EU-Mercosur-Abkommen
Eine Analyse der aktuellen Entwicklungen und der internationalen Opposition

Am 17. Januar 2026 wurde das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Merco-sur in der paraguayischen Hauptstadt unterzeichnet – ein weiterer Schritt in Richtung der Verabschiedung des Abkommens. Die Nachricht über diesen Fortschritt war abzusehen, insbesondere nach den Treffen zwischen dem brasilianischen Präsidenten Luís Inácio Lula da Silva und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Von der Leyen, Ende 2025. Bei dem Treffen bekundete die brasilianische Regierung ihre Ambitionen, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Blöcken voranzutreiben.
Bereits seit Beginn der 2000er Jahre bemüht sich die Europäische Union um eine wirtschaftliche Annäherung an die südamerikanische Wirtschaftsorganisation (siehe LN 301/302). Das Mercosur-EU-Abkommen umfasst dabei eine Fülle von Themen: Urheberrechte, die Textil- und Chemieindustrie sowie natürlich die Landwirtschaft. Der Wunsch Europas, sich politisch dem Mercosur anzunähern, reichte jedoch nicht aus, um einen wirtschaftlichen Konsens mit den Mercosur-Staaten zu erzielen, insbesondere hinsichtlich des Umfangs und Tempos des Abbauseuropäischer Einfuhrzölle auf Agrarprodukte. Diese Differenzen setzten sich in den folgenden Jahren fort, bis das Abkommen 2019, noch während der Regierung Jair Bolsonaros von der Liberalen Partei (Partido Liberal, PL), wieder auf die Tagesordnung kam. Die erzielte Einigung fand jedoch innerhalb der EU nicht genügend politischen Rückhalt, vor allem aufgrund der Nachlässigkeit der Regierung in Bezug auf die Brände im Pantanal (Binnenfeuchtgebiet in Brasilien, Anm. d. Red.) und im Amazonasgebiet.
Unter der aktuellen Regierung Lulas von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) wandelte sich die politische Ausgangslage erneut. Sowohl die progressivere Agenda als auch das Bestreben der PT, sich politisch und wirtschaftlich der Europäischen Union anzunähern, führten dazu, ein politisches Zeitfenster für ein Abkommen zwischen beiden Blöcken zu öffnen. Die aktuelle Resolution umfasst im Wesentlichen die schrittweise Abschaffung der Zölle auf Fleisch, Reis, Honig und andere Produkte sowie die sofortige Abschaffung der Zölle auf Produkte wie Zucker, Ethanol und verschiedene Steuerermäßigungen für Milchprodukte. Obwohl der Schwerpunkt des Abkommens auf der Agrarindustrie liegt, behauptet die brasilianische Regierung, dass es für Brasilien ein grundlegender Schritt weg von einem reinen Rohstoffexportland und eine Chance hin zur Positionierung im Technologie-Exportland darstellen könne.
Brasilien als Farm der Welt
Das EU-Mercosur-Abkommen betrifft zwei zentrale und politisch sensible Fragen: Einerseits Brasiliens Rückkehr zu einer multilateralen Außen- und Handelspolitik, andererseits die wirtschaftliche Struktur des Abkommens, die weiterhin stark vom Agrarexport geprägt ist. Dies führt zu einer polarisierten Debatte in Brasilien Während Befürworterinnen das Abkommen als Chance zur stärkeren Integration in die Weltwirtschaft sehen, weisen Kritikerinnen auf die historischen und kolonialen Parallelen hin, welche Brasilien erneut zur Farm der Welt machen.
Die Auseinandersetzung mit dem EU-Mercosur-Abkommen zeigt, dass über wirtschaftliche Kompromisse hinausgedacht werden muss. Denn die Wirtschaftspolitik hat Auswirkungen auf Lebensrealitäten. Sie zeigt auch, wie wichtig die Beteiligung der Bevölkerung an der Ausarbeitung von Abkommen ist, die regionale Marktlogiken verändern. Denn das Abkommen hat eine menschliche und greifbare Bedeutung für das Leben der Indigenen Gemeinschaften Südamerikas, die seit Jahren für Änderungen des Abkommens kämpfen. Die Gegnerinnen des Abkommens brachten sowohl legitime Argumente für eine Umstrukturierung als auch für alternative Bedingungen vor und erreichten eine zeitweise Aussetzung sowie Änderungen seiner Bestimmungen. Die Opposition ist deutlich und kommt aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Währenddessen protestieren europäische Landwirtinnen weiterhin in Brüssel. Seit Dezember 2025 protestieren sie in der belgischen Hauptstadt und an ener Großdemonstration gegen das Abkommen am 18. Dezember nahmen mehr als 7.000 Menschen teil, wobei es zu starker Polizeirepression kam. In einem weiteren Protest gegen das Abkommen wurden im Januar Kartoffeln von Traktoren auf Straßen abgeladen. Der Hauptgrund für die Proteste sind die Wettbewerbsnachteile, die eine Verbilligung südamerikanischer Agrarprodukte in Europa für den europäischen Agrarsektor mit sich bringen würde. Zum anderen richten sie sich gegen die strengen Umwelt- und Produktionsauflagen des EU-Green-Deals und der Gemeinsamen Agrarpolitik, denen europäische Landwirte bei der Erzeugung und Vermarktung ihrer Produkte unterliegen.
