Film | Nummer 439 - Januar 2011

Ein Universum gegen das Vergessen

Patricio Guzmán beschreibt in seinem neuen Dokumentarfilm “Nostalgia de la Luz” die Atacama-Wüste als einen metaphorischen Ort

Die rote Wüste gesehen aus dem Weltall, das Weltall durch absolut klare Luft gesehen aus der Wüste. AstronomInnen, die in den Teleskopanlagen dieser Wüste arbeiten und über die Vergangenheit sprechen. Menschen, die in der Wüste immer noch nach den Knochen ihrer desaparecidos, ihrer Verschwundenen und damit nach der Fähigkeit einer Gesellschaft zur Erinnerung suchen. Patricio Guzmán, ein Altmeister des Dokumentarfilms, beschreibt mit seinem neuen Film Nostalgia de la Luz einen Ort, an dem die Vergangenheit auf die chilenische Gegenwart trifft.

Jonas Henze

Der Film beginnt mit einer Hommage an die chilenische Astronomie, die in der Atacama-Wüste ideale Bedingungen zur Beobachtung des Weltalls gefunden hat. Guzmán genießt es, in langen Einstellungen die Ästhetik und Größe des Universums über den menschlichen Versuch der Beobachtung desselben zu legen. Zwischen die Bilder von Sternen und den mechanischen Bewegungen der Gerätschaften ihrer Beobachtung sind immer wieder Gespräche gewoben. Diese einfühlsam geführten Gespräche, welche Guzmán wie schon in früheren Filmen auf besondere Weise gelingen, weisen auf das zweite, eigentliche Thema von Nostalgia de la Luz hin: Chiles Erinnern, Chiles Vergessen.
Schon in seinem zwischen 1975 und 1979 veröffentlichten Monumentalwerk La Batalla de Chile und in vielen seiner weiteren Filme, beispielsweise La Memoria Obstinada (1996), El Caso Pinochet (2001) oder Salvador Allende (2004), widmete sich Patricio Guzmán Chiles trauriger Geschichte und ihrer heutigen Bedeutung.
In Nostalgia de la Luz sprechen einige wenige Menschen, vor allem Angehörige der desaparecidos. Sie drücken die Spaltung der chilenischen Gesellschaft aus. Für diese Spaltung findet Guzmán im Film die Metapher eines alten Ehepaars, paradox zusammen und zur selben Zeit getrennt lebend. Er, bezeichnend für die Erinnerung, noch heute in der Lage, erdrückend präzise Pinochets Lager der Atacama-Wüste aufzuzeichnen, sie hingegen spiegelt, aufgrund ihrer Erkrankung an Alzheimer, das Vergessen wider.
Nostalgia de la Luz wurde in diesem Jahr mit dem Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet und das zu Recht. Guzmáns neuer Film ist eine große Metapher, zusammengesetzt aus vielen kleinen. Drängten sich noch zu Beginn des Films ungnädige Worte darüber auf, dass enervierenden Aufnahmen von Sternenkonstellationen ein zu großer Raum eingeräumt würde, sind es in Guzmáns gewohnt feinsinniger Erzählweise seine Metaphern und das große Thema – die chilenische Gesellschaft und die in ihr bis heute fortdauernde menschliche Katastrophe – , welche diese Worte schnell unzutreffend machen.
Guzmán verfolgt weiterhin seine Auseinandersetzung mit der veränderten, verletzten chilenischen Gesellschaft. Er nähert sich der Vergangenheit, dem Vergessen und dem Erinnern immer wieder neu. Darin verborgen liegt sein Traum einer lebendigen Zukunft. Dieser Traum wird mit Nostalgia de la Luz zu einem Appell an die Begegnung von Menschen.

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