Film | Kolumbien | Nummer 611 – Mai 2025

Ein provisorischer Frieden

Der Dokumentarfilm PROVISORIUM begleitet zwei ehemalige FARC-Kämpferinnen nach dem Friedensabkommen in Kolumbien

Von Daniela Correa Erazo

Am 26. September 2016 unterschrieben der kolumbianische Staat und die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee (FARC-EP) ein historisches Friedensabkommen: Ein Ereignis, das einen Wendepunkt in der Geschichte eines Landes markiert, das jahrzehntelang von Gewalt, Tausenden von Todesfällen und Verschwindenlassen geprägt war. Angesichts dieser komplexen Problematik erkundet der Regisseur Markus Lenz die Schwierigkeiten eines friedlichen Zusammenlebens nach so vielen Jahren des Konflikts. In PROVISORIUM porträtiert Lenz die Erfahrungen zweier ehemaliger FARC-Kämpferinnen bei ihrem Prozess der Wiedereingliederung in die kolumbianische Gesellschaft. Die Protagonistinnen Vicky und Yulieth gewähren uns Einblicke in ihren Alltag, zeigen sowohl die gegenwärtigen Hindernisse und Herausforderungen als auch ihre Träume und Hoffnungen für die Zukunft. Obwohl ihre Beweggründe, sich der bewaffneten Gruppe anzuschließen, unterschiedlich waren, verbindet sie die gemeinsame Suche nach einem besseren Leben. Ihre Lebenswege spiegeln das systematische Versagen eines Staates wider, der keinen Zugang zu grundlegenden Rechten wie Bildung gewährleistet. Dieser Mangel an Unterstützung hält auch nach dem Friedensabkommen an und erschwert den Wiedereingliederungsprozess für ehemalige Kämpfer*innen. Neben staatlicher Vernachlässigung sehen sie sich Bedrohungen durch Kartelle, paramilitärische Gruppen und andere bewaffnete Akteure ausgesetzt, die weiterhin im Land operieren. Hinzu kommen die Knappheit an Möglichkeiten und das soziale Stigma, das auf denen lastet, die einst zu den Waffen gegriffen haben. Der Kampf von Vicky und Yulieth, sich eine neue Identität jenseits des Konflikts aufzubauen, ist somit nicht frei von Hindernissen. Dennoch zeigen beide eine starke Resilienz und Entschlossenheit, eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien zu schaffen. Obwohl der Dokumentarfilm den Titel nicht explizit erklärt, lässt sich daraus schließen, dass PROVISORIUM auf einen temporären Zustand anspielt, eine „Vorsorge“, die entweder zu etwas Dauerhaftem werden oder, falls sie nicht stabil ist, zusammenbrechen kann. Der Film thematisiert dementsprechend nicht nur die individuellen Schicksale der ehemaligen Kämpfer*innen, sondern auch die Notwendigkeit eines strukturellen Wandels im kolumbianischen Staat, um den so dringend benötigten Frieden zu erreichen.

PROVISORIUM bietet eine andere Perspektive auf ehemalige Kämpfer*innen und zeigt sie als Menschen, die oft nur durch Vorurteile betrachtet werden. Dennoch weist der Film gewisse Lücken auf, die ein internationales Publikum oder Zuschauer*innen ohne tiefere Kenntnisse des kolumbianischen Kontexts verwirren könnten. Es gibt räumliche Sprünge, beispielsweise zwischen ländlichen und städtischen Gebieten, die die territorialen Übergänge im langen Wiedereingliederungsprozess zweier unterschiedlicher Personen illustrieren, wodurch manchmal die narrative Kontinuität erschwert wird. Ebenso wird Material über den nationalen Streik von 2021 gezeigt, dessen Behandlung jedoch oberflächlich bleibt und keine ausreichende Erklärung bietet, um die Ereignisse für das Publikum einzuordnen. Mehrere Szenen konzentrieren sich stärker auf die visuelle Ästhetik als auf die Bereitstellung von Kontext, womit Gelegenheiten zur Vertiefung historisch bedeutsamer Momente verpasst werden.

Trotz dieser Einschränkungen stellt PROVISORIUM eine wertvolle Alternative zum normativen Diskurs über den bewaffneten Konflikt in Kolumbien dar. Sein Beitrag ermöglicht ein nuancierteres Verständnis der komplexen Prozesse von Frieden und Versöhnung. Es handelt sich zweifellos um einen sehenswerten Dokumentarfilm, der idealerweise von einer kurzen Einführung in den soziopolitischen Kontext Kolumbiens begleitet werden sollte, um ihn in seiner vollen Dimension würdigen zu können.

PROVISORIUM // Deutschland // 2023 // 95 Minuten // Regie: Markus Lenz // In Deutschland ab dem 01. Mai 2025 im Kino


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