«

»

Artikel drucken

Es geht auch ohne Chef

In dem kürzlich auf Deutsch erschienenen Sammelband Sin patrón. Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs erzählen die Protagonist*innen Geschichten erfolgreicher Fabrikbesetzungen. Es wird darin vor allem die Anfangszeit dieser Bewegung porträtiert. Eindrücklich schildern die Besetzer*innen ihre Beweggründe – in erster Linie der Erhalt des Arbeitsplatzes in einem von wirtschaftlicher und politischer Krise gebeutelten Land. Ihre Verzweiflung, ihre Zweifel, und ihre Angst vor Gewalt – sowohl durch die Polizei als auch teilweise durch Eigentümer*innen – werden somit begreiflich, wie auch die internen Spannungen und Meinungsverschiedenheiten.
Trotz allem entschließen sie sich, mehr oder weniger bewusst, Arbeitslosigkeit, Machtlosigkeit und Angst als Kollektiv, und mit solidarischer Unterstützung von Familien und Nachbar*innen, entgegenzutreten. Und waren damit in den meisten Fällen erfolgreich: Firmen verschiedenster Sektoren, wie die Keramikfabrik FaSinPat (ehemals „Zanón“), der Textilbetrieb Brukman oder der metallverarbeitende Betrieb Crometal produzieren heute unter Kontrolle der Arbeiter*innen. Sie haben sich soweit wie möglich wieder in den Markt integriert, Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen – auch wenn die Bedingungen teils prekär und die Zukunft unsicher sind. Wer eine Grundsatzdebatte über die Bedeutung der Abhängigkeit der Genossenschaften von der marktwirtschaftlichen Logik und von staatlichen Subventionen erwartet, wird nicht direkt fündig.
Und doch vermittelt das Buch etwas über den emanzipatorischen Charakter dieser Praxis. Denn ein Aspekt, der beim Lesen dieser Geschichten deutlich wird, ist die Politisierung der Arbeiter*innen während der Besetzungen, des Widerstands und der Wiederaufnahme der Produktion unter ihrer Kontrolle. Diese Praxis ist nicht nur deshalb bedeutend, weil sie ökonomische Integration durch Selbstermächtigung schafft. Sie konstruiert auch „Versuchslabore“ für neue Identitäten, Werte und soziale Beziehungen.
Die Einleitung des Medienkollektivs macht die Vorgeschichte verständlich und begründet damit in gewisser Weise auch die Betriebsübernahmen als moralisch richtiges Handeln.
Der Übersetzer Daniel Kulla gibt in seinem Vorwort eine hilfreiche, wenn auch teils etwas undifferenzierte Einführung, in den aktuellen politischen Kontext und die Spannungsfelder in Zusammenhang mit den selbstverwalteten Betrieben und der Regierungspolitik. Auch weist er auf die „Übertragungsmöglichkeiten“ dieser Praxis hin. Aus den Geschichten wird deutlich, dass es grundlegend ist, eine Öffentlichkeit für diese erfolgreiche Strategie herzustellen und Erfahrungen größeren Kreisen zugänglich zu machen. Denn in vielen Fällen kam eine Besetzung anfangs für niemanden ernsthaft in Frage. Sei es aus fehlender Kenntnis oder fehlendem Optimismus.
In diesem Sinne kann diese Übersetzung auch eine Bereicherung für die Praxis der Betriebsübernahme durch die Belegschaft in Europa sein – gerade im Kontext der ­aktuellen Krise.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/es-geht-auch-ohne-chef/