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Es wird erinnert – aber nicht von der Regierung

Momentan erregen Prozesse gegen ehemalige Militärangehörige in Argentinien weltweites Aufsehen. Glauben Sie, dass so etwas auch in Chile passieren könnte?

Es ist nicht so, dass es in der chilenischen Justiz in den letzten zehn Jahren keine Fortschritte gegeben hätte. Es wurden mehr als 500 Prozesse durchgeführt und mehr als 200 Agenten der Geheimdienste verurteilt, von denen heute 64 im Gefängnis sitzen. Das ist zwar nicht so aufsehenerregend wie in Argentinien, wo Militärangehörige wegen Verletzungen der Menschenrechte und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden. In Chile hingegen wurde bisher kein einziger Militärangehöriger verurteilt. Auch Pinochet starb ja, bevor es dazu kommen konnte.

Wie kann das sein?

In Chile ist immer noch ein Amnestiegesetz in Kraft. Das bedeutet, dass jemandem, der während der Diktatur an der Hinrichtung eines Menschen beteiligt war, keine lebenslängliche Strafe droht, sondern eine Strafe von drei bis fünf Jahren. Die Verurteilten kommen also sehr schnell wieder aus dem Gefängnis oder müssen ihre Strafe nicht einmal antreten, da die Prozesse mitunter so lange dauern. Die größten Verbrecher der DINA (Geheimdienst unter Pinochet; Anm. d. Red.) haben akkumulierte Strafen von über 100 Jahren, aber niemand wurde bisher zu lebenslänglich verurteilt. Zum Beispiel Krassnoff Marchenko, einer der Offiziere, der an einer Vielzahl von Hinrichtungen beteiligt war und auch in der Villa Grimaldi gearbeitet hat. Er wurde in 23 Fällen von Menschenrechtsverletzungen zu 144 Jahren Gefängnis verurteilt. Aber keines der Urteile in Chile lautete lebenslänglich. Nur in Frankreich wurde eine lebenslängliche Haftstrafe verhängt.

Was muss ihrer Meinung nach also noch in Bezug auf Vergangenheitsbewältigung in Chile getan werden?

Im Bereich der Justiz muss noch viel getan werden. Von den 1.196 Verschwundenen wurden beispielsweise bis heute nur zehn Prozent identifiziert. Und die Prozesse gegen die Verantwortlichen müssen weitergeführt werden, damit die Schuldigen verurteilt werden.

Und auf politischer Ebene?

Es gibt in Chile immer noch keine staatliche Politik in Bezug auf Orte der Erinnerung. Doch der Staat muss die Erschließung der Orte, an denen Menschenrechtsverletzungen begangen wurden, fördern und dafür sorgen, dass der Bevölkerung diese als Orte der Erinnerung zugänglich gemacht werden.
Auch im Bereich der Bildung muss mehr getan werden, um den jungen Leuten die traumatische Vergangenheit des Landes nahezubringen. Die neuen Generationen müssen lernen, dass viele Probleme der Gegenwart, wie Diskriminierung, Kriminalität und Ungleichheit, auf die Vergangenheit zurückzuführen sind. Aber es wird nicht darüber gesprochen, dass das Land während der Militärdiktatur absolut isoliert war und es praktisch kein kulturelles Leben gab. Oder dass die Bildung privatisiert wurde, die Mittelschicht während der Diktatur verschwand und die Gesundheitsversorgung sich verschlechterte, so dass es heute sehr schwierig ist, das Niveau wieder zu heben. All das sind Folgen einer Diktatur, die die jungen Leute nicht kennen. Erst jetzt gibt es wieder eine große Jugendbewegung, die sich dafür einsetzt, die Lebensbedingungen zu verbessern.

In der Gedenkstätte Villa Grimaldi wird versucht, diese jüngere Geschichte des Landes und die Verbrechen der Diktatur zu vermitteln. Wie und von wem wird das Angebot des Parks denn genutzt?

In den ersten Jahren nach der Eröffnung waren die Besucher vor allem Personen, die Menschenrechtsarbeit gemacht haben. Daneben kamen auch die Opfer der Diktatur, die ehemaligen Häftlinge oder die Angehörigen der Menschen, die hier inhaftiert waren und verschwunden sind. Sie nutzten den Park vor allem als Gedenkstätte. Am Anfang kamen auch viele ausländische Besucher und Forscher. Durch die Entwicklung von Führungen durch den Park, die von ehemaligen Häftlingen durchgeführt werden, und die Arbeit mit Schulen, hat sich unser Publikum allmählich verändert. Die Hälfte der Besucher heutzutage sind Jugendliche unter 25 Jahren. 85 Prozent aller Besucher kamen zum ersten Mal im Jahr 2010.

