Berlinale | Brasilien

Eine nicht allzu ferne Vergangenheit

Quatro Meninas porträtiert eine Sklav*innenhalter*innengesellschaft, die in Brasilien erst vor wenigen Generationen zu Ende ging

Von Karina Tarasiuk

Brasilien war einer der letzten Staaten der Welt, der die Sklaverei offiziell abschaffte. Obwohl das schon fast 140 Jahre her ist, prägen ihre sozialen und ökonomischen Auswirkungen die Gesellschaft des Landes bis heute. Kunst und Populärkultur sind nach wie vor mit der Aufarbeitung der rassistischen Strukturen beschäftigt. Karen Suzane beleuchtet die Epoche im Berlinale-Beitrag Quatro Meninas, der in der Jugendfilmsektion Generation läuft, aus einem fiktiv-episodischen Blickwinkel. Indem sie vier versklavte Frauen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt, verlagert sie die Geschichte der brasilianischen Sklaverei aus dem Bereich der offiziellen Aufzeichnungen in den Bereich der intimen, weiblichen und kollektiven Erinnerung. Der Film nutzt die Fiktion nicht, um eine abgeschlossene Vergangenheit zu illustrieren, sondern um ihre Interpretation zu hinterfragen. Er stellt die Sklaverei als gelebte Erfahrung dar, die mündlich weitergegeben und von verschiedenen Formen des Widerstands durchzogen ist. In diesem Sinne bringt Quatro Meninas Vergangenheit und Gegenwart einander näher.

© Cris Lucena

Die Geschichte spielt 1884 in Rio de Janeiro, vier Jahre vor der formellen Abolition der Sklaverei in Brasilien. Nach ihrer Flucht findet Lena (Dhara Lopes) bei drei Freundinnen, die ebenfalls versklavt sind, Schutz. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, um in ein Quilombo zu fliehen, einen Ort, an dem sie endlich in Freiheit leben können. Diese relativ einfache Erzählstruktur dient als Rahmen für einen Ansatz, der weniger das Abenteuer der Flucht als vielmehr die Konstruktion einer gemeinsamen Erinnerung in den Vordergrund stellt. Denn die Protagonistinnen, die als „Mädchen” bezeichnet werden, arbeiten als Hausangestellte und Begleiterinnen junger Menschen der weißen Elite und haben ihr ganzes Leben in Knechtschaft verbracht. Indem der Film ihre Routinen, Gespräche und Ängste begleitet, macht er deutlich, dass die Sklaverei keine ferne Vergangenheit ist, sondern in Gefühlen und Einstellungen immer noch die Gesellschaft durchzieht.

Eine der bedeutendsten Gesten des Films besteht darin, die Geschichte anhand von Wissen zu präsentieren, das sich der „offiziellen Geschichte” entzieht. Die eigene Abstammung, die Spiritualität und die Verbindungen zwischen den Frauen erscheinen als Formen des Widerstands und stehen im Gegensatz zu dem Bild der Passivität, das oft mit versklavten Bevölkerungsgruppen assoziiert wird. Historische Erfahrung wird nicht nur als Gewalt und Unterordnung dargestellt, sondern auch als Feld kultureller Ausarbeitung und kollektiver Kraft. Auf diese Weise feminisiert und humanisiert der Film die Erinnerung an die Sklaverei und schreibt sie neu in den Körper und die Alltagserfahrung dieser vier jungen Frauen ein.

© Cris Lucena

Formal tragen die feinfühlige Kameraführung und die einfühlsame Schauspielkunst zu dieser intimen Perspektive bei. Anstatt große Ereignisse zu inszenieren, setzt der Film auf emotionale Nähe und verwandelt kleine Interaktionen in Träger historischer Bedeutung.

Der narrative Bogen ist hingegen nicht besonders komplex: Es gibt keine Überraschungen, und das Drehbuch vermeidet große Wendungen oder strukturelle Risiken. Diese dramatische Nüchternheit kann als Einschränkung gelesen werden, aber auch als eine Entscheidung, die den Charakter des Werks als historisches Zeugnis verstärkt, das mehr daran interessiert ist, Präsenzen und Erfahrungen festzuhalten, als Spannung oder Spektakel aufzubauen. Vielleicht hätte es auch geholfen, die Anzahl der Protagonistinnen zu reduzieren. Denn durch die kurze Laufzeit des Films und die vielen unterschiedlichen Charaktere bleiben manche Konflikte und Handlungsstränge fast zwangsläufig nur an der Oberfläche.

Dennoch greift Quatro Meninas die Sklav*innenenhalter*innenvergangenheit anhand der fiktiven Schicksale von vier Frauen lebendig auf und präsentiert so Geschichte als lebendige und umstrittene Erinnerung. Der Film erinnert daran, dass die Vergangenheit in Lateinamerika kein abgeschlossenes Archiv ist, sondern eine noch immer aktive Schicht der Gegenwart, insbesondere in den Körpern und Lebenswegen Schwarzer Frauen.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas

Vorführtermin auf der Berlinale:

Samstag, 14. Februar, 17:00 Uhr, HKW 1 
Sonntag, 15. Februar, 10:15 Uhr, Cubix 6
Montag, 16. Februar, 18:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Donnerstag, 19. Februar, 09:30 Uhr, Zoo Palast 1
Samstag, 21. Februar, 13:00 Uhr, Zoo Palast 2

Quatro Meninas (Four Girls), Brasilien / Niederlande, 2025, 89 Minuten, Internationale Premiere | Debütfilm; Regie: Karen Suzane; Portugiesisch, Untertitel: Deutsch, Englisch


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