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Erinnerungen des Soldaten Sic

Ich heiße Rodrigo Sic Ixpancoc und wurde in Rabinal, in der Provinz Baja Verapaz geboren. Ich bin jetzt 46 Jahre alt. Zu Hause sprechen wir unsere Muttersprache Achí, das ist eine der 22 Mayasprachen, die bis heute in Guatemala gesprochen werden. In meiner Jugend hatten die Menschen Angst, wenn ihre Kinder auf der Straße spielten. Meine Mutter hat oft gesagt: „Heute darfst du nicht raus, weil sie sich Jungs schnappen.“ Dann ist die Armee durch die Dörfer gezogen und hat die Jungen mitgenommen.
Als ich noch keine 18 Jahre alt war, musste ich schon bewaffnet durchs Dorf patrouillieren. Im Jahr 1982 dann kam ein hochrangiger Militär zu unserer Hütte und brachte einen Einberufungsbefehl. Alle Jungen sollten sich im Rathaus einfinden. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich meinen Vater weinen sah. Wir waren 700 Jungen aus der Gegend. Sie haben uns einen Tag und eine Nacht lang eingesperrt. Draußen hatten sich Mütter versammelt und gefleht, dass sie ihnen ihre Söhne zurückgeben. Aber niemand schenkte ihnen Beachtung.
Um zwei Uhr morgens dann wurden wir auf sieben Lastwagen verteilt. Soldaten haben uns getreten und beschimpft. Sie brachten uns in eine Militärstation in der Stadt Salama. Dort mussten wir uns auf den Boden legen. Die Soldaten liefen auf unseren Rücken herum. Sie haben uns alles ausgezogen und uns in einer Krankenstation untersucht. Draußen standen wieder viele Mütter, aber niemand wurde rausgelassen. So begann der Albtraum.
Ich wurde mit einer Gruppe in die Hauptstadt gebracht. Um drei Uhr morgens konnten wir schlafen gehen, aber um vier mussten wir schon wieder raus. Ohne etwas zu essen wurden wir stundenlang gedrillt, sie zogen uns durch den Schlamm, traten uns, zogen uns die Kleider aus und spritzten uns mit Wasser ab. Viele wurden bewusstlos. So wurden wir in der Armee willkommen geheißen.
Wir wurden zu einer Finca gebracht, auf der wir unsere Vorgesetzten kennen lernten. Die schrien immerzu: „Ihr feigen Hühner! Indios! Guerilleros!“ Um drei Uhr morgens fing der Tag mit Strafen an. Da gab es das „gepresste Teufelchen“, wo man sich mit den Ellbogen und den Zehenspitzen über dem Boden halten musste, stundenlang. Oder „das Münzen sammeln“: Da musste man sich selbst am Ohr ziehen und so lange um die eigene Achse drehen, bis man sich übergeben musste. Aber wir hatten ja nichts gegessen, so dass wir nur Schleim spucken konnten. Den mussten wir dann wieder runter schlucken.
Wir haben Foltertechniken gelernt: Mit einem Stock und einem Seil mussten wir den Leuten die Gurgel zudrehen. Da konnten sie dann selbst entscheiden, ob sie weiterleben wollten. Das haben wir gemacht, um Informationen von ihnen zu bekommen.
Die meisten Kameraden waren auf dem Land aufgewachsen, Jungen aus den Mayagemeinden. Während der Trainingswochen haben sie sich völlig verändert. Uns wurde gesagt: „Wenn deine Mutter Guerillera ist, dann musst du sie töten.“ Die Gruppenleiter hatten die Aufgabe, aus uns aggressive Soldaten zu machen. Wir mussten ständig kämpfen, gegeneinander boxen. Wer nicht mitmachen wollte, wurde erschossen. Unser Slogan war: „Befehle werden nicht diskutiert, sondern ausgeführt.“ Unsere Meinung galt nichts. Einige versuchten zu desertieren. Einmal hat ein Kamerad gesagt, er müsste auf die Toilette, aber er kam nicht zurück. Wir wurden alle bestraft, weil wir ihn nicht gefunden haben.
Das Training dauerte drei Monate. Das reichte aus, um uns völlig zu verändern. Wir waren jetzt aggressive Kämpfer. Ich wurde dann mit einigen anderen in den Ort Mazatenango versetzt. Dort sollten wir fünf Tage lang durch die Wälder ziehen und nach dem Feind Ausschau halten. Aber daraus wurden drei Monate. Damals erlebte ich meine ersten Auseinandersetzungen, bei denen Menschen erschossen wurden.
Wir haben ständig Informanten gesucht. Einmal kam ein Mann auf uns zu. Er war etwa vierzig Jahre alt und fragte freundlich, wie viele wir wären. Nur deshalb wurde er zu unserem Anführer gebracht. Der hat angeordnet, ihn zu foltern. Sie haben ihm die Fingernägel ausgerissen und ihn kopfüber in eine Tonne gesteckt. Er hat nicht lange ausgehalten. Um Mitternacht war er tot, nur weil er gefragt hat, wie viele wir sind.
