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ENDE DES PROGRESSIVEN ZYKLUS?

Befinden wir uns am Ende eines sogenannten progressiven Zyklus in Lateinamerika? Dieser Frage geht Ulrich Brand im Gespräch mit lateinamerikanischen Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen in der von ihm herausgegebenen Flugschrift Lateinamerikas Linke. Ende des progressiven Zyklus? nach.

Die zu Brasilien Interviewte bei ihrer Lektüre: Camila Moreno vor wenigen Jahren in Berlin (Foto: Christian Russau)

Das auf 120 Seiten beim VSA-Verlag im Mai dieses Jahres erschienene Buch punktet durch seine Aktualität: Die sieben Interviews mit Alberto Acosta, Mónica Baltodano, Edgardo Lander, Camila Moreno, Alejandra Santillana, Maristella Svampa und Luis Tapia wurden zum Teil noch im April aktualisiert. Ulrich Brand dokumentiert und analysiert in dem einleitenden Beitrag die Wahlniederlagen im Jahr 2015 und Anfang 2016, die ihn zu seiner Ausgangsfrage führen. Kritisch wird reflektiert, dass linke Politik sich nicht nur in Wahlen erschöpft und dem wird in den Interviews mit einem Blick auf Selbstorganisation und soziale Bewegungen Rechenschaft gezollt.
Für die deutschsprachige Linke ist es wertvoll, dass in dem Buch eine Gegenüberstellung zweier Positionen kritisiert wird. Einerseits eine aus Enttäuschung über die Entwicklung der (Mitte-)Links-Projekte vollständigen Abwendung, andererseits einer kritiklosen Verteidigung der Regierungen. Stattdessen wird appelliert, sich kritisch und differenziert zu positionieren und aus den zum Teil besorgniserregenden Tendenzen Lehren für die europäische Politik zu ziehen. Daher ist es spannend, dass das Buch mit einem Beitrag von Tobias Boos und Etienne Schneider zu der Frage nach linkem Populismus in Europa schließt. Dem Anspruch einer differenzierten und kritischen Betrachtung folgend, werden in dem Buch vor allem die bestehenden und sich verändernden Kräfteverhältnisse und Strukturen betrachtet. Einen wichtigen Beitrag leistet die Perspektive des Herausgebers darin, dass die ökonomische und politische Dimension des Zyklus berücksichtigt wird, dessen Anfang bei der Regierungsübernahme durch Hugo Chávez und dem Anstieg der Weltmarktpreise für natürliche Ressourcen datiert wird. So wird nicht nur das Wirtschaftsmodell des Neo-Extraktivismus kritisiert, sondern auch die ausgebliebenen Staatsreformen, also die geringen Strukturveränderungen der staatlichen Apparate, sind Gegenstand der Analysen.
Für die Überlegungen zu Perspektiven transformatorischer Politik ist vor allem die linke Kritik an den zunehmenden autoritären Tendenzen und zu beobachteten Angriffen auf soziale Bewegungen in den links und mitte-links regierten Ländern wichtig. Die Zusammenführung der verschiedenen Analysen aus Argentinien, Bolivien, Ecuador, Nicaragua und Venezuela schafft es, ein Mosaik zu bilden, in dem die Unterschiede der Gesellschaften deutlich werden, aber vor allem die ähnlichen Tendenzen und Gefahren im Gesamtbild aufgezeigt werden. Dieses Gesamtbild bestärkt die Notwendigkeit für eine solidarisch kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen in Lateinamerika. Nicht zuletzt, um die globale Dimension des debattierten Zyklusendes zu verstehen und für die eigene Praxis in Europa anzunehmen.
Ziel der Veröffentlichung ist, die Diskussionen um die jüngeren Entwicklungen in Lateinamerika für deutschsprachige Leser*innen zugänglich zu machen – LN-Leser*innen werden mit den besprochenen Ereignissen und der einen oder anderen Analyse der interessanten Gesprächspartner*innen vertraut sein, aus Artikeln beispielsweise wie dem zum Amtsenthebungsverfahren in Brasilien, dem Kanalbau in Nicaragua oder Interviews mit einigen der besagten Gesprächspartner*innen. Für Personen, die die Ereignisse des letzten Jahres in Lateinamerika jedoch nicht intensiv und regelmäßig verfolgt haben, bildet das Buch eine wichtige Informationsquelle. Besonders bereichernd sind die Analysen für Personen, die hoffnungsvoll hauptsächlich nur die Beginne des diskutierten Zyklus verfolgt haben, da in den Gesprächen auch die Entwicklungen der letzten 15 Jahre mit einbezogen werden. Trotzdem wird es für Kenner*innen dieser politischen Projekte und treue LN-Leser*innen nicht langweilig. Dies liegt vor allem an der bereits beschriebenen Perspektive der Beiträge, die mitunter die Frage nach staatlichen Institutionen stellt, sowie an den spannenden Schlussfolgerungen. Auf die jeweils unterschiedlich gestellte Frage nach dem Ende des Zyklus und den Perspektiven, variieren die Antworten der Gesprächspartner*innen nämlich je nach Kontext des Landes.
Brands Einleitung schafft es, Ereignisse detailliert zusammenzuführen und in Entwicklungen einzubetten. Die Rahmensetzung für das Buch wird bereits mit Analysen verbunden und macht neugierig, in den folgenden Interviews die den Analysen zugrundeliegenden Einschätzungen zu lesen. Die Interviews lesen sich alle durchweg gut und da bestimmte Themen jeweils unterschiedlich fokussiert werden, lesen sich die Gespräche abwechslungsreich. Außerdem werden diese dadurch den jeweils unterschiedlichen internen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen gerecht. Wichtig für die Frage nach den Perspektiven sind die Einschätzungen der Gesprächspartner*innen zur Situation anderer linker Parteien und den sozialen Bewegungen im jeweiligen Land. Weitere Themen, die immer wieder aufkommen, sind die regionale Integration und der Einfluss Chinas.
Das Buch ist mit Lateinamerikas Linke betitelt – von daher ist es schade, dass das Interview zu Nicaragua sehr kurz ausfällt. Die Interviewte,Mónica Baltodando, sieht das Land nicht als Teil der progressiven Regierungen auf dem Kontinent und es wäre spannend, auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den südamerikanischen Ländern näher einzugehen.
Das Buch schließt mit einem Beitrag, der die aufkommende Frage nach den Lehren aus dem diskutierten, vermeintlich beendeten, Zyklus stellt. Der Blick richtet sich auf Europa, genauer gesagt auf Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien, die den beiden Autoren nach mehr oder wenig offen die Strategie eines linken Populismus verfolgen. Mit Bezug auf Erfahrungen aus Lateinamerika werden die Probleme und Gefahren populistischer Strategien und des pacto de consumo (Konsumpakt) skizziert. Im Verlauf des Buches wurden zwar immer wieder sehr interessante theoretische Bezüge hergestellt, der letzte Beitrag unterscheidet sich jedoch stark davon, da er mit Bezug auf insbesondere Nicos Poulantzas sehr theoretisch geschrieben ist. Das Buch endet mit dem schönen Fazit der beiden Autoren, dass nicht nur die Erfolge, sondern auch das Scheitern verstanden werden müssen, um den Glauben an die Zukunft eines emanzipatorischen Gesellschaftsprojektes nicht zu verlieren.

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