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Ein Fisch im Wasser der Globalisierung

In Ihrem neuesten Roman Le métier à métisser rekapitulieren Sie Ihre Exile in Frankreich, der Tschechoslowakei, in Chile und Kuba sowie Ihre Reisen durch fast alle Länder der Erde. Sie haben eine besondere Gabe, sich in andere Kulturen zu integrieren, und sagen selbst, dass Sie in Paris Franzose, in Havanna Kubaner und in Prag Tscheche sind. Wie funktioniert diese Integration für Sie, und welche Rolle spielt dabei die Sprache?

Die Sprache transportiert die Identität. In Prag zum Beispiel habe ich als allererstes Tschechisch gelernt, was alles andere als einfach war. Aber ich konnte es später eine Zeit lang sogar richtig gut. Dann musste ich das Land leider verlassen und bin nach Chile gegangen, habe Chilenen kennengelernt, aber auch Argentinier und Brasilianer. Dann musste ich wiederum gehen, diesmal nach Kuba, wo ich zwanzig Jahre lang gelebt habe. Ich bin sogar Kubaner geworden, so wie ich heute die französische Nationalität habe. Ich füge die Kulturen meiner eigenen hinzu, und das ist in der Tat ein seltenes Glück. Ich bin ein verwurzelter Nomade.

Ist diese „identité-banian“, diese Identität eines Feigenbaums, wie Sie sie in Ihrem Roman bezeichnen, eine Replik auf die „identité rhizomatique“, die „Wurzel-Identität“, die Edouard Glissant als Identitätsmodell der Karibik entwickelt hat?

Vielleicht. Aber für mich ist das keine Geisteshaltung, sondern gelebte Wahrheit. Ich habe dazu keine Theorie, ich bin kein Philosoph. Ich habe diesen Feigenbaum in einem Nationalpark auf der Insel Mauritius gesehen: Ein wirklich bemerkenswerter Baum mit einem ganzen System beeindruckender Wurzeln. Er sucht die Erde und steigt doch immer wieder daraus empor. Ich habe ihn gesehen und wusste gleich: Das bin ich.

Aus Ihrem letzten Werk lässt sich eine gewisse Nostalgie im Hinblick auf das Kreol herauslesen, so als ob in Ihnen manchmal eine Art schlechtes Gewissen hochsteigt, dass Sie auf Französisch schreiben.

Nein, keine Nostalgie. Das Kreol liegt meiner Arbeit zu Grunde, es bestimmt meinen Stil. Ich schreibe auf Französisch und nach der französischen Syntax, aber es ist so, als ob ich es auf das Kreol aufpfropfe. Das passiert ganz natürlich, ist für mich überhaupt nichts Existentielles oder ein Sprachkonflikt. Der Haitianer Léon Laleau hat einmal etwas sehr Schönes gesagt: „Spüren Sie dieses Leiden und die unvergleichliche Verzweiflung, wenn Sie mit den Worten Frankreichs das Herz bezwingen, das aus dem Senegal zu mir gekommen ist?“ Das ist sehr schön, aber diese Art des Leidens ist mir fremd. Im Gegenteil, ich spüre eine Art natürlicher Freude, das haitianische Kreol und das Französisch miteinander heimisch werden zu lassen.

Was halten Sie von dem Programm der Créolité* von Raphaël Confiant und Patrick Chamoiseau?

Dass Chamoiseau und Confiant von dort aus eine Ästhetik formulieren wollten, geht noch. Womit ich nicht mehr einverstanden bin, das ist ihre verengende Haltung im Sinne von „keine Erfüllung außerhalb der Créolité“. Das stimmt nicht, denn Leute wie Aimé Césaire haben auch im Rahmen der Négritude sehr schöne Literatur gemacht. Césaire ist in meinen Augen überhaupt der größte Poet, den die Region hervorgebracht hat. Ich selbst bin ein Mann der Synthesen: ich nehme die Créolité und die Négritude, ich nehme den magischen Realismus und den Erotismus und etabliere zwischen ihnen so etwas wie eine synergetische Situation. Die Vorstellung der Créolité ist langsam überholt, wir brauchen etwas Neues. Wir brauchen richtige Synthesen, wir müssen nach vorne schauen, und dazu brauchen wir Phantasie.

Nach Ihrer scharfen Kritik an dem Konzept der Négritude in Bonjour et Adieu à la Négritude zu Beginn der achtziger Jahre sagen Sie heute, dass Sie sich geirrt haben und es Césaire und Senghor als Verdienst anzurechnen ist, dass sie die Négritude nicht zu einer „schwarzen Macht“ erhoben haben.