Wir haben auch viele Hütten durchsucht. Einmal kamen wir in ein Dorf, in dem wir nach ein paar Männern suchten. Wir fanden einen älteren Mann. Er trug die traditionelle Mayatracht dieses Gebiets. Er hatte sich unter einem Bett versteckt. Wir wollten ihn ins Lager bringen. Er hatte die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden. Aber der Kamerad, der auf ihn aufpassen sollte, war ein böser Mann. Ich lief neben den beiden und habe genau gesehen, dass er den Gefangenen einen Abhang herunter geschubst hat. Der Mann fiel hin und der Soldat hat auf ihn geschossen, hat ihn aber nicht getroffen. Der Mann lief weg, aber wir konnten ihn einholen. Unser Anführer befahl: „Schneidet ihm den Kopf ab!“ Das haben die anderen dann auch gemacht. Dann hat er mich gerufen und mir gesagt: „Ich brauche das Herz.“ Ich habe es also rausgeschnitten. Es hat noch gepocht. Er schrie mich an: „Zitterst Du etwa?“ Ich antwortete: „Nein, aber das Herz bewegt sich noch.“ Ich wusste, dass der Mann nicht flüchten wollte. Der Soldat hatte ihn geschubst, weil er Blut sehen wollte.
Einmal waren wir in einer kleinen Gemeinde, da kam eine Frau zu uns, um sich über ihren Mann zu beschweren, der sie geschlagen hatte. Der Soldat, der gerade Wache hielt, sagte zu ihr: „Na gut, ich rede mal mit ihm.“ Aber dann hat er sie ins Gebüsch gezogen und die anderen gerufen. Es waren 24 Soldaten, sie alle haben die Frau vergewaltigt. Dann durfte sie nach Hause gehen. Am nächsten Tag hat unserer Anführer davon erfahren und den Soldat zu sich beordert. „Du hast das gemacht? Was für ein Kerl. Jetzt zieh deine Hose runter.“ Er hat ihm eine Zigarette zwischen die Beide gedrückt. Der Soldat ist rumgesprungen, aber eine weitere Strafe bekam er nicht.
Wir waren lange im Wald, immer schmutzig, krank, die Haut voller Pilze. Die Stiefel haben wir nie ausgezogen. Wir haben darin geschlafen. Manchmal haben sie uns bezahlt, 50 Quetzales (etwa fünf Euro). Aber damit konnten wir nichts anfangen. Manchmal ist der Geldschein in meiner Hosentasche vergammelt. Nach sieben Monaten durften wir mal für fünf Tage nach Hause. Ich schämte mich so, weil ich schmutzig war und kein Geld hatte. Meine Mutter musste sich Geld leihen, um meine Rückfahrt zu bezahlen.
Dann ist mein Vater gestorben. Ich war nicht da. Ich bekam ein Telegramm, in dem stand, dass mein Vater im Sterben liegt. Danach bin ich zu einem Kommandanten gegangen und habe gesagt: „Mein Vater ist tot. Meine Mutter ist allein zurückgeblieben. Meine Brüder sind weg. Ich bin der einzige. Sie müssen mich gehen lassen.“ Seine Antwort war: „In Ordnung. Aber nicht jetzt gleich.“ Ich musste dann noch acht Monate lang warten. Am 31. Juli 1983 kam ich raus, ohne Geld, ohne nichts.
Ich konnte lange Zeit über nicht schlafen, nicht arbeiten. Ich hatte kein Geld, schon gar nicht, um zur Schule zu gehen. So verging ein Jahr. Ich habe mich auf die Straße gesetzt und wenn ich konnte, habe ich mich betrunken, um alles zu vergessen. Dann hat mir mein kleiner Bruder geholfen. Er gab mir Geld für die Schule. So habe ich es nach und nach geschafft, meine Erinnerungen zu überwinden. Ich hatte nie die Möglichkeit, mit einem Psychologen zu sprechen.
Die anderen Jungen aus meiner Gruppe haben ihre Zeit zu Ende gemacht. Viele haben dasselbe erlebt wie ich. Heute behandeln sie ihre Söhne genauso, wie sie uns damals behandelt haben. Sie leiden noch immer. Sie lassen sich von ihrem Überlebensinstinkt leiten, nicht von moralischen Werten. Sie wissen, dass alles von einem auf den nächsten Moment zu Ende sein kann. Deshalb denken sie nur an das Jetzt, nicht an das Morgen.
Die Gewalt von heute hat ihren Ursprung in der Zeit des Bürgerkriegs. Die Leute sind voller Hass, die Kinder des Kriegs, die vergewaltigten Frauen, alle, die das erlebt haben. Damals wurde die Saat gesät, aus der noch mehr Gewalt hervorgegangen ist.
Ich habe überlebt, weil ich ein Ziel hatte. Ich wollte Lehrer werden. Früher ist hier im Dorf niemand länger zur Schule gegangen. Das war das Privileg von einigen wenigen. Mir hat die Schule geholfen, aber die Erinnerungen belasten noch immer mein Gewissen. Deshalb habe ich angefangen, über das zu schreiben, was ich erlebt habe.

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