Und welches Vorwissen bringen die Schüler_innen heute mit, die den Park besuchen?

Sie sind sehr schlecht informiert. Wie gesagt gibt es keine staatliche Politik, die die Vermittlung der neueren Geschichte des Landes anregen würde. Bis vor einigen Jahren galt: Im Unterricht über die Menschenrechtsverletzungen zu sprechen heißt, über Politik zu sprechen. Das führte dazu, dass viele Lehrer solche schwierigen Themen lieber umgingen. Das hat sich zwar mit einer neuen Generation Lehrer in den letzten Jahren geändert, diese ist besser ausgebildet, interessiert sich für die jüngste Geschichte Chiles und möchte dieses Interesse auch an ihre Schüler weitergeben. Dass heute mehr Jugendliche als früher zu Orten der Erinnerung kommen, hat auch damit zu tun, dass die Lehrer engagierter sind und weniger Angst haben als früher.

Aber das Thema Diktatur steht weiterhin nicht in den Lehrplänen?

Nein. Das Thema wird dort eher am Rand behandelt. Nirgendwo steht, dass man im Unterricht über Menschenrechtsverletzungen in Chile zwischen 1973 und 1990 reden soll.

Wenn der Staat seine Verantwortung so vernachlässigt, wie wird ein Ort der Erinnerung wie der Park Villa Grimaldi denn dann überhaupt finanziert?

Es ist ein ständiger Kampf staatliche Unterstützung zu bekommen. Die staatlichen Institutionen, die sich für den Bau des Parks eingesetzt hatten, fühlten sich nach der Fertigstellung nicht mehr zuständig, so dass er an eine andere Institution übergeben wurde, die für die Parks der Stadt zuständig ist. Doch diese nahm ihre Aufgabe nicht ernst und wurde abgelöst von der Gemeinde Peñalolén, in der sich der Park befindet. Der damalige Bürgermeister der Gemeinde war schon während der Diktatur im Amt und interessierte sich somit auch nicht für den Erhalt des Erinnerungsorts. Es war schließlich die Corporación Parque por la Paz, die sich vor allem mithilfe freiwilliger Helfer um ihn kümmerte. In den Jahren 2003 und 2004 gelang es uns, Mittel zu beantragen und so eine größere Professionalisierung zu erreichen. Erst 2005 erhielten wir wieder staatliche Subventionen, was aber auch eine komplette Abhängigkeit vom Staat bedeutete. 2010 wurden wir schließlich vom Finanzministerium berücksichtigt und in den nationalen Haushalt aufgenommen. Doch wir mussten jedes Jahr darauf hoffen, im folgenden wieder berücksichtigt zu werden. So konnten wir nie Pläne auf lange Sicht machen. Und mit der neuen Regierung von Präsident Piñera wurden uns die staatlichen Mittel 2010 wieder komplett gestrichen. Nachdem wir lautstark dagegen protestiert hatten und dank der Unterstützung durch mehrere Parlamentarier wurden wir schließlich zwar wieder aufgenommen. Wir waren jedoch nicht die einzigen: auch anderen Orten der Erinnerung wurde von Piñera das Budget gestrichen. Dieser hat kein Interesse, Institutionen zu fördern, die zu Erinnerung arbeiten.

Sie sind auch Mitglied des Aufsichtsrats des Museums der Erinnerung und Menschenrechte in Santiago de Chile, das 2010 von der damaligen Präsidentin Bachelet eröffnet wurde. Warum war dieses Museum nötig?

Der Park Villa Grimaldi ist ja kein Museum, es ist ein Ort, an dem Menschenrechtsverletzungen verübt wurden und an dem an die Opfer gedacht werden kann. Orte der Erinnerung gibt es in Chile viele, die Kommission über politische Haft und Folter hat 1.156 Orte entdeckt, an denen politische Häftlinge festgehalten und gefoltert wurden. Aber bis heute sind nur sehr wenige dieser Orte zurückgewonnen worden. Ich denke, dass es daher notwendig war, ein Museum der Erinnerung und Menschenrechte zu errichten. Der chilenische Staat musste dort zeigen, was in den Jahren von 1973 bis 1990 während der Militärdiktatur passiert ist, was die Repression bedeutet hat. Das wurde durch den Bau des Museums der Erinnerung gewährleistet. Der Zweck, den das Museum der Erinnerung erfüllt, ist der, wichtige Information über die Repression in ganz Chile zu vermitteln.

