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Ein Vielschreiber über seine Erzengel

Dass Paco Ignacio Taibo ein Vielschreiber ist, lässt sich auch in Deutschland nicht mehr übersehen. Seit 1997 wurde vom dem mexikanischen Historiker und Krimi-Autor jedes Jahr eine Übersetzung vorgelegt, die in vier verschiedenen Kleinverlagen herauskamen. Die Romane Auf Durchreise, Olga Forever (vgl. LN 295) und Eine leichte Sache sowie Taibos große Che-Biographie erschienen bei Edition Nautilus, (vgl. LN 284) der großartige, aber leider kaum bekannte Krimi Das Fahrrad des Leonardo da Vinci im Berliner Eisbären-Verlag, und Taibos historische Studie über den Afrika-Aufenthalt Che Guevaras Das Jahr, in dem wir im Nirgendwo waren bei ID-Archiv.

Erzengel der Revolte

Für die schönsten Taibo-Bücher war bisher allerdings die Verlagskooperation Schwarze Risse / Rote Straße / Libertäre Assoziation zuständig. Die in Hamburg, Göttingen und Berlin angesiedelten Verlage publizierten zwei ganz besondere Titel: Das aus historischen Fragmenten bestehende und sehr sentimentale Doppelbuch 1968 sowie den Roman Vier Hände, eine bunte Collage aus Abenteuergeschichten, schwarzem Krimi und politischem Thriller, die Taibo in der deutschen Linken bekannt gemacht hat.
Das rasante Arbeitstempo, das der mexikanische Autor für diese Veröffentlichungen an den Tag legen musste, ist den Büchern zum Teil deutlich anzumerken. Die in Olga Forever erzählten zwei Kurz-Krimis mit der Journalistin Olga als Hauptperson bleiben beispielsweise seltsam konturlos, und bei der großen Che-Biographie hat man bisweilen den Eindruck, der Verfasser habe so viel Material angehäuft, dass er am Ende nicht mehr auswählen konnte. Eine Anekdote jagt die nächste, ohne dass man deswegen der Person Guevara näher kommen würde.
Eine ähnliche Kritik kann man auch über Erzengel äußern, ein Buch, das Ende letzten Jahres ebenfalls im Verlag Schwarze Risse / Rote Straße / Libertäre Assoziation erschienen ist und in dem zwölf historisch-literarische Texte zusammengefasst wurden, zwölf kleine Denkmäler für die “Erzengel der Revolte”. Sympathisch an Erzengel, bei dem Taibo sich wieder einmal für die Perspektive des Historikers entschied, ist der offene Blick. Wie so oft in seinen Büchern verweigert sich Taibo der Engstirnigkeit, er sucht sich seine Helden in den verschiedensten politischen Strömungen und Ländern. Auf diese Weise steht der spanische Anarchist Durruti neben dem österreichischen Sozialdemokraten Fritz Adler und dem chinesischen Kommunisten P’eng P’ai, „dem Mann, der den Maoismus erfand“, bewaffnete Abenteurer aus Thüringen haben ihren Platz neben kommunistischen Malern aus Mexiko, kubanischen Militärs, die in Angola Kopf und Kragen riskierten, oder nordamerikanischen Gewerkschaftern. Gemeinsam ist allen zwölfen nur eines: Sie sind Häretiker der Linken, Abweichler, Leute, die sich gegen die Verhältnisse und oft auch ihre eigenen Organisationen auflehnten – oder, wie Taibo es ausdrückt: „Sie alle suchten die Revolution und begaben sich mehrere Male in die Hölle, um sie zu finden. Was sie verbindet, ist ihre wunderbare Sturheit bei dem Versuch, diesen Planeten radikal zu verändern.“
Das größte Problem bei diesem sympathischen Vorhaben ist die Unentschlossenheit, mit der Taibo sich zwischen Literatur und Geschichtswissenschaft hin- und herbewegt. Für ein Geschichtsbuch – im Sinne von “Zwölf charakterischen Persönlichkeiten der internationalen Linken im 20. Jahrhundert” – sind die Erzengel-Anekdoten zu literarisch gehalten, als Erzählungen jedoch fallen einzelne Kapitel glatt durch: Eher nacherzählt als gut erzählt. Man hat manchmal das Gefühl, dass der Lieblingssatz der MusikkritikerInnen – “der Platte hätte es gut getan, wenn auf zwei oder drei Stücke verzichtet worden wäre” – auch für Taibos Erzengel zutrifft.
So beschleicht einen gleich beim Eingangskapitel über den Mexikaner Juan R. Escudero das Gefühl, es mit einem Geschichtslesebuch für Linke zu tun zu haben, und ob das gefällt, hat dann vor allem damit zu tun, ob man sich für den jeweiligen historischen Stoff interessiert oder nicht. In anderen Kapiteln hingegen gelingt Taibo die literarische Form, und er verwebt historische Ereignisse auf wunderbare Weise mit persönlichen Rückblicken und parteiischem Spott, so zum Beispiel in “Von Italienern und Erinnerungen”, wo der Ich-Erzähler in einem Sanatorium die bizarre Anekdote von Malaboca, dem italienischen “Schandmaul“ erzählt bekommt. Dieser Malaboca, ein Angehöriger der Brigade Garibaldi, soll sich in den Propagandaschlachten des spanischen Bürgerkriegs vor allem dadurch ausgezeichnet haben, dass er die Gegenseite über Lautsprecher unter Beschuss nahm: „Leoni, du nennst dich Offizier und popelst vor deinen Soldaten in der Nase…“ Zwar sind die Flüche auf Deutsch nur die Hälfte wert – eine putica macht als „Hürchen“ einfach nicht viel her –, aber trotzdem entdeckt man in dieser Geschichte, was Taibos Bücher so lesenswert macht: Er kann politische Stoffe in pulsierende Sehnsucht verwandeln, ohne dabei ins Pathetische abzurutschen und den Witz zu verlieren. Als Taibo in “Von Italienern und Erinnerungen“ abschließend notiert, dass er noch 30 Jahre nachdem er das erste Mal von Malaboca hörte auf der Suche nach dem fluchenden Antifaschisten Archive in Spanien, Frankreich und Italien durchforstete, kann man seine Obsession nicht nur verstehen, man teilt sie bereits.
Überhaupt lässt sich feststellen, dass Taibo immer dann stark ist, wenn es ihm gelingt, persönliche Verbindungen zu schlagen. In dem Kapitel über die heute weltberühmten Wandmaler um Diego Riviera (“Von Wänden und Macheten”) erzählt er am Rand auch von seinem eigenen Studium zwischen eben diesen Gemälden, und sofort bekommt die Geschichte jenen melancholischen Zug, der für Taibos Erzählerblick auch in 1968 so charakteristisch ist.

