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Ein Filmfestival im Exil

Warum findet das Menschenrechtsfilmfestival Memoria Verdad Justicia dieses Jahr im Exil statt?
Unser Festival ist unter der Prämisse angetreten, die Filmproduktionen zu zeigen, die in Guatemala gemacht werden. Der erste Film in Bearbeitung für das Programm 2015 war der Film Burden of Peace über die Staatsanwältin Claudia Paz y Paz. Als der Regisseur erklärte, dass der Film in Guatemala nicht gezeigt werden kann, war das der Moment, um zu sagen: Das Festival macht so, wie wir es gewollt und gestaltet haben, keinen Sinn mehr.

Was soll mit dem Festival im Exil erreicht werden?
Bei dem Exil geht es darum, international auf die Situation in Guatemala aufmerksam zu machen und die Filme zu zeigen, die dort nicht laufen können – zum Beispiel der Film über jugendliche Breakdancer B-Boy for Life. Es ist eine skurrile Situation: Auf der einen Seite gewinnt Guatemala einen Silbernen Bären auf der Berlinale, auf der anderen Seite ist es im Land selber unmöglich, Filme zu zeigen und letztendlich auch zu machen. Das gibt es woanders in Lateinamerika kaum – zumindest in einem Land, das von sich behauptet, demokratisch zu sein und für Meinungsfreiheit zu stehen. Dass wir letztes Jahr drei Filme zurückziehen mussten, ist so nicht an die Öffentlichkeit gekommen. Viele Leute, auch Regisseure aus anderen Ländern, haben erst jetzt erfahren, was da eigentlich passiert ist.

Warum wurden die Filme letztes Jahr zurückgezogen?
Das sind unterschiedlich gelagerte Fälle. Im Film Crime Hunters zum Beispiel geht es um die Anklage gegen einen ehemaligen guatemaltekischen Polizeichef, einen der Verantwortlichen bei dem Gefängnismassaker in Pavón. Zwei Menschenrechtsaktivistinnen, die in dem Film zu sehen sind, sind letztes Jahr eingeschritten und haben gesagt: Wenn der hier läuft, sind wir tot.

Wie gehen Sie mit solchen Situationen um?
Ich selbst kritisiere das, weil meiner Ansicht nach größtmögliche Öffentlichkeit der beste Schutz ist. Aber jeder geht selbst mit seiner Angst und seinen Befürchtungen um und als Festival akzeptierst du das. Ich war unheimlich frustriert, als ich die Filme nicht programmieren konnte, weil ich die guatemaltekische Gesellschaft kenne und ganz eindeutig gesehen habe, dass das total wichtige Filme sind. Auf der anderen Seite waren die Gründe nachvollziehbar.

Gab es auch direkte Eingriffe von der Regierung?
Die Regierung hat uns nie schriftlich aufgefordert, die Filme zurückzuziehen. Aber sie attackiert Mitarbeiter und Medien, die den Film besprechen. La propuesta impuesta ist ein kleiner Film von Schülern über die Schülerdemonstrationen, der jetzt auch in Berlin gezeigt wird. Die beiden jungen Leute haben das erste Mal die Kamera in die Hand genommen und die Treffen der Studenten und die gewaltsamen Auseinandersetzungen während der Protestphase dokumentiert. Der Film hat bewirkt, dass sich gleich drei Ministerien auf das Festival gestürzt haben. Ein Fernsehsender hat von der Regierung Anrufe gekriegt, warum sie diesen Film besprechen. Leuten im Kulturministerium, die wir teilweise kannten, wurde mit dem Rausschmiss gedroht und die Bildungsministerin hat den Schulen verboten, den Film im Schülerprogramm anzugucken. Das ist direkte Zensur.

Wieso ist das Festival so in den Blickpunkt der Regierung gekommen?
Da gibt es unterschiedliche Gründe: Zum einen ist die Regierung Pérez Molina eine, die die Gesellschaft relativ genau nach Oppositionen abscannt und eine Militarisierung vornimmt. Wir haben als Festival die ersten Bilder von Pérez Molina veröffentlicht, als er 1982 in den Kampfgebieten der Ixil-Region, wo der Völkermord stattfand, Offizier war. Die Bilder haben auf Youtube teilweise 80.000 – 90.000 Klicks. Dann ist das Festival so groß geworden, dass es auch einen politischen Einfluss hat.