Welchen Einfluss haben der Park und das Museum auf die chilenische Politik und Gesellschaft?

Das Museum der Erinnerung hat heute mehr als 2.000 Besucher pro Monat, Tendenz steigend. Täglich besuchen zwei bis drei Schulklassen das Museum. Das ist ein sehr wichtiger Prozess für die chilenische Gesellschaft. Das Museum hat eine informative Funktion in Bezug auf Repression und Staatsterrorismus, eine erzieherische Funktion in Bezug auf Menschenrechte und eine wiedergutmachende Funktion, die auch wichtig ist für die chilenische Gesellschaft: die offizielle Anerkennung, dass die Gesellschaft 17 Jahre lang unterdrückt wurde.

Sehen Sie Parallelen in der Art, wie in Deutschland und in Chile mit der gewalttätigen Vergangenheit umgegangen wird?

Repression und Menschenrechtsverletzungen in Europa während des Zweiten Weltkriegs nehmen wir in Chile als eine Erfahrung auf, die uns selbst zum Nachdenken veranlasst, wieso sich solch Taten wiederholen. Das hat mit der Vermittlung der Kultur der Menschenrechte sowie mit Erziehung und Bildung zu tun. Wir können nicht aufhören, uns mit anderen Orten der Welt zu vernetzen, an denen Menschenrechtsverletzungen verübt wurden. Was uns heute verbinden könnte, ist die gemeinsame Arbeit aller Länder, die solche Gewalterfahrungen gemacht haben, eine Arbeit des Austauschs. Alles, was wir uns mitteilen können über unsere Erfahrungen, trägt dazu bei, dass die Bürger darüber nachdenken und diese sich nicht wiederholen.

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Margarita Romero Méndez studierte Medizin an der Universidad de Concepción in Chile und an der Freien Universität von Brüssel in Belgien. Während der Militärdiktatur in Chile war sie politische Gefangene im Militärstützpunkt Talcahuano. Zwischen 1975 und 1988 lebte sie im politischen Exil in Belgien. Zurück in Chile trat sie der chilenischen Ärztekammer bei und wurde Mitglied der Kommission zur Solidarität für Ärzt_innen, die Opfer politischer Unterdrückung geworden waren. Sie ist Co-Autorin der Bücher Porque fuimos médicos del pueblo (1993) und Ellos se quedaron con nosotros (1999). Seit 2004 ist sie Aufsichtsratsmitglied der Corporación Parque por la Paz Villa Grimaldi, zurzeit ist sie auch deren Präsidentin. Außerdem ist sie Aufsichtsratsmitglied des Erinnerungsmuseums Museo de la Memoria y de los Derechos Humanos in Santiago und der Women’s Institute Foundation.

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Erinnerungsort Villa Grimaldi

Die Villa Grimaldi war seit Mitte des 20. Jahrhunderts Treffpunkt von Intellektuellen und Künstler_innen in Santiago de Chile. Ab 1974 wurde es von Pinochets Geheimdienst DINA als Kaserne benutzt. Später arbeitete dort der Geheimdienst CNI, vermutlich bis zum Jahr 1978, und nutze es als eines der berüchtigsten politischen Gefängnisse des Landes. Im Jahr 1984 wurde es dann an ein Bauunternehmen verkauft, das dort Wohnhäuser errichten wollte. Doch Nachbar_innen der Stadtviertel Peñalolén und La Reina wollten dies verhindern und konnten den Ort schließlich für die Nutzung durch die Gesellschaft zurückgewinnen. Aus ihrem Einsatz ging dann schließlich die Vereinigung Corporación Parque por la Paz Villa Grimaldi hervor, die entschied, an diesem Ort einen Park anzulegen, um an die Opfer und Verbrechen der Pinochet-Diktatur zu erinnern. Der Park hat eine symbolische Architektur, die den Weg der Häftlinge nachzeichnet. Führungen ehemaliger Häftlinge und Bildungsangebote sollen die gewaltsame Vergangenheit des Landes und Respekt für die Menschenrechte vermitteln.

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