«

»

Artikel drucken

Exil diesseits und jenseits des Atlantiks

Bruchstücke fremder, eigener und auch angeeigneter Identitäten, Exilerfahrungen zwischen Odessa, Wien, Buenos Aires, Paris und New York, versucht Cozarinksy in dieser Erzählsammlung aneinander zu reihen. Immer ist der Blick zurück gerichtet. Briefe aus der Vergangenheit oder Kinoprogramme aus dem Lissabon der 40er Jahre lassen die Figuren ihre Geschichte neu erleben. Einige kehren geläutert zu ihrem Ursprung zurück, andere ziehen kurz entschlossen einen Schlussstrich.
Cozarinsky, Sohn russischer Emigranten, wurde 1939 in Buenos Aires geboren. Der Mitte der 70er Jahre nach Paris emigrierte Künstler beschäftigt sich in seiner Prosa und seinen filmischen Essays überwiegend mit Themen des Exils und der Vergangenheit.
Die titelgebende Geschichte des Buches, Die Braut aus Odessa, handelt von einem Visum, das von der „falschen“ Frau genutzt wurde. Das Familiengeheimnis, das 1890 in Odessa begann und über 110 Jahre in Argentinien gehütet wurde, erreicht schließlich den letzten Nachfahren in einem Pariser Krankenhaus. In Emigrantenhotel stellt sich der Enkel die Frage, wer sich eigentlich hinter dem Namen seines Großvaters verbirgt, der in Lissabon Unterschlupf vor dem faschistischen Regime gefunden hatte. Ebenso zerrissen zwischen den Kontinenten und Zeiten scheinen „die Russin“ aus Literatur und der Pianist aus Tage des Jahres 1937.
Das Adjektiv aus dem Titel der Erzählung Obskure Lieben trifft ziemlich genau den Eindruck des Lesers, der sich leicht in den Fragmenten jener halb dokumentarisch belegten, halb erfundenen Lebensgeschichten diesseits und jenseits des Atlantiks verliert. Auch wenn der spröde Stil den Zugang zum Erzählten nicht unbedingt erleichtert, so ist der Versuch, in Die Braut aus Odessa über 200 Jahre Exilgeschichte zu umreißen, bewundernswert.

Edgardo Cozarinsky: Die Braut aus Odessa. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Wagenbach Verlag, Berlin 2005, 160 Seiten, 17,50 Euro, ISBN: 3-8031-31979

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/exil-diesseits-und-jenseits-des-atlantiks/