Das Europäische Parlament – unter Federführung von Parteien wie den Europäischen Grünen und der Europäischen Linken – hat eine entschiedene Haltung gegen das Abkommen eingenommen und die wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche angeprangert, die die derzeitigen Bedingungen sowohl in Europa als auch in Südamerika verursachen würden. Diese Parteien führten auch die Bildung einer Mehrheit im Parlament an, die am 21. Januar ihre Zustimmung zum Abkommen verweigerte. Sie argumentierten, dass eine Umsetzung ohne parlamentarische Zustimmung undemokratisch sei. Angesichts dessen beschloss das Parlament, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Bis zu einer Neubewertung wird es nicht in Kraft treten.
Auch andere Bereiche der Zivilgesellschaft organisieren sich in Bewegungen, um das Abkommen zu verhindern. Beispielsweise die Initiative „Stop EU-Mercosur“, die durch das Sammeln von Unterschriften in Europa und Südamerika für eine Petition gegen das Abkommen, öffentliche Aktionen und Proteste ihren Widerstand zeigt. In Brasilien organisiert und engagiert sich die Koalition der Indigenen Völker Brasiliens (Articulações dos Povos Indígenas do Brasil, APIB) für dieses Thema, seitdem 2019 das Abkommen ebenfalls kurz vor dem Abschluss stand.
Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte auf dem Spiel
Im Jahr 2019 bekräftigte Wirtschaftsminister Paulo Guedes unter der Bolsonaro-Regierung das Interesse Brasiliens, das EU-Mercosur-Abkommen voranzutreiben und noch im gleichen Jahr abzuschließen. Insbesondere in dieser Zeit litten Indigene Gemeinschaften jedoch unter zunehmender staatlicher Vernachlässigung, während sich die Brände im Cerrado, im Pantanal und im Amazonasgebiet erheblich verstärkten und Indigene Gebiete erreichten. Dieser Kontext veranlasste die APIB, sich in Europa für eine Änderung des Abkommens einzusetzen.
Eine der Forderungen der Organisation war, dass das Abkommen nur dann akzeptabel sei, wenn die EU garantiere, dass die exportierten Produkte Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte respektieren. Zudem dürften die Produkte weder aus Konfliktzonen oder abgeholzten Gebieten noch aus Indigenen Territorien stammen und nicht unter Sklavenarbeit produziert worden sein. Um diese Bedingungen sicherzustellen, reiste die APIB 2019 nach Europa und betrieb politische Lobbyarbeit bei Mitgliedern des Europäischen Parlaments, um mögliche Maßnahmen zu diskutieren. In der Folge forderte die Indigene Bewegung eine Gesetzgebung, die den Import solcher Produkte verbietet oder sanktioniert und zugleich deren Rückverfolgbarkeit gewährleistet, damit sie nicht aus illegal abgeholzten Gebieten stammen. Zusätzlich zu verbindlichen EU-Vorgaben müssten auch Unternehmen klimapolitische Verantwortung übernehmen und sicherstellen, dass sie weder Produkte aus Konfliktgebieten noch aus illegaler Arbeit kaufen oder verkaufen.
So entstand 2021 die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) – vorangetrieben durch den Druck Indigener Bewegungen wie der APIB sowie von NGOs, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Mitgliedstaaten, Umweltzertifizierungsstellen und sogar Teilen der Industrie. Das Gesetz verbietet den Import von Produkten in die EU, die aus illegal abgeholzten Flächen oder aus Landnutzungen stammen, die gegen geltendes Recht verstoßen. Trotz des offensichtlichen Sieges bleibt die Freude gedämpft, da das Gesetz die Walddefinition der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) übernimmt, was den vollständigen Schutz der brasilianischen Ökosysteme einschränkt. Die APIB kämpft daher seit 2022 dafür, dass die EUDR alle brasilianischen Ökosysteme abdeckt, insbesondere den Cerrado – das von der Landwirtschaftsexpansion in Brasilien am stärksten betroffene Ökosystem.
Die EUDR und der Streit um ein EU-Mercosur-Abkommen, das Indigene Völker und Arbeitnehmer*innen in den Mitgliedsländern nicht benachteiligt, sind Ausdruck einer zentralen Forderung breiter sozialer Schichten sowohl in Europa als auch in Südamerika. Die Unterstützung der direkt betroffenen Gemeinschaften zeigt, dass die Mobilisierung der Bevölkerung in der Lage ist, Kursänderungen herbeizuführen und politische Agenden neu auszurichten. Dieser gesellschaftliche Druck ist mehr als nur ein Hindernis, er verdeutlicht vielmehr, dass es möglich ist, aus konkreten Forderungen Lösungen zu entwickeln, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen. Abstrakte und polarisierte Debatten über Integrationsmodelle – etwa über die Rolle Brasiliens und der Region in der Weltwirtschaft – lenken von den konkreten materiellen Bedingungen des Abkommens ab und erschweren die Entwicklung politisch tragfähiger und sozial gerechter Lösungen.