Wie hat die Bevölkerung auf das Festival reagiert?
2013 ist der Kulturminister bei der Eröffnungsrede von 2.000 Leuten hemmungslos ausgebuht worden, weil er Grüße von Molina ausgerichtet hat, der parallel dazu während dem Völkermordurteil von einem Zeugen der schweren Menschenrechtsverbrechen bezichtigt wurde (siehe LN 468). Als Großereignis ist es der Regierung ein Dorn im Auge. Zum anderen kann man behaupten, dass die Schülerbewegung möglicherweise auch Resultat des Festivals ist. Wir haben über die letzten drei Jahre immer wieder chilenische Filme über die Bildungsproteste gezeigt. Das hat Eindruck hinterlassen. Die Regierung hat Angst vor solchen Bewegungen und deshalb ist sie eingeschritten.

Wie wird in Guatemala mit dem Thema Zensur umgegangen?
Die Selbstzensur ist natürlich eine Reaktion auf die Repressionen. Das betrifft jetzt nicht nur Filmemacher oder Protagonisten der Filme, das betrifft auch die Zeitungen und Journalisten. Letztes Jahr haben wir eine Veranstaltung mit 300 bis 400 Leuten und bestimmt 60 Journalisten über das Phänomen der Selbstzensur gemacht. Das war das erste Mal, dass in Guatemala offen über dieses Thema diskutiert wurde. Sonst redet man nicht darüber. Das war so ein kleiner Fortschritt und entsprach unserer Philosophie, die Dinge öffentlich zu benennen und zu diskutieren.

Mit welcher Idee wurde das Festival ins Leben gerufen?
Wir hätten uns anfangs nie träumen lassen, so etwas in Guatemala auf die Beine zu stellen: ein Menschenrechtsfestival im Herzen der Bestie. Ich hatte die Möglichkeit, ein Festival so zu gestalten, wie ich mir das vorstelle. Das ist eben kein roter Teppich, kein Glanz und Glamour. Es ist ein Festival, das ganz eng mit der Bevölkerung verbunden ist und den Dialog zwischen Kunst, Politik und der Jugend sucht.

Was bedeutet das Festival für Guatemala?
Wenn du einmal dabei warst, weißt du genau, wie das die Leute motiviert, positiv gestimmt hat und beflügelt, sich einzumischen. Als wir Viva Cuba Libre, den kubanischen Film über die Rapper gezeigt haben, war die ganze Musikszene von Guatemala-Stadt da. Das Festival war seit fünf Jahren ein fester Zeitraum, wie ein Licht am Horizont, wo man einfach gute Filme sehen, debattieren und diskutieren konnte. Da das Festival gerade für die Jugendlichen total wichtig geworden ist, trifft das Exil natürlich die Falschen.

Was erwarten Sie von den diesjährigen Wahlen in Guatemala?
Wahljahr ist für die Bevölkerung kein gutes Jahr. Die Frustration ist groß darüber, wie Politik gemacht wird und wie sich die sogenannte Demokratie entwickelt hat. Wahljahr ist erfahrungsgemäß auch ein Jahr mit sehr viel Gewalt. Gerade im Landesinneren werden jetzt schon mögliche Kandidaten ermordet. Mit der Rückkehr des ehemaligen Präsidenten Alfonso Portillo werden die unterschiedlichsten Regierungskonstellationen verhandelt. Insofern ist die Situation völlig unübersichtlich und es entsteht eine Art Machtvakuum. Das könnte man zum Anlass nehmen und auf dem Festival ein Schwerpunkt zu Wahlen und Demokratie machen. Aber es findet dieses Jahr eben nicht statt. Dabei liegen die Themen auf der Straße.

Was kann das Medium Film in dieser Situation bewirken?
Das Wichtige bei den Filmen ist, dass die Leute sich auf der Leinwand wiedersehen. Wenn die Geschichte der B-Boys und maras (Jugendbanden, Gangs in Guatemala, Anm. d. Red.) in einem Film erzählt wird, hat das eine ganz andere Wirkung, als wenn tagtäglich von irgendwelchen Gewaltverbrechen blutrünstig berichtet wird. In den herkömmlichen Medien wiederholt sich immer die gleiche Erzählweise, der gleiche außenstehende Blickwinkel. Das Medium Film funktioniert viel besser: Die Leute identifizieren sich emotional damit und erfahren, was sie für eine Realität leben.

Erleben die Guatemaltek*innen das nicht in ihrem Alltag?
Viele leben hinter Mauern in Guatemala und sehen die B-Boys in der sexta avenida (Straße in Guatemala-Stadt, Anm. d. Red.) für Geld ein bisschen tanzen. Aber sie wissen nicht, was die B-Boys tagtäglich erleben, wenn sie abends wieder nach Hause in ihre Viertel fahren. Insofern tut es mir in der Seele weh, dass solche Filme nicht laufen können. Es geht darum, Impulse für ein anderes Denken und eine andere Wahrnehmung zu geben.

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