Einzigartige Unterwelten
Eine dunkle Dringlichkeit liegt in den Songs von Barbi Recanatis Único y nuestro

Eine Trompete ertönt zu Beginn von Barbi Recanatis neuem Album Único y nuestro („Einzigartig und unser“). Der Opener „Mil Partes“ („Tausend Teile“) baut auf unheimlich traumähnlichen elektronischen Klanglandschaften auf, bis Gitarre und Schlagzeug durchbrechen. Dann heißt es, nicht ohne Ironie, „hoy voy a cambiar, todo va a salir de maravilla“ („heute werde ich mich ändern, es wird alles großartig“). Das ist, was das neue Album der argentinischen Rocksängerin ausmacht.
Nicht explizit politisch, wächst Recanatis Sound – „retrofuturistisch“ wie die Zeitschrift Rolling Stone Argentina schreibt – aus der Entfremdung dieser Zeit. Ihr Solodebut Ubicación en tiempo real („Live Standort“, siehe LN 550) erschien 2020 ungewollt pünktlich zu Beginn der pandemiebedingten Ausgangssperre in Argentinien. Es war für einen Latin Grammy nominiert und gewann den Musikpreis Gardel de Oro in der Kategorie „Bestes Alternative Rock Album“. 2023 wurde das zweite Album El final de las cosas („Das Ende der Dinge“) veröffentlicht. Neben zahlreichen Konzerten in Süd- und Mittelamerika folgten Touren durch Europa und sogar ein Auftritt in Japan, sowie beim Radiosender KEXP in Seattle 2022. Fast nebenbei gründete Recanati noch das Label GOZA Records und veröffentlichte gemeinsam mit der kolumbianischen Zeichnerin Powerpaola das Buch Mostras del Rock über die historischen Wegbereiterinnen der Rockmusik.
Für den synthesizergeprägten Sound von Único y nuestro, Reminiszenzen an New Wave und Post Punk der 80er Jahre, zeichnet sich Juan Manuel Segovia verantwortlich, Produzent, Gitarrist und Recanatis musikalischer Weggefährte seit vielen Jahren. Rockmusikerin Marilina Bertoldi, siehe LN 574 und 613, steuert Hintergrundgesänge bei.
In den zehn Liedern des Albums liegt eine dunkle Dringlichkeit. Da ist etwa „Mojarse en invierno“, („Nasswerden im Winter“). Von einem beunruhigend pulsierenden Bass getragen, türmt es sich am Ende auf wie Riesenwellen auf finstrer See oder in der Dunkelheit aufragende Hochhäuser einer großen Stadt. Im Kontrast dazu ist „Gauchito“ („kleiner Gaucho“) von verspielten Gitarren geprägt. Recanati erwähnt den Volksheiligen Gauchito Gil, dessen rot geschmückten Schreine jede*r gesehen haben mag, der schon mal auf argentinischen Landstraßen unterwegs war – und die französische Schriftstellerin Virginie Despentes. Das Album endet mit einem großartigen Cover des Songs „Todo sigue igual“ („Alles bleibt gleich“), der Band Viejas Locas und einer unplugged Version der Single „Nada nadie“ („Nichts und niemand“). „Ich glaube nicht, dass die Sterne der Grund meiner Depression sind“, singt Recanati mit überschlagender Stimme, begleitet nur noch von akustischer Gitarre und ein paar sorgfältig angeschlagenen Klaviertönen.
Die Bedeutung der Kultur lässt sich in diesen Zeiten kaum unterschätzen, betont Recanati in Interviews. Eine kleine Geste ist der Verkauf stark vergünstigter Tickets für ihre Shows: um den einzigartigen Raum, der dort entsteht, zugänglicher zu machen. Wenn ich das Album höre, wäre ich gerne dort, um mich zu dem Refrain von „Lo Robado“ („Das Geklaute“) in den Pogo zu stürzen und zu brüllen „Nada es mejor que vos“ („Nichts ist besser als du“).
Barbi Recanati // Único y nuestro // 10 Lieder // September 2025