Im Bezug auf die Jahre meiner Jugend, die polemischen Jahre mit Senghor und Césaire, muß man sagen, dass ich mich von der Négritude distanziert habe. Ich hatte Befürchtungen, die berechtigt waren: dass nämlich einige schwarze Diktatoren sich der Theorie bemächtigen würden. Natürlich nicht Césaire oder Senghor, beide sind ohne Zweifel Demokraten. Aber es hätte welche geben können, so wie im Fall von Haiti mit Duvalier, der die Négritude zu einer politischen Ideologie gemacht hat. „Négritude totalitaire“ nenne ich so etwas. Andererseits, wie Sartre es sehr gut in seinem Vorwort zu einer Anthologie von Senghor beschrieben hat, brauchten wir diese Art von Vermittlung in dem Sinne, dass wir kolonisierte Menschen waren, die Jahrhunderte lang keine eigene Identität hatten. Wir mussten uns zu diesem Zeitpunkt als Schwarze bejahen, nicht als Senegalesen oder Angolaner, sondern als Schwarze. Wir mussten die Leiden anerkennen, die die Schwarzen ertragen mussten, nur weil sie schwarz waren. Aber schließlich ist mir bewusst geworden, dass auch dieses „Schwarz“, in dem wir uns wiedergefunden haben, nichts als eine Maske ist. Die „Schwarzen“ waren eigentlich „falsche Schwarze“, denn hinter der Farbe eines Afrikaners verbergen sich sehr unterschiedliche Sprachen und Kulturen. Zum Glück unterscheiden sich die Leute ja durch sehr viel tiefer liegende Charakterzüge als die äußere Erscheinung.

In Ihren Romanen, vor allem in Alléluia pour une femme-jardin und Hadriana dans tous mes rêves beschreiben Sie Haiti als ein wundersames Land, ein sinnliches und magisches Paradies. Jede Form von Realismus scheinen Sie vermeiden zu wollen. Verschweigen Sie damit nicht die tatsächlichen Probleme Haitis? Ist das nicht ein Widerspruch?

Man kann die Widersprüche nicht vermeiden, das Leben ist aus ihnen gewoben. Man muss sich dessen bewusst sein, denn das schadet nichts, im Gegenteil. Ich versuche immer, das Kranke in Gesundes zu verwandeln, und die Worte des Lebens kommen aus der Phantasie. Ich denke, der Schlüsselbegriff heutzutage ist Komplexität. Die Komplexität Haitis, der Welt und der Menschen und das Phänomen der Globalisierung selbst – ich möchte das begreifen, und zwar mit meinen eigenen Mitteln. Man muss das Leben verstehen, und die Menschen, das ist meine jetzige Philosophie. Und wenn man etwas versteht, dann fängt man auch an, es zu lieben.

Welche Bedeutung hat engagierte Literatur für Sie heute?

Ich denke, dass dieser Begriff überholt ist. Wie Sie wissen, ist das mit dem Engagement [für mich] schlecht ausgegangen, ich hätte fast mein Leben verspielt. Das habe ich rechtzeitig begriffen. Ich verstehe mich nicht mehr als engagierter Autor, das war ich einmal und ich bereue es auch nicht, aber jetzt muss es mit etwas anderem weitergehen.

Warum sind Sie auch nach dem Ende der Duvalier-Dynastie im Jahre 1986 nicht nach Haiti zurückgekehrt?

Ich bin meinem sicheren Tod in der Epoche Duvalier dadurch entkommen, dass ich nach Kuba gehen konnte. Das war im März 1959, und ich habe damals die unwiderrufliche Entscheidung getroffen, nie wieder dorthin zurückzukehren. Es sei denn, es gibt grundlegende Veränderungen im System, nicht nur einen Regierungswechsel. Ich wäre gerne in Haiti gewesen, um daran teilzuhaben, wie das Land wirklich grundlegend hinterfragt wird. Aber in Haiti gibt es immer nur Ersatzlösungen. Nach dem Ende Duvaliers und dem Ende der Militärs, die das System Duvalier auch ohne Duvalier konservieren wollten, hatte ich einen Versuch erwartet, einen wirklichen Staat zu konstituieren. Aber das ist nicht passiert – trotz eines recht beachtlichen internationalen Interesses seitens der UNO und anderer Institutionen.

Im August letzten Jahres hat der haitianische Premierminister Jacques Edouard Alexis eine sogenannte „Woche der Diaspora“ organisiert und alle Haitianer, die im Ausland leben, dazu eingeladen, an der Wiederherstellung des Landes mitzuwirken. Was halten Sie von der Initiative?

Ich habe davon gehört, aber ich bin da sehr vorsichtig. Ich vermeide diese Art von Treffen. Ich habe überhaupt keinen Sinn für Kommunitäres und arbeitete auch im Ausland nicht mit haitianischen Gruppen oder Vereinigungen zusammen, sondern stehe in direktem Kontakt zu einzelnen Personen. Ich habe mich nie als ein Mann der Diaspora konstituiert, aber wenn es einen „Tag der Diaspora“ gibt und sich Leute daran festhalten – schön für sie, aber mit meiner Beteiligung brauchen sie nicht zu rechnen. Es ist vielleicht eine Schwäche, ich weiß es nicht. Aber ich integriere mich sehr stark in die französische Gesellschaft, ohne dabei den haitianischen Teil meines Seins zu verlieren. Ich bleibe Haitianer, während ich Franzose bin, das ist meine Art von „Wurzelidentität“. In dieser Hinsicht bin ich vielen Leuten voraus, denn die Globalisierung wird viele Leute auf diesen Pfad führen, ob sie nun wollen oder nicht. Ich musste diesen Pfad schon vor fünfzig Jahren beschreiten. Deshalb fühle ich mich auch wie ein Fisch im Wasser dieser Globalisierung, auch wenn ich sehr besorgt bin im Hinblick auf einige übertriebene Tendenzen des Marktes.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Schreiben, schreiben und noch einmal schreiben!

