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Ein Punker in der Pampa

Als sein Adoptivvater Genaro noch lebte, hat er Carlos manchmal ganz schön genervt mit seiner Akkordeonmusik, seinen Tangos, Cumbias, Quartetazos, Valses und wie diese Folklorerhythmen alle so heißen. Noch dazu wollte der alte Musiker, dass Carlos auch ein Instrument spiele, was dieser dann auch tat. Mittlerweile ist der Junge zwanzig und Drummer in einer Punkband namens Vómito“(Kotze). Ab und zu spielt die Combo sogar einige von den alten Stücken nach. Zum Beispiel eine Coverversion des kreolischen Vals’ „Desde el alma“ (Von ganzer Seele), die so in die Gehörgänge reinknallt, dass sich der Komponist des Klassikers eigentlich im Grabe umdrehen müsste. Ob er es tatsächlich tut, erfahren wir nicht.
Dafür gibt es zu Beginn des argentinischen Films Tocá para mí (Spiel für mich) einen plötzlichen Todesfall: Gerade hat Carlos’ Band ihre Probesession beendet, da platzt jemand mit der Nachricht rein, dass Genaro gestorben ist. Wie betäubt taumelt Carlos zum Haus seines Adoptivvaters, wo schon die Totenwache im vollem Gange ist. Die greisen Freunde aus Genaros Musikgruppe spielen dem Aufgebahrten ein letztes Ständchen. Carlos scheint vor Schmerz so gelähmt, dass er kaum reagiert, als die Musiker ihm Genaros Abschiedsgeschenk überreichen: das Akkordeon. Genaro hat ihm allerdings noch etwas anderes hinterlassen: die offene Frage, wer Carlos leibliche Eltern sind. Bisher kennt er nur den Namen seines Geburtsortes: Los Angeles, ein winziges Kaff inmitten der Pampa. Nachdem er den ersten Schock überwunden hat, hält ihn nichts mehr in Buenos Aires. Carlos stellt sich an den Straßenrand und trampt mit dem erstbesten LKW Richtung Los Angeles.
In Tocá para mí kombiniert Rodrigo Fürth nicht nur die unterschiedlichsten Musikstile, sondern variiert auch eines der zentralen Leitmotive des lateinamerikanischen und insbesondere des argentinischen Kinos: die Suche nach den eigenen Wurzeln, die Frage nach der Identität. Ein Thema, dass sicher auch ein bisschen mit der eigenen Biographie des Regisseurs zu tun hat. Diese hat allerdings keine verborgenen Wurzeln in der Pampa, vielmehr kamen Fürths Großeltern väterlicherseits aus Österreich, der Opa war während des 1. Weltkrieges desertiert. Auch seine Eltern übten sich und ihre Kinder, wie Fürth kokett berichtet, zeitlebens in der „Kunst des Fliehens“. So verbrachte der Regisseur die ersten zehn Jahre seines Lebens in verschiedenen Ländern Amerikas.
Tocá para mí, Fürths erster langer Spielfilm, ist allerdings weniger eine Reflexion über die Kunst des Fliehens als über die Kunst des Suchens. Wie bei vielen Geschichten zu diesem Thema entpuppt sich auch hier der Weg als das eigentliche Ziel der Reise. So begegnet Carlos unterwegs dem Geist Genaros: Gerade ist der Junge, von peitschendem Landregen und knietiefem Matsch erschöpft, wie ein Erdklumpen zu Boden gesunken, da taucht aus dem Nichts der Alte auf und entführt ihn zu einer Reise durch die Lüfte.
Und noch jemand begegnet Carlos unterwegs: Fabiana. Die verdient sich ihre Pesos in den Führerhäuschen der LKWs, denn daheim in Los Angeles ist alles so marode, dass „nicht einmal mehr die Huren genug zum Überleben haben“. Zwar will Carlos von Fabianas Dienstleistungen nichts wissen, um so lieber nimmt er allerdings ihr Angebot an, für ein paar Tage bei ihr unterzukommen. Im Bahnwärterhäuschen von Los Angeles, wo Fabiana mit ihrem Sohn Juan, dem Bahnhofsvorsteher Don Ramón und ihrem „Beschützer“, dem durchgeknallten Mechaniker Dalmiro wohnt, scheint die Zeit stillzustehen. Seit zehn Jahren hat hier kein Zug mehr angehalten. Trotzdem inspiziert Don Ramón regelmäßig mit seiner Signallampe die von Pflanzen überwucherten Schienen. Don Ramón lebt vom Prinzip Hoffnung – und von Erinnerungen. So dämmert ihm etwas, als Carlos eine alte Melodie auf dem Akkordeon spielt: Da gab es doch vor zwanzig Jahren diesen Musiker, der häufiger in Los Angeles vorbei kam. Wie hieß er noch mal? Genaro?
Manchmal wirkt Tocá para mí selbst wie eine Variation des alten Liedes von der Sehnsucht nach etwas, das die innere Unruhe stillt. Immer wieder evoziert der Film vor dem seelischen Auge ein Gefühl des Déjà-vu. Neu ist an der Geschichte, die erzählt wird, wenig. Das macht sie aber nicht weniger ergreifend. Zumal Fürths Filmsprache zeigt, dass man nicht nur aus dem Vals „Desde el alma“ Punk machen kann, sondern dass es auch möglich ist, eine Geschichte wie die von Carlos zu erzählen, ohne in Kitsch oder Platitüden zu verfallen. Im Gegensatz zum oft kunsthandwerklich glatten surrealistischen Monumentalismus, der bei argentinischen Regisseuren wie Fernando E. Solanas oder Eliseo Subiela so beliebt ist – sind die abgedrehteren Passagen bei Fürth unprätentiös und humorvoll inszeniert. Die Originaldialoge sind voll von argentinischem Slang, und auch die Ausstrahlung von Hermes Gaido (Carlos) und Laura Frigerio (Fabiana) ist so natürlich, als hätte der Regisseur sie beim Trampen aufgelesen. Beide wirken immer etwas zerzaust. Wenn Fabiana sich inmitten der schlammigen Landstraße ihrer Stöckelschuhe entledigt und in scheußliche, aber bequeme Sneakers hineinschlüpft, wenn unter der toupierten Perücke ein windschiefe Kurzhaarfrisur zum Vorschein kommt, ist ihre Erscheinung meilenweit von den üblichen Filmklischees entfernt, die sich an der Rolle der Hure aufgeilen. Und auch Carlos mit seiner Schlacksigkeit ist alles andere als ein pathetischer Filmheld. Zerbrechlich und zäh, versucht er dem Geheimnis seiner Herkunft auf die Spur zu kommen. Aber wie gesagt, oft ist der Weg wichtiger als das Ziel. Und häufig bringt die Entdeckung von Seelenverwandtschaften tiefere Saiten zum Klingen als das Wissen um die biologischen Erzeuger.

Tocá para mí; Rodrigo Fürth (Regie): Argentinien 2001; Farbe, 101 Minuten.
Der Film wird während der Berlinale (7. –18. Februar 2001) im Internationalen Forum des Jungen Films gezeigt.

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