Aktuell | Indigene | Nummer 619 - Januar 2026 | Peru

Ein Leben in Isolation

Indigenenführer Herlin Odicio setzt sich für die unkontaktierten Kakataibo in Peru ein

Sie leben tief im Wald und auf abgelegenen Inseln. Sie essen, was die Natur ihnen gibt. Doch sie sterben, wenn man in ihr Gebiet eindringt – und Kontakt mit ihnen aufnimmt. Laut der Nichtregierungsorganisation (NGO) Survival International leben heute 196 Völker weltweit in Isolation, 188 davon in Lateinamerika. Sie führen ein Leben fernab jeglicher Zivilisation, doch ihr Leben ist bedroht, wie aus dem kürzlich erschienen Bericht der NGO hervorgeht. LN hat Herlin Odicio, Indigenenführer der Kakataibo in Peru, in Berlin getroffen und mit ihm über die Bedrohungen seines Volkes und die Verantwortung der peruanischen Regierung gesprochen.

Annabelle Köchling
Unkontaktierte Menschen in Brasilien – aufgenommen bei einem Überflug 2010 (Foto: Gleilson Miranda/FUNAI)

Weltweit ist der Lebensraum von Indigenen Völkern bedroht. Viele gehen deshalb auf die Straße, wollen sich Gehör verschaffen und sich gegen Gefahren wie Landraub, legalen und illegalen Extraktivismus und Abholzung wehren. Aber was, wenn das eigene Leben weit entfernt von jeder Straße stattfindet? Im Fall der Kakataibo, die in der Region Ucayali im peruanischen Amazonasgebiet leben, möchten Teile des Volkes weiterhin in Isolation leben. Und Herlin Odicio hat sich dem Schutz eben jener Mitglieder verschrieben. Er ist 40 Jahre alt, selbst Teil der Kakataibo und er verliert sich beim Gespräch immer wieder in Erinnerungen.
Die Worte, die er wählt, scheinen nach dutzenden von Interviews befreit von Emotionen, obwohl sie von so viel Leid berichten.
Seit 2009 ist er als Beschützer dieses anderen Teils der Kakataibo im Einsatz. Würde er lieber in Isolation leben? „Mein Leben hat sich stark verändert. Seit acht Jahren lebe ich kaum mehr in meiner comunidad“, erzählt Odicio. Er erhält Morddrohungen, bangt fortwährend um sein Leben. In den vergangenen fünf Jahren sind sechs Indigene Anführer ermordet worden, weil sie im Kampf um das eigene Territorium ins Kreuzfeuer von Drogenhändlerinnen, Goldgräberinnen und Holzfällerinnen geraten waren. Der Staat unternimmt nichts. Die Mörderinnen sind nach wie vor auf freiem Fuß.
Peru erlaubt ausdrücklich den Bau von Infrastruktur und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und das sogar innerhalb offiziell anerkannter Gebiete von unkontaktierten Völkern, wenn „die Ausbeutung für den Staat von öffentlicher Notwendigkeit ist“. In der Praxis führt das dazu, dass das Land unkontaktierter Völker für die Öl- und Gasförderung und für Megaprojekte geöffnet wird. Beispielsweise wurde das Kakataibo-Reservat in den 1940er Jahren durch eine Straße in zwei geteilt – was laut dem Bericht von Survival International den Weg für illegale Abholzung und Drogenhandel auf dem Land des unkontaktierten Volkes ebnete. Klare Beweise dafür liefern frei zugängliche Bilder aus Google Maps, auf denen Landebahnen und Kokaplantagen mitten im Urwald auf den Gebieten der Kakataibo zu erkennen sind.
Da sie vom Staat keinerlei Schutz bekommen, haben Odicio und andere Kakataibo eine eigene, selbstorganisierte Wache ins Leben gerufen: 270 Personen, die patrouillieren. Die Polizei und das Militär seien laut Odicio korrupt. „Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath. Aber wir werden das eigene Volk – weder die Kontaktierten noch die Nicht-Kontaktierten – nicht im Stich lassen. Wir sind ein Volk, und wenn wir nicht handeln, handelt niemand“, erklärt der Indigenenführer. Schritt für Schritt solidarisieren sich deshalb Indigene Völker und schließen sich im Kampf gegen die Bedrohung zusammen.

