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Ein Doppelleben

Ernesto Gómez Gómez ist eigentlich Guillermo Morales. Er war es zumindest und will es auch wieder sein. Er sitzt am Strand bei San Francisco, im Hintergrund die Golden-Gate-Bridge, und erzählt über seine innere Zerrissenheit. Die Kamera um-kreist ihn, wechselt die Blickrichtung, zeigt die Widersprüche, mit denen der junge Mann leben muß. So wie der gesamte Dokumentarfilm, der sehr unstet und teilweise abgehackt wirkt, die Szenen rasch wechselt und bei dem sich erst im Laufe der Zeit ein roter Faden erkennen läßt: Die Biographie des heute 18jährigen Ernesto alias Guillermo. Geboren wird er als Ernesto Gómez in Puerto Rico. Seine Eltern kämpf ten in der wiederauflebenden Un-abhängigkeitsbewegung der 70er Jahre auf der seit 1898 von den USA besetzten Insel. Als sie sich entschließen, für ihre Sache in den Untergrund zu gehen, trennen sie sich von ihrem damals eineinhalb-jährigen Sohn und geben ihn zu Pflegeeltern nach Chihuahua in Nordmexiko, weit weg von der Heimat, um ihn vor möglichen Konsequenzen zu schützen.
Nach wenigen Monaten und einer Serie von Bombenanschlägen werden beide Eltern verhaftet und zur Aburteilung in die USA überführt. Dem Vater Eduardos gelingt die Flucht, seither lebt er im Exil in Kuba. Seine Mutter dagegen wird zu 55 Jahren Haft verurteilt und sitzt seither in San Francisco im Gefängnis. Ernesto wächst derweil als kleiner Mexikaner heran. Mit zehn Jahren erfährt er von seinen Zieheltern, daß sie nicht seine leiblichen Eltern sind.

Das Wiedersehen

Kurz darauf kann der Junge zum ersten Mal seine Mutter wiedersehen, und mit Fünfzehn entschließt er sich, nach Kalifornien zu ziehen. Dort wird er zu Guillermo, er geht zur Schule und bekommt schließlich einen auf den Namen Guillermo Morales ausgestellten US-Paß. Seither kämpft er für die Freiheit seiner Mutter und der anderen Gefangenen des puertorikanischen Widerstands der 70er Jahre.
Dieser Teil, das politische Engagement der mittlerweile nach Chicago übergesiedelten Hauptfigur, erscheint etwas nachge-schoben, so als ob der Film erst einmal gelegen hätte und dann endlich nachaktualisiert und vollendet wurde. Denn die anderen Sequenzen des Dokumentarfilms stammen aus dem Jahre 1995, die Szenen vor der Golden Gate Bridge, die Interviews mit der Mutter im Gefängnis, die Einstellungen mit der mütterlichen Ana María, bei der Guillermo in San Francisco Unterschlupf gefunden hat und die Interviews mit seinen Pflegeeltern in Chihuahua. Die Vergangenheit des Jungen wird erzählt und mit Fotos illustriert. Regisseur Gary Weimberg hat ein Motiv aufgegriffen, das in mehreren Ländern Lateinamerikas bis heute Brisanz hat. Das Schicksal von Ernesto alias Guillermo erinnert an das der vielen Kinder politischer Gefangener in Argentinien, Uruguay oder El Salvador, die während der Militärdiktaturen veschleppt und zwangsadoptiert wurden. Die politisch motivierte Kampagne zur Rückführung der salvadorianischen Kinder hat keine Rücksicht auf die psychosozialen Aspekte genommen, die Weimberg so eindrücklich schildert.

Nebenthema mit Absicht

Der Film greift ganz nebenbei, aber zweifelsohne mit Absicht, ein Thema auf, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Den bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit von Puerto Rico. Und vor allem das der maßlosen Rachegelüste der USA gegenüber den VertreterInnen der Unabhängigkeitsbewegung, die sich anschickten, mit Bombenanschlägen gegen die Kolonialherrschaft der Vereinigten Staaten auf der Karibikinsel vorzugehen. Es wäre zu wünschen, daß der Dokumentarfilm über das Doppelleben von Ernesto Gómez dazu beiträgt, das überfällige Problem etwas seiner Vergessenheit zu entreißen.

“The double life of Ernesto Gómez Gómez“, USA/Mexiko 1998; Regie: Gary Weimberg; Farbe, ca. 60 Minuten. Dieser Film ist im Forum auf der Berlinale zu sehen.

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