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Erinnerung – verweigert und erzwungen

In Chile, Argentinien und anderen Ländern Lateinamerikas gibt es die Zusammenschlüsse der verhafteten Verschwundenen. Menschen, die sich auf die Suche nach ihren Angehörigen begeben, die seit den Zeiten der Militärdiktaturen verschwunden sind. Ihre zentralen Forderungen lauten: Bekanntgabe der Gräber, Rückgabe der Ermordeten, wenigstens ihrer Knochen, und Aufdeckung der Wahrheit über das Schiksal ihrer Angehörigen. Und sie wollen Gerechtigkeit, Strafen für die Täter.
Dies ist nichts anderes, als das Recht auf Erinnerung einzufordern. Die Angehörigen leben seit zwanzig Jahren in der Ungewißheit darüber, was mit ihren Müttern und Vätern, mit ihren Brüdern und Schwestern geschehen ist. Die verweigerte Erinnerung verhindert, daß die Geschichte dieser Menschen als private sowie als öffentliche und politische Geschichte zu Ende geschrieben wird. Die Militärs verweigern nicht nur das Eingeständnis der Ermordung, sondern auch den offensichtlichen Beweis dafür: den Leichnam. Den Angehörigen der Opfer wird so ein zweites Mal Unrecht angetan.
Der Blick auf die individuellen Folgen verweigerter Erinnerung verweist auf deren gesellschaftliche Folgen – und auf die Intention derer, die nicht zulassen, daß die Verbrechen aufgeklärt werden. Dies bedeutet nicht nur, daß die Täter straffrei ausgehen, sondern auch, einer ganzen Gesellschaft die Erinnerung zu verweigern, und ihr damit die Möglichkeit zu nehmen, die Zukunft auf der Wahrheit über die Vergangenheit aufzubauen. Diese Strategie verhindert zugleich, daß die Geschichte der Täter geschrieben wird. Jede verweigerte Aufklärung des Falles eines Verschwundenen ist auch eine mögliche Anklage, Verhaftung, Bestrafung und Möglichkeit weniger, die Zukunft gerechter zu gestalten.
Allein mit der kurzfristigen Festsetzung von General Pinochet sind in diesem Sinne wichtige Zeichen gesetzt worden. Es geht dabei nicht nur darum, daß Menschenrechtsverbrecher als Folge dieser Verhaftung nunmehr bei Auslandsaufenthalten damit rechnen müssen, vor Gericht gestellt zu werden. Die Verhaftung und drohende Anklage Pinochets ist auch ein wichtiges Signal für die Opfer der Menschenrechtsverbrechen: Zum einen ist es nicht zuletzt ihr Erfolg, daß es zu dieser Festnahme gekommen ist. Sie haben die Erinnerung an die verursachten Leiden wachgehalten, immer wieder auf die Verbrechen hingewiesen und sie nicht „im Vergeben und Vergessen“ ruhen lassen. Zum anderen geht von der Verhaftung ein deutlicher Ruck aus, der die Erinnerung nicht nur wachhält, sondern neu weckt: Chile ist wieder präsent in den Medien, der Ton gegenüber dem Pinochet-Regime und seinen “Erfolgen” ist plötzlich ein anderer: Es stehen die Opfer an Menschen und der Verlust an Menschlichkeit im Vordergrund.
Auch der Mythos der Versöhnung ist angekratzt und all diejenigen desavouiert, die glaubten, ohne Strafverfolgung einen neuen Anfang machen zu können. Allen voran die katholische Kirche, die Anfang der neunziger Jahre ihre Menschenrechtsarbeit einstellte, und sich dem öffentlichen Protest gegen die Straffreiheit verweigerte. Die kirchliche Ideologie, nach der zuallererst immer die Opfer aufgefordert sind, sich mit den Tätern zu versöhnen, trug zu diesem heuchlerischen Konzept der nationalen Versöhnung bei. Wenigstens für einen Moment lang wird nun deutlich, daß es Versöhnung ohne Recht und einen gesellschaftlichen Neuanfang, der die mörderischen Institutionen zerschlägt, nicht geben kann.
In vielen Ländern Europas wird jetzt an Anklagen und Auslieferungsanträgen gearbeitet, was vor wenigen Jahren undenkbar war, weil die Justiz, wenn sie denn nur auf die Idee gekommen wäre, keinerlei politischen Rückhalt gehabt hätte. Und in Chile zeigen die emotionalen Reaktionen auf allen Seiten, wie nah die Ereignisse noch sind. Selbst wenn Pinochet als „freier Mann“ nach Chile zurückkehren sollte, was hoffentlich nicht geschehen wird, so wird er nicht mehr derselbe sein. Er steht vor den ChilenInnen und vor der Weltöffentlichkeit als angeklagter Menschenrechtsverbrecher da. Unter dem Schutzmantel der Unantastbarkeit und des Vaterlandsretters wird er sich nie wieder verstecken können. Und das könnte über Chile hinaus ansteckend wirken.

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