Verwandlung von Politik in pulsierende Sehnsucht

Am deutlichsten wird das beim letzten Erzengel, dem in Angola gefallenen kubanischen Offizier Raúl Díaz Argüelles. An sich ist auch diese Geschichte ganz und gar aus dem Blick des Historikers geschrieben, aber wie Taibo selbst bekennt, kann ein Stoff, wenn er sich dem Erzähler “zu stark nähert, eine Wucht von Emotionen auslösen“. Und diese wiederum kommen auch beim Leser an: Ein Typ, der gegen die südafrikanische Invasionsarmee kämpft und dabei ums Leben kommt, kann einem nicht egal sein.
So gesehen bleibt Erzengel dennoch ein lesenswertes Buch, eine persönlich gefärbte Geschichts-Sammlung mit wechselndem Unterhaltungswert, einer gehörigen Portion Melancholie und der offen ausgesprochenen Absicht, die einzige Erinnerung wachzuhalten, die sich die Erzengel selbst wohl gewünscht hätten: Die Toten würdigt man, indem man sich an ihre Ziele erinnert. In diesem Sinne ist der letzte Satz des Buchs gleichermaßen Programm: „Wir Historiker sind außerstande, solche Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten sind allgegenwärtig, und wir entziehen ihnen das Leben, wenn wir sie erzählen. Ihr einziger exakt angebbarer Aufenthaltsort, ihre Zufluchtsstätte, ist jene vage Sache, die wir nicht definieren können, von der wir aber alle wissen, dass sie existiert, und die wir das kollektive Gedächtnis der Völker nennen. Dort ist ihr Platz, in ihm sind sie aufgehoben.“
Übrigens: Ebenfalls im letzten Jahr erschien bei Edition Nautilus die Wiederauflage eines älteren Krimis von Paco Ignacio Taibo II. Im Original Cosa facil (1977) und in den 80ern beim Goldmann Verlag erstmals auf Deutsch herausgekommen, wurde das Buch 1998 in Mexiko neu aufgelegt. Mit Lakonie und Witz schildert Taibo darin die Metropole Mexiko-Stadt, in der der Detektiv Hector Belascoarán Shayne drei Fälle gleichzeitig zu lösen versucht : Ein Familiendrama, eine Streikangelegenheit und die immer noch aktuelle Frage, ob Zapata noch unter den Lebenden weilt. Für alle Krimisammler, die seinerzeit noch zu jung waren, ein heißer Tipp – zumal bei dem Preis!

Paco Ignacio Taibo II: Erzengel. Geschichten von 12 Häretikern der Revolution im 20. Jahrhundert, Verlage Libertäre Assoziation / Schwarze Risse / Rote Strasse, Hamburg, Göttingen, Berlin 1999, 320 S.

Paco Ignacio Taibo II: Eine leichte Sache. Kriminalroman, Edition Nautilus, Hamburg 1999, 190 S.

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