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Ein Glück, daß es Marcos gibt

Angst macht den mexikanischen Menschen um die Zwanzig das grassierende wirtschaftliche Elend und die Gefahr, von der sogenannten „Ersten Welt“ überrannt zu werden. Der Neoliberalismus, verstanden als Inbegriff der maliziösen Verschwörung zwischen der nationalen politischen Elite und den „Transnationalen“, allen voran den gringos, wie die US-AmerikanerInnen abwertend bezeichnet werden, ist deshalb stabiles Feindbild Nummer eins.
Tatsächlich sind 70 Prozent aller MexikanerInnen arm, alarmierte kürzlich das Wochenmagazin Proceso. Und auch die Jugendarbeitslosigkeit ist offiziell dreimal so hoch wie die – durch Privatisierung und ungenügende Arbeitsmarktpolitik in den letzten Jahren angestiegene – allgemeine Arbeitslosigkeit.
Die mexikanische Jugend bezeichnet sich selbst als „Katastrophen-Generation“ (generación del desastre), als „Generation X“ oder „Güey-Generation“, in Anspielung auf im Slang wann immer möglich benutzte „güey“, was übersetzt soviel heißt wie „ey“ oder „echt ey“. Wenn die Jugendlichen der 80er Jahre noch „Söhne und Töchter der Krise waren, so stehen wir heute vor einer ,Katastrophengeneration’“, schrieb die alternative Jugendzeitschrift La Guillotina in einer ihrer letzten Ausgaben.

„Generation X“ auf Mexikanisch

„Wir sind Jugendliche, für die die Begriffe Sicherheit, Stabilität und Zukunftsvertrauen nicht existieren“, meinen sie und erklären weiter, daß im Gegensatz zu vorherigen Generationen, die noch Utopien hatten und an revolutionäre, sozialistische oder kommunistische Bewegungen glaubten, für die Idole wie Che Guevara stehen, die Jugend der 90er Jahre Produkt der Diskreditierung eben jener Utopien ihrer Elterngeneration sei.
Doch auch wenn das Mißtrauen und die Verbitterung gegenüber dem staatsautoritären, neoliberalen System des Mexiko der 90er Jahre bei den städtischen Mittzwanzigern übereinstimmend den Ton angibt – mögen sie sich als Punks, Feministinnen, politische oder apolitische StudentInnen bezeichnen –, so verharren sie dennoch keineswegs im „No-Future-Diskurs“. Vielmehr haben sie sich aktiv auf die Suche nach einer eigenen Identität gemacht, kämpfen verzweifelt um Veränderungen und haben eben doch zumindest ein großes Idol: Marcos und die zapatistischen RebellInnen.
Auch jüngst beim Streik an der nationalen Universität UNAM haben mexikanische StudentInnen dem System den Kampf angesagt. Dabei wurde die zapatistische Losung des „(umgedr. !)Ya basta!“, „Es reicht!“ aufgegriffen. Ihren politischen Aktivismus bezeichnen die HochschülerInnen als „neue politische Kultur“, in Abgrenzung zu den „Worthülsen der demokratischen Erneuerung“ ihrer Elterngeneration. Sie finden in den zapatistischen Idealen der basisdemokratischen Selbstbestimmung, des paradox anmutenden „mandar obedeciendo“ (gehorchend befehlen), ein Identifikationsangebot.
Auch wenn sie darauf bestehen, eigentlich keine Vorbilder oder Leitfiguren zu haben – der 25jährige Vladimir von der Ska-Salsa-Band Los de Abajo insistiert beispielsweise: „Wir sind eine Generation ohne leader“ –, so schließen sich die meisten politisch Bewußten ideologisch doch den zapatistischen Rebellen an. „Unsere Verbrüderung mit der zapatistischen Bewegung basiert vor allem auf dem Bewusstsein, keinen Platz in dem Gesellschaftsprojekt der neoliberalen Reformen zu haben“, schreibt La Guillotina. Und auch Los de Abajo-Gitarrist Vladimir meint: „Marcos ist für uns Symbol des Kampfes und der Hoffnung“.
Tatsächlich markiert der zapatistische Aufstand im Januar 1994 eine neue „Epoche“ der mexikanischen Gesellschaft, insbesondere für die Jugend. Diese ist spätestens im Februar 1995, als das mexikanische Militär eine blutige Offensive gegen die zapatistischen Rebellen startete, aus einer vermeintlichen apolitischen Apathie erwacht. Sie haben angefangen, auf die Straßen zu gehen, um gegen den Krieg im eigenen Land zu demonstrieren, sind als zivile BeobachterInnen selbst nach Chiapas gefahren oder unterstützten die Zapatistas durch Lebensmittelsammlungen. Auch bei der von den Zapatistas durchgeführten Volksbefragung über die indigenen Rechte vor einigen Monaten in ganz Mexiko stellte die Jugend die Mehrheit der TeilnehmerInnen, so Vladimir.
Musikbands wie Los de Abajo oder Santa Sabina haben sich politisch als Gruppe unter dem Namen La bola zusammengeschlossen, um musikalisch Gelder für die Zapatistas in Chiapas zu erspielen. Oder Margarita Punk – wie der Name bereits sagt, Aktivistin der hauptstädtischen Punkbewegung – hat mit Straßentheater gegen die Offensive vom Februar 1995 protestiert.

