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Eine Apokalypse in Gedanken, Worten und Werten

Fernando, ein alter, verbitterter Mann, kehrt nach Jahren des Exils in seine kolumbianische Heimatstadt Medellín zurück, um dort zu sterben. Im Haus eines Freundes lässt er sich einen jugendlichen Liebhaber vermitteln, Alexis. Es bleibt jedoch nicht bei einer kurzen Affäre, sondern der Junge soll seine letzte große Liebe werden. Fernando ist berauscht von Alexis’ Schönheit und unbekümmerter Hingabe, und obwohl er eigentlich bereits mit dem Leben abgeschlossen hat, schöpft er neue Hoffnung, dass es für ihn doch noch ein bisschen Glück auf der Welt geben könnte. Da Alexis offenbar auch etwas für den Älteren empfindet, könnte sich eine schöne Liebesgeschichte entspinnen.
Allerdings geht es in Die Madonna der Mörder alles andere als beschaulich zu. Fernando Vallejo, der wie der Ich-Erzähler gleichen Vornamens im Buch in Medellín geboren wurde (1942) und seit langem in Mexiko lebt, schrieb den Text nach einem Rechercheaufenthalt in seiner Heimatstadt. Das Erleben von Gewalt, Elend und Zerstörung habe ihn entsetzt, ist zu lesen, und der Madonna der Mörder ist ohne Weiteres anzumerken, dass Vallejo genau dieses Entsetzen vermitteln wollte.
So gibt es für eine erfreuliche Liebesgeschichte zwei Hindernisse. Das erste: Bei Fernando handelt es sich um einen unerträglichen Menschenhasser. Abgesehen von ein paar nostalgischen Erinnerungen an seine Kindertage ist die Welt für ihn das nackte Grauen und sind die Menschen ihre schlimmste Plage. Seine apokalyptische Weltsicht, die er vor uns, der direkt angesprochenen Leserschaft, auf über hundertfünfzig Seiten ausbreitet, macht schlicht vor nichts Halt. Nach einem Mord räsonniert er: Sie „sollen mir nicht damit kommen, hier wäre ein Unschuldiger umgebracht worden … Niemand ist hier unschuldig, alle sind Dreckskerle. Wir haben ihn umgebracht, weil er Abfall war, Müll, … weil er existierte.“

„Niemand ist hier unschuldig“

Alexis ist von Fernandos Hass selbstverständlich ausgenommen. Aber da es auch solche Dinge wie lautes Musikhören und stundenlanges Fernsehen sind, die Fernando – einen feinsinnigen, recht elitären Grammatikliebhaber – zur Verzweiflung bringen, fliegt bereits nach einer Stunde Alexis’ Kassettenrekorder aus dem Fenster. Alexis ist untröstlich, Fernando kauft ihm einen neuen und für sich Ohrstöpsel, die aber nicht helfen; also geht er spazieren, solange sich der Junge volldröhnt. Keine gute Voraussetzung für eine glückliche Liebe.
Das zweite Hindernis stellt die Tatsache dar, dass Alexis ein sicario ist, ein Killer, der im Auftrag Leute umbringt. Einst arbeitete er für den Drogenboss Pablo Escobar; seit dessen Tod ist er jedoch ohne obersten Dienstherrn und quasi Freiberufler. Fernando ist zunächst schockiert, als er miterlebt, wie Alexis einen Nachbarn auf offener Straße erschießt – einzig und allein weil der für Fernandos Geschmack zu laut Musik gehört hatte und er zu Alexis sagte: „Ich könnte ihn umbringen, diesen Häßling.“ Die nicht ganz wörtlich gemeinte Überlegung nimmt Alexis volley.
Von diesen beiden Strängen ist Die Madonna der Mörder durchzogen: Fernando beobachtet und verwünscht die Stadt ebenso wie ihre Bewohner, und Alexis bringt Leute um, die ihm oder Fernando nicht passen. Aus ihm wird ein „Würgeengel“, der drei Polizisten „weghaut“, weil sie die beiden eventuell kontrollieren könnten, dann einen Fußgänger, der eine schwulenfeindliche Bemerkung fallen lässt, dann einen Taxifahrer, der sein Radio nicht leiser stellen wollte, einen Pantomimen, der Vorübergehende nachäfft und so weiter. Fernando hat den ersten Schrecken überwunden und schildert das Geschehen detailreich ganz aus der Nähe und mit einer gewissen Lust. „Als Alexis bei hundert angekommen war, verlor ich endgültig die Übersicht.“

