkstoffes zu erteilen.
Ähnliches kündigte der Brasilianer dem Schweizer Konzern Roche an, der eine Preissenkung von lediglich 13 Prozent des Präparats Nelfinavir vorgeschlagen hatte: „Sie einigten sich nicht mit unserer Regierung, um die Preise für eines der wichtigsten Präparate aus dem Anti-Aids-Cocktail zu senken.“ Während Merck, Sharp & Dohme nachgegeben hatte, nachdem ein brasilianisches Labor gezeigt hatte, dass es Efavirenz viel billiger herstellen kann, blieb Roche hart. Die Folge: Die brasilianischen Labors versuchen nun so schnell wie möglich, Nefinavir nachzuahmen. Heute gibt es in Brasilien sechs staatliche Unternehmen, die acht der zwölf Medikamente für den Kampf gegen Aids herstellen: Far-Maghinhos und IVB, beide in Rio de Janeiro, Furp in São Paulo, Lefepe in Pernambuco, Iquego in Goiás und Funed in Minas Gerais. Diese Firmen bieten die Produkte um 72 Prozent billiger an als die internationalen Konzerne. Durch die Verlagerung der Produktion ins eigene Land sparte Brasilien nach offiziellen Angaben bisher mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar ein.

Vorkämpfer Südafrika und Brasilien

Brasiliens Erfolg wurde verstärkt, als ein Gericht in Südafrika die Klage von 39 Firmen gegen ein Gesetz abwies, das der südafrikanischen Regierung erlaubt, unpatentierte Anti-Aids-Medikamente zu kaufen. Brasilien und Südafrika erhalten in ihrem Kampf Unterstützung von internationalen Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“. Einen weiteren Durchbruch erreichten sie im April, als die UN den Zugang zu Medikamenten bei Epidemien als ein Menschenrecht anerkannte. Damit stärkten die UN die brasilianische Position. „Die Weltmeinung ist auf unserer Seite“, sagte Serra. Anders hingegen die Regierung in Washington. Die USA akzeptieren zwar, dass Brasilien Patentgesetze verletzt, wenn es der gesundheitlichen Notversorgung dient. Sie fürchten jedoch, dass es Medikamente exportiert und die Technologie zu deren Produktion an andere Entwicklungsländer liefert. Nach wie vor sind die Aids-Medikamente weltweit zu teuer. Brasiliens Regierung beklagt weiterhin, dass die ausländischen Pharmakonzerne keine billigen Nachahmerprodukte anbieten. Deshalb hat das Land auf der WHO-Tagung im Mai eine Resolution eingebracht, in der die nationale Produktion von Nachahmer-Präparaten „in besonderen Fällen“ erlaubt werden soll. Die brasilianischen Hoffnungen richten sich vor allem auf die Aids-Konferenz der UN vom 25. bis 27. Juni. UN-Generalsekretär Kofi Annan hat bereits zum weltweiten Kampf gegen die Seuche aufgerufen. Wenn dieser Kampf erfolgreich sein soll, muss es vor allem den afrikanischen Ländern ermöglicht werden, dem brasilianischen Beispiel zu folgen.

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