«

»

Artikel drucken

Eine Frau wie ich

Soweit sich Albita Rodriguez zurückerinnern kann, sei das erste, das sie in ihrem Leben gesehen hat, guiro, clave und bongo gewesen. Mit diesen kubanischen Perkussionsinstrumenten habe sie in ihrer Kindheit auch lieber gespielt als mit Puppen. Mit fünfzehn steht sie das erste Mal auf der Bühne und spielt punto guajiro, kubanische Musik vom Land (guajiro, kubanisch Bauer). Mit 19 tritt sie in der Musikshow Palmas y Cañas im kubanischen Fernsehen auf. Später sagt sie darüber: „Es war ein moralischer Kompromiß. Ich liebte es Volksmusik zu machen, aber wie alles im kubanischen Fernsehen war es Propaganda. Und außerdem war es ein seltsam schreckliches Programm.“ Ihre Biographie wird nicht ohne Brüche verlaufen.
Sie hat Erfolg in Kuba. Sie tritt in den besten Touristenhotels und Nachtklubs auf. Ihrer Musik bleibt sie treu. 1988 erscheint ihr erstes Album: Habrá Musica Guajira (Es wird Guajiramusik geben).
1991 erhält sie aus Kolumbien das Angebot eines Plattenvertrages. Mit Erlaubnis der kubanischen Regierung geht sie nach Kolumbien. Sie nimmt zwei weitere Platten auf, die sich in Lateinamerika gut verkaufen und ihren Bekanntheitsgrad steigert.
Zweieinhalb Jahre bleibt sie in Kolumbien. Inzwischen hat sie ihre eigene Band, Albita y Su Grupo. Sie plant einen Aufnahmetermin in Mexiko, überquert im April 1993 den Rio Grande und setzt sich in die USA, nach El Paso ab. „Wir machten das wie einen Touristenbummel. Und niemand hielt uns an. Es war eine schwere Entscheidung. Ich hätte in Kuba bleiben können. Ich hatte ein bequemes Leben dort. Aber es ist nicht das Leben, das ich gewollt habe. In Kuba gibt es kein Denken, kein Reden, kein Träumen.“
Sie geht nach Miami. „Als ich das erste Mal nach Miami kam, war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Aber so wie die Dinge sich entwickelten, dachte ich, ich bin in einem Film. Es war surreal, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Albita tritt zweimal die Woche auf und spielt punto guajiro. Und es ist, als hätte die kubanische Gemeinde in Florida nur auf sie gewartet. Für die Älteren bringt sie die Erinnerung zurück und für die Jüngeren macht sie die Musik der Alten attraktiv.
1995 erscheint ihr US-Debutalbum: No Se Parece A Nada (Anders als alles andere) ist guter alter punto guajiro, leicht verbunden mit sanften Rock- und Jazzelementen. Die Platte verkauft sich über 100.000 Mal. Zum Erfolg dürfte auch beigetragen haben, daß die Platte beim Label Crescent Moon erschien, eine Firma der Familie von Gloria Estefan. 1996 erscheint ebenfalls bei Crescent Moon das Album Dicen Que… (Man sagt….). Auf ihm sind verschiedene kubanische Musikstile vertreten.
Längst ist Albita in vielen Ländern Lateinamerikas bekannt und ihre Konzerte sind ausverkauft. Vielleicht schlägt sich diese Tatsache in ihrer jüngsten CD nieder. Una Mujer Como Yo (Eine Frau wie ich) enthält neben kubanischen Rhythmen kolumbianischen vallenato, bomba aus Puerto Rico und merengue aus Santo Domingo.
Wer sie sieht, würde kaum auf ihre musikalischen Vorlieben kommen. Und wer sie hört, würde wohl auch nicht ihre optische Erscheinung richtig beschreiben. Die heute 37-jährige Albita über sich selbst: „Ich bin absolut keine typische Latina. Ich bin blond, und ich bin schmal. Das ist nicht der typische Latin Look.“ Aber woher sie kommt, zeigt sie deutlich. Auf Una Mujer Como Yo zeigt sie sich mit einer auf ihrem Rücken skizzierten Landkarte: Der Mittelpunkt ist Kuba.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/eine-frau-wie-ich/