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Eine verlogene Win-Win-Situation

Seit ein paar Jahren ist Land Grabbing ein viel diskutierter Begriff. Regierungen, Unternehmen und Investmentfonds pumpen massiv Kapital in die Jahrzehnte lang vernachlässigte Landwirtschaft des globalen Südens. Über die Folgen herrscht Uneinigkeit. Während die Einen von positiven Wachstumsimpulsen sprechen, verdammen die Anderen Land Grabbing als Neo-Kolonialismus.
Der italienische Journalist Stefano Liberti hat sich für sein nun auf Deutsch erschienenes Buch Landraub auf die Reise gemacht, um weltweit Protagonist_innen und Betroffene zu interviewen. Er lässt verschiedene Seiten zu Wort kommen, bezieht aber klar Position gegen das Land Grabbing. Wobei es niemand der im Buch vorkommenden Profiteur_innen des Landraubs ausdrücklich gutheißt, wenn Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Auffällig ist, dass die Befürworter_innen der Landgeschäfte stets eine Win-Win-Situation beschwören, die keine Verlierer_innen zulässt, während an einzeln vorkommenden Verfehlungen immer die anderen Schuld zu sein scheinen. Eine derartige Rhetorik begegnet dem Autor etwa in Saudi Arabien. Die Vertreter_innen zahlreicher Staaten unterbieten sich auf einer internationalen Konferenz gegenseitig, um saudische Investitionen anzulocken, durch die das Königreich die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung sicherstellen will.
Dass es bei der weltweiten Jagd nach Land mit dem kleinbäuerlichen Sektor aber sehr wohl einen eindeutigen Verlierer gibt, zeigt der Autor eindrücklich auf. Beispielsweise in Äthiopien, wo die Regierung Land zu symbolischen Preisen für Jahrzehnte an Exportunternehmen verpachtet. In Tansania trifft Liberti auf Dorfgemeinschaften, die dreist über den Tisch gezogen wurden, damit Unternehmen auf deren Land Energiepflanzen anbauen können. Auch in Brasilien sind die Perspektiven trotz der vergleichsweise starken Landlosenbewegung MST ernüchternd. Die Produktion von Soja und Zuckerrohr scheint schier unaufhaltsam Ackerland zu fressen. Will man dem brasilianischen Ex-Landwirtschaftsminister Roberto Rodrigues glauben schenken, ist dies erst der Anfang. Er sieht die Zukunft des globalen Südens schlicht in der Produktion von Energiepflanzen. Denn der Süden sei „reich an Anbauflächen, Sonne und Arbeitskräften, aber ohne Eigenkapital”. Letzteres soll der Norden beisteuern. Bei einer derartigen Argumentation liegt es nahe von einem neuen Kolonialismus zu sprechen, den der deutsche Verlag im Untertitel des Buches ankündigt. Doch Liberti selbst sieht das differenzierter. Die heute unabhängigen Regierungen der betroffenen Länder, „die die Ressourcen für eine handvoll Dollar verhökern”, seien „die Hauptverantwortlichen für diesen ungezügelten Ausverkauf von Anbauflächen”.
Wirklich neue Infos hat Liberti nicht zu bieten. Er fasst inhaltlich das zusammen, was in diversen Studien internationaler Institutionen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bereits ausführlich dargelegt wurde. Während NGOs allerdings oft dröge Zahlen und Fakten aneinanderreihen und dadurch vor allem ein Fachpublikum ansprechen, bereitet der Autor Hintergründe in Verbindung mit O-Tönen und szenischen Abschnitten gut lesbar auf. Der Schreibstil mag an der ein oder anderen Stelle vielleicht etwas eitel und ausgeschmückt wirken. Dafür gelingt es ihm, das Thema Land Grabbing einem potenziell breiten Publikum zu vermitteln. Und das ist aufgrund der besorgniserregenden Entwicklungen bitter nötig.

Stefano Liberti // Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus // Aus dem Italienischen von Alex Knaak // Rotbuch Verlag // Berlin 2011 // 254 Seiten // 19,90 Euro // www.rotbuch.de

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