*) Négritude und Créolité sind zwei maßgebliche Versuche, schwarze Identität zu definieren. Das Konzept der Négritude, entwickelt vor allem von den Schriftstellern Léopold Ségar Senghor (Senegal) und Aimé Césaire (Martinique), konzentrierte sich auf die Zusammengehörigkeit aller Menschen schwarzer Hautfarbe aufgrund der rassischen Diskriminierung, die sie alle gleichermaßen betrifft. Das Konzept der Creolité stellt gewissermaßen die haitianische Antwort darauf dar. Im Bewusstsein der Machtposition, die Schwarze in Haiti seit Anfang des 19. Jahrhunderts innehaben, erkennen die Theoretiker der Créolité die „kreolische“ Mischung afrikanischer, europäischer und amerikanischer Einflüsse in der kulturellen Realität Haitis als etwas Eigenes und Eigenständiges an.

KASTEN

René Depestre – ein Leben im Exil

Gerade neunzehn Jahre war Depestre, als er seine Heimat Haiti im Jahre 1946 das erste Mal verlassen musste: Das offizielle Verbot einer Sonderausgabe zu Ehren André Breton der von ihm mitherausgegebenen Literatur-Zeitschrift „La Ruche“ hatte seit langer Zeit schwelende Unruhen ausgelöst und letztendlich zum Sturz des damaligen diktatorisch regierenden Präsidenten Lescot geführt. Danach hatten die neuen Machthabenden den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Depestre zum Studium ins feine Frankreich „weggelobt“. Der aufstrebende Lyriker und engagierte Kommunist stand dort in intensivem Kontakt zu Eduard Glissant, Aimé Cesaire, Léopold Sédar Senghor, Frantz Fanon und zahlreichen anderen links-intellektuellen Schriftstellern und Theoretikern der Entkolonialisierung. Aufgrund seines politischen Engagements kam Depestre auch mit dem französischen Staat in Konflikt und flüchtete schließlich Hals über Kopf nach Prag. Angesichts des misstrauischen Ambientes, der Bespitzelung und der Kontrolle wurde sein Glauben an den Kommunismus ein erstes Mal nachhaltig erschüttert – eine Position, mit der er sich neue Feinde machte. Als die Situation für ihn und seine Frau Anfang der fünfziger Jahre dort zu gefährlich wurde, konnte er dank seiner Kontakte zu lateinamerikanischen Schriftstellern Prag Richtung Chile verlassen. Als Sekretär der Konferenz der Kultur, die 1958 in Chile stattfand, fand er Zuflucht in Pablo Nerudas Isla Negra und verkehrte unter anderem mit Salvador Allende und Nicanor Parra. In Brasilien, wohin er Mitte der fünfziger Jahre einer Einladung Jorge Amados folgte, erlebte er die militante Hochphase der kommunistischen Bewegung – und musste auch von dort fliehen.
Als 1957 nach den Wahlen „à la haitienne“ Duvalier an die Macht kam, den Depestre aus Kindertagen kannte und von dem er sich einen politischen Neuanfang erhoffte, kehrte er nach Haiti zurück. Doch in dem diktatorischen Regime Papa Docs war der widerspenstige Idealist erst recht gefährdet, nur seine guten Beziehungen zu einflussreichen Größen des revolutionären Kubas – der Ché selbst lud Depestre ein, doch „un cubano más“ zu werden – retteten ihn vor der sicheren Ermordung durch die gefürchteten Killerkommandos von Duvalier. Er übernahm wichtige Aufgaben und Ämter in der kubanischen Kulturproduktion, reiste als Journalist nach Vietnam, nach China und in die Sowjetunion. Der „Fall Padilla“ von 1968, der die lateinamerikanischen Intellektuellen entzweien sollte, bedeutete auch für Depestre den Bruch mit dem kubanischen System: Er hielt an seiner engen Freundschaft mit dem in den Augen der kubanischen Regierung „gefallenen“ Heberto Padilla fest und verurteilte das Vorgehen gegen den angeblichen Verräter an den kommunistischen Idealen auf das Schärfste. Er wurde prompt auf einen Phantomlehrstuhl abgeschoben und kaltgestellt. Als sich 1979 für Depestre endlich die Möglichkeit ergab, eine Tätigkeit bei der UNESCO in Paris aufzunehmen, verließ er mit seiner kubanischen, zweiten Frau und seinen beiden Söhnen das Land – nach zwanzig Jahren. Er nahm die französische Staatsbürgerschaft an und lebt nunmehr seit seiner Pensionierung 1986 in Südfrankreich, wo er sich ganz dem Schreiben widmet.

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