«

»

Artikel drucken

Exil, Gewalt und Einsamkeit

In dreizehn Kurzgeschichten erzählt Roberto Bolaño aus dem Leben der unterschiedlichsten Charaktere: von Fotografen, Zahnärzten, Profifußballspielern oder auch von Prostituierten. El Ojo Silva handelt beispielsweise von dem Fotografen Mauricio Silva und dessen bewegter Lebensgeschichte. Zunächst muss er aufgrund des Militärputsches in Chile ins Exil gehen. Nach kurzem Aufenthalt in Argentinien landet er in Mexiko, um einige Jahre später nach Europa überzusiedeln. Während einer Reise nach Indien, wo er für eine Reportage in einem Rotlichtviertel fotografieren soll, lernt er Jungen kennen, die für religiöse Zeremonien kastriert werden sollen. Silva gelingt es mit zwei von ihnen zu fliehen und fortan wie eine Mutter für sie zu sorgen.
In Gómez Palacio verschlägt es den Protagonisten und Ich-Erzähler in die gleichnamige Stadt der nordmexikanischen Provinz und somit in die Peripherie. Eigentlich wollte er dort gar nicht hin, da er sich jedoch in einer schwierigen Lebensphase befindet, akzeptiert er das Angebot dort eine Literaturwerkstatt zu leiten. Die Wüste, die diese abgeschiedene Stadt umgibt, versinnbildlicht die Situation des Protagonisten: öde, karg und hoffnungslos. Eines Nachts zeigt ihm die Direktorin des Kunstmuseums, für das er arbeitet, die grünen Lichter der Wüste, welche ihm wie ein Wunder vorkommen und letztendlich seine Rettung bedeuten.
Auch B, Protagonist der Kurzgeschichte Tage des Jahres 1978, lebt im Exil, einsam und unter prekären finanziellen Bedingungen. Nach einigen Jahren Aufenthalt in Mexiko lässt er sich letztendlich in Spanien nieder. In Barcelona lernt er viele ebenfalls im Exil lebende Chilen*innen kennen, unter ihnen auch U. Eindrucksvoll wird dessen Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, sodass die Leser*innen einen Eindruck davon bekommen, was es bedeutet unfreiwillig in einem fremden Land zu leben.
Viele Figuren Bolaños lassen Parallelen zu dessen eigener Biographie erkennen: geboren in den 1950er Jahren in Chile, verbrachte er seine Jugend mit seiner Familie in Mexiko. Als junger Mann kehrte er dann noch einmal nach Chile zurück, just als sich dort der Militärputsch unter General Pinochet ereignete. Ende der 1970er siedelte er schließlich nach Spanien über, wo ihm Jahre später der literarische Durchbruch gelang und wo er bis zu seinem frühen Tod im Jahre 2003 lebte.
Dieses Leben prägte sicherlich auch Bolaños Literatur. Die meisten Figuren in Mörderische Huren haben ebenfalls die Erfahrung des Exils gemacht und Gewalt am eigenen Körper erlebt. Sie sind immer einsame, manchmal auch verrückte Charaktere, die in der Peripherie leben, sei es sozial oder geographisch. Gerade für sie interessiert sich Bolaño, ergreift Partei für sie und stellt sie trotz ihrer Macken meist sympathisch dar oder zumindest so, dass man als Leser*in eine gewisse Empathie empfinden kann. Dies bedeutet aber nicht, dass der Autor sich nicht auch über seine Figuren lustig macht oder gewisse Charaktereigenschaften ins Lächerliche zieht. Gerne wird mit einer latenten und feinsinnigen Ironie erzählt, die oft erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. Auch wenn die Themen der verschiedenen Erzählungen alles andere als einfach und vergnüglich sind, sorgt dieser für Bolaño typische Stil für eine doch erfrischende Lektüre.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/exil-gewalt-und-einsamkeit/