Berlinale | Brasilien

Existiert die Zukunft schon?

In „A fabulosa máquina do tempo” (Die fabelhafte Zeitmaschine) wird die Ungleichheit der Geschlechter aus der Perspektive von Kindern betrachtet

Von Karina Tarasiuk

Wenn Gott den Mann aus Erde und die Frau aus dem Mann geschaffen hat, wie es in der christlichen Tradition heißt, scheint die Hierarchie der Geschlechter seit dem Ursprung der Welt vorbestimmt zu sein. Es ist diese Naturalisierung der Ungleichheit, die sich durch Eliza Capais A fabulosa máquina do tempo zieht. Der Dokumentarfilm geht von der scheinbar einfachen Frage aus: „Wenn du eine Zeitmaschine hättest, würdest du in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen?“. Er zeigt, wie im Leben von Mädchen aus dem brasilianischen Hinterland die Zukunft bereits vorgezeichnet und die Vergangenheit ein schwer zu durchbrechendes Erbe zu sein scheint.

© Eliza Capai

Der Film spielt in Guaribas im Bundesstaat Piauí, einer Gemeinde, die einst zu den Orten mit dem niedrigsten Index der menschlichen Entwicklung in Brasilien gehörte, und beobachtet den Alltag von Mädchen, die in jeder kleinen Stadt im brasilianischen Hinterland leben könnten. Evangelikale Kirchen und die Carreta Furacão – ein Festwagen mit kostümierten Tänzer*innen – bilden ein soziales Umfeld, das gleichzeitig spielerisch und streng ist. Es ist ein Brasilien, das in filmischen Erzählungen selten im Mittelpunkt steht, aber notwendig ist, um zu verstehen, wie soziale Ungleichheit, Religiosität und Tradition die Erwartungen an die Zukunft prägen.

Die Mädchen sind aber in A fabulosa máquina do tempo nicht nur Figuren, sondern partizipieren auch als aktive Teilnehmerinnen an der Entstehung des Dokumentarfilms: Sie filmen, interviewen, erzählen und erfinden Geschichten. Indem sie sich ein glückliches Ende für Frauen vorstellen, die unter geschlechtsspezifischer Unterdrückung leiden, zeigen sie sowohl die Last der Strukturen, die sie umgeben, als auch die kreative Kraft, mit der sie versuchen, diese neu zu erfinden.

Aus den Berichten über Kinderheirat, Alkoholismus, Armut und soziale Verwundbarkeit entsteht ein komplexes Bild. Der kindliche Blick ist nicht naiv, sondern erfasst die Widersprüche mit Klarheit. Auf die Frage, ob es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt, zeigen die Antworten, wie patriarchalische Normen schon früh verinnerlicht wurden. Zeit ist in diesem Zusammenhang nicht mehr nur eine imaginäre Kategorie, sondern steht für Kontinuität: Die Vergangenheit der Mütter projiziert sich in die Zukunft ihrer Töchter.

© Carol Quintanilha

Regisseurin Eliza Capai (mehrfach preisgekrönt für Your Turn) hält sich diskret im Hintergrund, leitet Gespräche und interagiert mit den Kindern, verbirgt dabei jedoch ihre externe Position nicht. Man spürt eine Vermittlung, einen Blick, der das Material organisiert und diese Stimmen in eine breitere Debatte über Geschlecht und strukturelle Ungleichheit in Brasilien einbringt.

Ohne auf didaktische Erzählungen oder statistische Daten zurückzugreifen, reflektiert A fabulosa máquina do tempo darüber, wie sich patriarchale Strukturen in Kontexten sozialer Vulnerabilität reproduzieren. Indem der Film die kindliche Vorstellungswelt in den Mittelpunkt stellt, fragt er, ob die Zukunft wirklich ein offenes Feld ist – oder ob sie für viele Mädchen im Film nicht schon frühzeitig begonnen hat.

A Fabulosa Máquina do Tempo (Die fabelhafte Zeitmaschine), Brasilien, 2026, 70 Minuten, Weltpremiere | Dokumentarische Form, Regie: Eliza Capai; Portugiesisch mit Englischen Untertiteln; Berlinale-Sektion Generation K

LN-Bewertung: 3/5 Lamas


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