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Einleitung

Mit dem 11. September erlebt ein Begriff Renaissance, der vielerorts schon totgeglaubt schien: Solidarität, uneingeschränkte sogar. Der Adressat: die USA. Die Adressaten: Regierungen, deren Politik sich bisher weder national noch international an einem solidarischen Gemeinwesen orientierte.

Es ist schon kurios. Uneingeschränkte Solidarität war der Vorwurf, der weithin der Solidaritätsbewegung gemacht wurde, in Bezug auf das sandinistische Nicaragua, die Waffen für El Salvador-Kampagne und nicht zuletzt auf Kuba. Ein Vorwurf, der in Teilen seine Berechtigung hatte und hat. Denn uneingeschränkt heißt implizit kritik- und distanzlos. Trotz solidarischer Grundhaltung, die Lateinamerikanachrichten entstanden schließlich aus Solidarität mit dem chilenischen Volk kurz vor dem Putsch gegen Allende am 11.9.73, sind Distanz und Kritik eine Richtschnur der Berichterstattung bei den LN.

Besonders gegenüber Kuba, dem dieser Schwerpunkt gewidmet ist, haben und hatten auch die LN ihre liebe Not, sich zu positionieren. Das andere Gesellschaftsmodell hat seine Faszination – vor allem aus der Distanz und vor allem auf kultureller Ebene. Kubanische Filme und kubanische Musik haben weltweit Erfolg, das Gesellschaftsmodell gilt hingegen gemeinhin als ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Und so hatte die LN-Kubaberichterstattung in den letzten Jahren einen eindeutigen Schwerpunkt auf kulturellen Themen — die Begleitung der politischen Entwicklungen kam eingestandenermaßen zu kurz. Dafür nun ein praller, umfassender Schwerpunkt mit breitem politökonomischem Fundament und reichlich Kultur.

Was ist von den sozialen Errungenschaften geblieben nach zehn Jahren período especial (Sonderperiode)? Wie steht’s ums Bildungswesen und Gesundheitssystem in einer Gesellschaft, in der das externe ökonomische Fundament nahezu über Nacht wegbrach, ohne dass sich eine internationale Gemeinschaft solidarisch zeigte.

Sönke Widderich skizziert den Reformverlauf in den neunziger Jahren. Der kubanische Ökonom Juan Triana nimmt im Interview Stellung zu den Knackpunkten vergangener und künftiger Wirtschaftsentwicklung. Wie sich das Kuba von heute einem alten Kämpen der Solidaritätsbewegung darstellt, schildert Reimar Paul in seinen Reiseimpressionen von 2001. Impressionen aus einem Land, in dem der US-Dollar seit dem 26.7.1993 offiziell Einzug gehalten hat.

Dass mit dem US-Dollar auch die Korruption an Attraktivität gewonnen hat, ist in Kuba ein Allgemeinplatz. Das von Knut Henkel beschriebene, neugeschaffene Ministerium zur Rechnungsprüfung und Kontrolle soll zumindest ein Ausufern verhindern. Denn der US-Dollar unterhöhlt die egalitäre Struktur der kubanischen Gesellschaft. Bildung- und Gesundheitssystem wurden von Autoren aus der Nähe unter die Lupe genommen. Sowohl Rainer Schultz als auch Jens Wenkel haben als Austauschstudenten in Havanna studiert – der erstgenannte Geschichte, der zweite Medizin.

Der US-Dollar und das Internet haben einiges gemeinsam: sie sind weltumspannend, nicht zu verhindern und schwer zu kontrollieren. Den Spagat Kubas zwischen dem Internet als unverzichtbarer Wissens- und nahezu unkontrollierbarer Einflussquelle beschreibt der Politikwissenschaftler und Kubanologe Bert Hoffmann. Die Zukunft Kubas wird jenseits von äußeren Entwicklungen vor allem von der Haltung seiner Jugend zum kubanischen System abhängen, einer Jugend, die sich im Wertewandel befindet, wie dem Artikel von Torsten Klinke ebenso zu entnehmen ist, wie den Artikeln über die Rock- und Hip-Hop-Kultur von Andreas Knobloch und Knut Henkel. Beiträge über neueste Entwicklungen in Literatur und Film, bei den Homosexuellen sowie die Wohnsituation in Havanna runden den kritisch-solidarischen Schwerpunkt ab, meinen die Macher. Aber vielleicht sehen das die LeserInnen aus ihrer kritischen Distanz ganz anders. Ein Feedback ist wie immer uneingeschränkt willkommen.

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