Verteidigung Herlin Odicio setze sich für das Volk der Kakataibo ein (Foto: Ivan Brehaut)

Ein Kampf wie David gegen Goliath

Auch Odicios Familie lebte noch vor einigen Generationen in Isolation. „Mein Urgroßvater hat Kontakt mit der Zivilisation aufgenommen.“ Er wurde damals von den Shipibo gefangen genommen, ein anderes Indigenes Volk aus der Region. Sie hatten bereits Kontakt mit der Außenwelt aufgenommen. Von ihnen hat Odicio seinen Nachnamen geerbt.
Laut Survival International leben mindestens 20 unkontaktierte Völker im peruanischen Amazonasgebiet. Wie viele Völker in Isolation leben, lässt sich heute besser ermitteln denn je. Das liege vor allem am Monitoring von Regierungen, der Arbeit von NGOs und dem Einsatz Indigener, die von Spuren und Lebenszeichen unkontaktierter Nachbarvölker berichten. Auch Drohnenaufnahmen helfen bei der Dokumentation. Doch so bewusst wie wir uns über ihre Existenz sind, sind sie sich auch unserer Existenz bewusst.
Survival International schreibt: „Die Entscheidung, den Kontakt zu anderen zu vermeiden, ist ein bewusster Ausdruck ihrer Handlungsfähigkeit und kein Ergebnis von Unwissenheit. Sie stehen in einer fortwährenden Beziehung zu externen Gesellschaften – allerdings handelt es sich dabei eher um eine Beziehung der Vermeidung und des Widerstands als um eine Beziehung des Kontakts und der Integration.“
Aus dem Bericht von Survival International geht auch hervor, dass Missionarinnen noch heute unkontaktierte Völker finden wollen. Ein neueres Phänomen sind Influencerinnen, die Kontakt suchen. Das kann, neben Extraktivismus in den Indigenen Territorien, Kokaplantagen und Abholzung, im schlimmsten Fall zum Aussterben eines gesamten Stammes führen, wenn die Menschen mit Bakterien und Viren in Verbindung kommen, die deren Immunsystem nicht gewohnt sind.
So sind es heute, wie vor 500 Jahren, Kolonialistinnen, die ihre Existenz am stärksten bedrohen – im Kontext globaler Wertschöpfungsketten und Geldgier. Beamte der Bolsonaro-Ära in Brasilien unterdrückten beispielsweise Beweise für unkontaktierte Völker im Ituna-Itatá-Gebiet, damit dieses für die Viehzucht geöffnet werden konnte. Alan García, ein ehemaliger Präsident Perus, behauptete 2007, dass der „unabhängige Amazonas-Ureinwohner“ von Umweltschützerinnen erfunden worden sei, die gegen Ölbohrungen waren. Und das französische Bergbauunternehmen Eramet, das auf dem Land der Hongana Manyawa in Indonesien tätig ist, behauptete 2023: „Heute existieren diese Bevölkerungsgruppen selbst in riesigen Gebieten wie Amazonien nicht wirklich mehr.“

Staatliche Behörden blockieren*den Schutz Indigener Rechte

Wegen dieser internationalen Verflechtungen ist Odicio nach Deutschland gereist. Die deutsche Entwicklungsbank schickt Finanzmittel nach Peru, die laut Odicio zur Abholzung der Wälder führen. Eigentlich sind die Gelder aber zum Schutz von Indigenen Völkern gedacht. Es gehe nicht nur darum, dass das Geld verloren gehe, weil es nicht so verwendet werde, wie es sollte. „Es geht darum, dass sie die staatlichen Behörden finanzieren, die den Schutz blockieren. Es ist genau derselbe Staat, der die indigenen Völker angreift, der all dies finanziert, der den Schutz der Gebiete verhindert“, erzählt Odicio. „Deshalb forderte AIDESEP, die nationale Organisation der Amazonasvölker Perus, vor etwa einem Monat nach vielen Briefen, in denen sie die deutsche Regierung um Unterstützung gebeten hatte, nun alle Finanzmittel für den peruanischen Staat einzustellen.“


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