Ein Killer, aus unmittelbarer Nähe betrachtet

Schließlich wird Alexis selbst Opfer eines Mordes. An seine Stelle tritt Wílmar, der ebenfalls ein sicario und, wie sich später herausstellt, sogar der Mörder von Alexis ist. Aber auch Wílmar überlebt das Buch nicht. So steigt Fernando am Ende, davon überzeugt, dass sich in Medellín nicht auskommen lässt, in einen Bus und fährt weg. Er verabschiedet sich von den Lesern und wünscht: „Also denn, mach’s gut, / komm gesund unters Auto / oder zermatscht untern Zug.“ Hals- und Beinbruch, sozusagen. Wenn’s weiter nichts ist …
Was ist das für ein merkwürdiges Buch? Mich hat es nachhaltig irritiert, zugleich abgestoßen und doch nicht losgelassen. Es fesselt mittels einer knappen, präzisen Sprache, die sich mit einer bewundernswerten, geradezu pervers schönen Leichtigkeit durch all die Eindrücke und Begebenheiten hindurchbewegt. „Natürlich existiert Gott, überall stoße ich auf Zeichen seiner Schlechtigkeit. … Als ich den Jungen an seinem Fläschchen schnüffeln sah, grüßte ich ihn mit einem Lächeln. Seine Augen, schreckliche Augen, bohrten sich in meine Augen, und ich sah, daß er mir in die Seele sah. Natürlich existiert Gott.“
Dass aus so unmittelbarer Nähe erzählt wird, macht Die Madonna der Mörder zu einem eindrücklichen Leseerlebnis. Aber hierin steckt auch eine Schwierigkeit: Der Erzähler ist ein Mensch, der sich für nichts und vor niemandem mehr rechtfertigt; er redet absolut subjektiv. Und was er von sich zu erkennen gibt, ist oft grauenhaft. So stören ihn die Morde seiner Liebhaber wohl, aber eher deswegen, weil sie ihn anekeln als weil er sie unrecht fände. Nicht einmal die schließliche Erkenntnis, dass Wílmar Alexis umgebracht hat, bringt ihn aus der Bahn. Vielmehr: Es gibt da offenbar keine Bahn mehr, aus der er zu bringen wäre.
Fernando erlebt den Niedergang seiner Heimat Kolumbien als so hoffnungs- und rettungslos, dass er alle für diesen Niedergang verantwortlich macht. Für Regierung, Polizei, Justiz, Medien und Kirche hat er nur höhnische Breitseitenkritik übrig. Besonders verächtlich lässt er sich jedoch gegen die normalen Leute aus, gegen Arme, gegen Frauen. Dass die Leute immer weiter Kinder in die Welt setzen, sieht er als Grundübel an: „Wo man auch hinblickte, Vandalismus und Menschenhorden: Menschen, Menschen und noch mehr Menschen, und als wären wir noch nicht genug, dazwischen immer wieder eine schwangere alte Frau, eines dieser monströsen Wurfwunder, die ohne jede Angst vor Strafe ihren schamlosen Bauch spazierenführten. Es war der Pöbel, der mit seinem ausschweifenden Elend alles überschwemmte, alles zerstörte, alles einsaute.“
Die Annahme, es könnte sich hierbei um einen verbalen Ausrutscher handeln, stellt sich bald als falsch heraus, denn Fernando lässt nicht locker. Von „schlechtem Blut, schlechter Rasse“ ist die Rede, von „verkommenem, abartigem Geschmeiß“. Der Ich-Erzähler erscheint als extremer Reaktionär, der an keiner Stelle durchblicken lässt, dass es sich bei seinen Äußerungen um die Karikatur eines Menschenfeindes oder um ein schockierendes Spiel handeln könnte. Zwar sind die Morde von Alexis und Wílmar – in einem manchmal fast heiteren Ton – derart überzeichnet, dass ein Augenzwinkern dahinter sichtbar wird.
Dennoch passen sie mit Fernandos Weltverachtung gut zusammen. Alexis erledigt mit der Pistole, was sich Fernando nur vorstellt. So wird auch der Hass auf die menschliche Fortpflanzung erklärlich, denn Alexis kann nicht so viele umbringen, wie als Nachwuchs für all das Elend geboren werden. Und mit seinem Hass auf die Welt ist es Fernando Ernst. Wenn dem Buch autobiographische Züge eigen sind – wer ist dann Fernando Vallejo? Und warum solche fürchterlichen Ausfälle?
Ich lernte den Autor im Februar 1999 in Barcelona kennen, als er das Buch auf einer Lesereise präsentierte (La Virgen de los Sicarios erschien bereits 1994 in Kolumbien und erregte dort großes Aufsehen; 1998 wurde es auch in Spanien publiziert). Bei der Veranstaltung wurde Vallejo als ein Schriftsteller vorgestellt, der einen gnadenlos zynischen, aber hellsichtigen Einblick in eine Realität vermittele, vor der man nur allzu gerne die Augen verschließen würde – als ein provozierender Schocker also, der aufrütteln und desillusionieren wolle.

Ein heilsamer Schock?

