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Empowerment für Empregadas

Regisseurin Anna Muylaert beschreibt in ihrem Film die Welt der empregadas domésticas, der Haushaltshilfen in Brasilien – lange Zeit einer der am stärksten ausgebeuteten Berufsstände Brasiliens. Zu Kolonialzeiten verrichteten Sklavinnen diese Arbeit, die neben ständiger Bereitschaft und überdurchschnittlich langen Arbeitstagen auch ein hohes Maß an Demut und Diskretion verlangte. Die Sklaverei wurde abgeschafft, die herablassende Behandlung durch die Arbeitgeber*innen blieb in vielen Fällen erhalten. Trotz – oder wegen – des symbiotischen Verhältnisses mit ihren Familien wurden die Arbeitskräfte mit oft winzigen Zimmern im Haus und einem Lohn abgespeist, der sie in völliger Abhängigkeit hielt. Auch rechtlich blieben sie jahrzehntelang diskriminiert: Bis 1988 hatten empregadas in Brasilien kein Recht auf Mindestlohn oder bezahlten Urlaub und erst 2013 erfolgte die volle arbeitsrechtliche Gleichstellung mit anderen Berufsgruppen.
Val – herausragend gespielt von Regina Casé – ist der Prototyp einer treuen empregada. Selbst ihre Familie hat sie für den Job aufgeopfert, ihre Tochter Jéssica (Camila Márdila) seit 10 Jahren nicht gesehen. Bis diese plötzlich und unerwartet nach São Paulo kommt, um in der großen Stadt Architektur zu studieren. Jéssica verkörpert all das, was ihre Mutter nicht ist: Unbekümmert, selbstbewusst und zielstrebig, interessieren sie die Routinen des Hauses nicht. Sie bedient sich bei der Lieblings-Eiscreme der Familie, planscht verbotenerweise im Pool und schnappt sich das geräumige Gästezimmer, statt sich in das winzige Kabuff ihrer Mutter zu quetschen. Etwas, das der Tochter einer Hausangestellten aus dem Nordosten Brasiliens nicht zusteht, wie Val findet: „Selbst wenn man uns etwas anbietet, ist das zwar höflich, aber wir müssen es ablehnen.“ Diese verinnerlichte Unterwürfigkeit ist Jéssica völlig fremd. Und so scherzt sie mit dem verhätschelten Söhnchen Fabinho, verdreht dem Hausherren, einem alternden, reichen Hippie, den Kopf und zieht sich nicht nur dadurch die offene Abneigung seiner Frau Bárbara (stark als Vamp: Karine Teles) zu. Das alles bleibt logischerweise nicht ohne Konsequenzen – für Jéssica selbst, aber ganz besonders auch für das Leben von Val.
Anna Muylaert hat mit diesem Film ein exzellentes Gesellschaftsporträt abgeliefert. Mit großem Einfühlungsvermögen, Wärme und subtilem Witz trifft sie – unterstützt von großartigen Schauspieler*innen – oft exakt den Nerv der Situa­tion. Die Regisseurin zeigt eine Oberschicht, die ihre gesellschaftlichen Privilegien nicht abgeben will und Toleranz nur heuchelt, solange ihr Status nicht in Frage gestellt wird. In Que Horas Ela Volta? ist dies aufgrund des Selbstbewusstseins einer neuen Generation ein Kampf auf verlorenem Posten. In seinen besten Momenten wirkt der Film deswegen wie ein Empowerment für Menschen, die in eingefahrenen Strukturen mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Leider erscheint das Ende des Films – wohl auch wegen eines verzichtbaren Überraschungsmoments – etwas hektisch zusammengefügt. Aber auch dies ändert nichts daran, dass Muylaert ein kleines Meisterwerk gelungen ist. Que Horas Ela Volta? dürfte zu den Perlen des Festivals gehören und vielleicht sogar Chancen bei der Verleihung des Publikumspreises haben.

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