Mit den Zapatistas gegen das Große und Ganze

Sie alle haben dem System pauschal den Kampf angesagt: der etablierten Politik, gekennzeichnet durch Staatsautoritarismus, Klientelismus und Korruption, den linken, demokratische Veränderungen versprechenden Oppositionsparteien, die als ebenso „bürokratisch und korrupt“ bezeichnet werden, den unabhängigen Bürgerinitiativen, die als Relikte der politisierten Elterngeneration nicht ernst genommen werden, und vor allem dem Neoliberalismus.
„Wir haben die Nase gestrichen voll von all den Lügen um uns herum, der Linken, der Rechten, der PRI, egal von wem“, so Vladimir. Nach seiner Meinung zeichnet sich die mexikanische Jugendgeneration, trotz der übereinstimmenden Verbitterung, deutlich durch eine Polarisierung aus: Die Mehrheit, und das schichtenübergreifend von der städtischen Unter- bis zur Oberschicht, lebe völlig desillusioniert und apolitisch in den Tag hinein. Je nach Schicht „dröhnen sie sich mit Alkohol voll, bekiffen oder bekoksen sich, sehen telenovelas oder Fußball im Fernsehen“. Der einzige Traum, den beispielsweise die völlig verarmte Landbevölkerung hat, sei, paradoxerweise in Allianz mit der Oberschicht, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Während jedoch die einen als illegale ImmigrantInnen dort für Hungerlöhne nicht nur ums Überleben, sondern auch gegen Rassismus ankämpfen müssen, machen die anderen ihr Postgraduierten-Studium, erzählt Vladimir. „Selbst ich, der ich aus der gebildeten, linken Mittelschicht kommt, würde am liebsten auswandern, um mehr Chancen zu haben, mich kulturell und intellektuell weiterzuentwickeln, denn das bietet mir Mexiko nicht. Es macht sich so eine Art resignierter Individualismus breit, nach dem Motto: ,Ich kann’s ja doch nicht ändern’“.
Doch dann gibt es eben auch die Minderheit der Politisierten, zumeist StudentInnen, oder auch der städtischen Unterschicht, die sich in radikaleren Linksbewegungen, den movimientos urbano-populares oder der Punkbewegung zusammenschließen. Margarita Punk, 25jährig mit Kind, erzählt von Häuserbesetzungen, deren Ziel es unter anderem sei, nicht nur selbst im autonomen Kollektiv zu wohnen, sondern auch den Straßenkindern und -jugendlichen zu einer selbstverwalteten Bleibe zu verhelfen.

Punk gegen die Hoffnungslosigkeit

„Überhaupt ist die mexikanische Punkbewegung unheimlich konstruktiv, mit Theater, Musik oder Graffities, denn unsere beste Waffe gegen das System ist die Kreativität“, meint Margarita Punk überzeugt, die wiederum wird von den Punks der Drei-Millionen-Trabantenstadt Nezahualcóyotl im Osten der Hauptstadt als „fresa“ bezeichnet, was wörtlich „Erdbeere“ heißt, aber etwa „spießig“ meint.
Und dann gibt es natürlich auch die Politisierung nach rechts, sagt Vladimir. Für diese Tendenz steht die Jugend der oberen Mittelschicht, die zumeist an privaten Universitäten studiert. „Allerdings heißt hier ,rechts’ nicht etwa wie in Europa ,Faschos’ oder gar ,Skins’ – die gibt es so gut wie nicht in Mexiko –, sondern konservativ und überzeugt neoliberal. Diese Leute sind beispielsweise gegen Abtreibung und für die totale Privatisierung“, erklärt er.
Für die Jugendgeneration der wohlhabenden Oberschicht sehen Alltag und Lebenswirklichkeit freilich anders aus. Sie orientieren sich hauptsächlich am US-amerikanischen Way of Life. Sie imitieren in Outfit und Lebensstil den Wohlstand der „ersten Welt“, meiden U-Bahn und Busse, fahren vorzugsweise Golf oder Jetta, hören die kommerzielle Pop-Salsa-Band Timbiliche und essen bei US-amerikanischen Fast-Food-Ketten.
Außer den USA für die einen und der zapatistischen Bewegung für die anderen finden sich jedoch, nach übereinstimmender Meinung von Valdimir, Margarita oder auch der 24jährigen Feministin Natalia kaum Kult- oder Leitfiguren. Natalia, alleinerziehende Mutter eines sechs- und eines dreijährigen Sohnes, bezeichnet sich selbst als militante Feministin, aber Vorbilder? – Nein, die findet sie bestimmt nicht in der „älteren Feministinnengeneration“, die doch alle „etabliert in ihrem Elfenbeinturm sitzen und gar nicht wissen, was es heißt, sich als alleinerziehende junge Mutter mit einem Monatseinkommen von 2000 Pesos (umgerechnet rund 400 Mark) in einer machistischen, autoritären Gesellschaft durchschlagen zu müssen“, erhitzt sie sich.
Und dennoch kämpfen alle drei VertreterInnen der Jugendgeneration auf ihre Weise um eine Neudefinition von gesellschaftlichem Zusammenleben und sehen mit Bangen ins nächste Jahrtausend, in das Mexiko mit dem Wahlkampf um die nächsten sechs Jahre Präsidentschaft einsteigt. Denn auch wenn ihnen mehrheitlich selbst die Oppositionsparteien suspekt und gleichermaßen bürokratisch und korrupt erscheinen, so steigt doch ihre Angst vor einem möglichen Wahlausgang mit der Staatspartei PRI als Gewinner. Denn wie es damit weitergehen soll, kann sich keiner der „Katastrophen-Generation“ vorstellen.

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