Von der Lektüre des Buches mitgerissen, fragte ich Vallejo einen Tag später in einem Interview nach seinem Verhältnis zu diesem Buch. Was denkt er selbst, wenn er seinen Erzähler so verächtlich denken lässt? Was hält er von der Solidarität mit Benachteiligten, von politischem Handeln, das dem Elend etwas entgegenzusetzen versucht? Seine Antworten waren ebenso klar wie erschütternd: Zwischen dem Fernando des Buches und dem Mann, der mir da gegenübersaß, gab es in dieser Hinsicht keinen Unterschied. Die Auskünfte, die Vallejo mir gab, hätten aus dem Buch stammen können.
Befragt nach seinem Interesse für politische Projekte wie das der Zapatisten in Mexiko – immerhin in dem Land, wo er seit Jahrzehnten lebt –, antwortet er: „In Europa hat man eine sehr vereinfachte Sicht auf diese Dinge, eine dummschwätzerische Sicht. Man ist sich nicht bewusst, dass die Armen in Lateinamerika unverantwortlich sind, schamlos, die sich vermehren wie die Tiere. Sie haben keinen Respekt vor ihren Kindern, denen sie die Last des Lebens aufbürden. Die Armen Lateinamerikas sind eine Schande für die Menschheit. Man muss sie sterilisieren. Sie vermehren sich wie die Tiere, deshalb verdienen sie zu leben wie die Tiere.“ – Hieße das für ihn, dass jede Politik, die „den Armen“ helfen will, Unsinn wäre? „Die beste Art, den Armen zu helfen, ist, ihnen Abtreibungspillen zu geben oder sie zu überzeugen, dass sich sie sterilisieren lassen.“
Später fragte ich ihn nach seinem Verhältnis zu Kolumbien und der Gewalt, die bei ihm eine so große Rolle spielt. Er sagt: „Die Gewalt in Medellín, in Kolumbien, liegt in der Seele der Mehrheit der Bevölkerung. Es ist eine schlechte Rasse, von schlechtem Wesen, mörderisch. Es gibt in Kolumbien gute Leute, gebildete, intelligente Leute, die die anderen respektieren. Aber sie sind in der Minderheit. Die Mehrheit ist menschlicher Müll. Ungeziefer.“
Wie mit solchen faschistoiden Äußerungen umgehen? In Rezensionen und Aufsätzen suchte ich nach anderen Stimmen zum Buch und zum Autor. Von den Ansichten des Autor-Erzählers, die dieses Buch durchziehen, ist jedoch nirgendwo die Rede. Dort wird Die Madonna der Mörder gelobt, weil der Text in seiner Heftigkeit wie ein Fegefeuer reinigend sei. Es wird auf die distanzlose Direktheit der Erzählperspektive hingewiesen, die Vallejo einnehme und mit der er auf Objektivität und rationale Deutbarkeit bewusst verzichte. Und man vertritt die These, es könne sich um eine Parodie der sicario-Szene handeln, da die Zahl der von Alexis Getöteten völlig übertrieben sei, und die Werte, die er vertritt, seien für die jugendlichen Killer gar nicht typisch. Ein schwuler sicario in der Machowelt der Medellíner Gangs, das sei schon komisch.
Mag sein. Für mich verlieren diese Erkenntnisse an Gewicht angesichts des Grauens, das mich jedes Mal überkommt, wenn ich von „menschlichem Müll“ lese. Dass mich das Buch dennoch nicht losgelassen hat, liegt an seiner sprachlichen Qualität. Sie hat mir, auf einer abstrakteren Ebene, das Erlebnis verschafft, eine moderne Apokalypse zu lesen. Die alte Geschichte von Weltgericht und Weltende in die Umstände des heutigen Medellín zu betten, ist packend. Das muss ich Vallejo lassen: Er konfrontiert die LeserInnen mit knallhartem Entsetzen, und er lässt die Selbstbeschwichtigung nicht zu, man hätte nur schlecht geträumt. Auf Kolumbiens Straßen wird täglich gemordet, und bei vielen Menschen mag sich die Ansicht breit gemacht haben, dass es der Welt mit ein paar weniger Menschen besser ginge.
Die Madonna der Mörder ist ein aktuelles und wichtiges Buch, nicht nur für Kolumbien. Hier werden auf hohem literarischem Niveau Gedanken und Erfahrungen formuliert, die in einer von Gewalt beherrschten Welt leider gang und gäbe sind. Sie fordern zum Widerspruch heraus, unabhängig davon, ob der Autor das intendiert hat oder nicht, und machen es schwierig wegzusehen. Dass aber die menschenverachtende Haltung nicht nur die des Erzählers, sondern offensichtlich auch die des Autors ist, ist unerträglich.

Fernando Vallejo: Die Madonna der Mörder. Aus dem Spanischen von Klaus Laabs. Zsolnay Verlag, Wien 2000, 165 S., 17.90 Euro.

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