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Familiensaga im Tango-Schritt

Beim Aufschlagen des Tango-Romans von Elsa Osorio kommt dem Leser als Erstes ein verzweigter Stammbaum voller französisch und spanisch klingender Namen in den Blick. Man betrachtet ein leeres Gerüst aus Worten und Linien, man zählt: fünf Generationen, Miguel Rinaldi, Asunción, Jugendliebe von, Carlota, Tangotänzerin, Geliebte von, Juan Montes, Tangokomponist, und etliche andere mehr, aha. Und über allen der Tango… steht rätselhaft darüber geschrieben. Man beginnt ein wenig neugierig zu lesen, um, dankeschön, gleich auf den ersten Seiten ins Le Latina, einem Tangolokal in Paris, entführt zu werden und sich mit einer ganzen Reihe von Klischees konfrontiert zu sehen. Da tanzt die schöne Ana, die gerade von ihrem Freund sitzen gelassen wurde, mit dem schönen Luis, der eine , eine Freundin sucht , und, welch ein Zufall, sie entdecken nach dem Tanz gemeinsame Bekannte aus der Vergangenheit, und, schadeschade, nur knapp schlägt das Spontanprojekt einer gemeinsamen Nacht fehl, Madame ziert sich. Man schüttelt beim Lesen leise den Kopf – hier werden Schubladen aufgemacht, in die man eigentlich noch nie hineinschauen wollte: schlanke, sinnliche Beine, schmachtende Blicke, herzzerreißendes Tangogedudel, der argentinische Verführer und die französische Tangoprinzessin, der Tanz als einzige Rettung vor Liebeskummer, und obendrein, kursiv gesetzt, Stimmen aus dem Off, die Tangogeister etwa? Aufseufzen nach den ersten Seiten – wenn dieser Roman ein Lied wäre, dann versprechen die einleitenden Takte noch keine berauschende Melodie.
Irgendwie will man das Buch dann aber doch noch nicht weg legen – hat man vielleicht etwas übersehen, überlesen oder, um bei der Allegorie zu bleiben, etwas überhört, leise Klänge im Hintergrund vielleicht? Kapitel zwei, na also, der Sprung in eine andere Zeit, man findet sich um 1900 in Buenos Aires: die Zeit der großen Einwanderungen und Umbrüche in dem Land, welches für so viele Auswanderer aus Europa und der ganzen Welt ein neues und besseres Leben versprach. Doch auch hier: Tango und Rinder, Lust und Liebe, alles klar und danke, Klischee bedient. Trotzdem, fast unmerklich geben die neuen Klänge aus einer anderen Zeit der Lektüre einen spannenderen Ton, man beginnt sich beim Lesen dem Buchstabenlied zu öffnen und will irgendwie doch wissen, was hier geschieht und geschehen wird. Warum verliebt sich die Tochter des Zimmermädchens in den Schurken aus Uruguay und nimmt die Liebe des Sohnes der Herrschaft nicht wahr?
Im Verlauf der Lektüre bemerkt man langsam aber sicher, wie man im Inneren die Einladung dieser Melodie aus Osorios Worten annimmt und nun beim Lesen schon fast selbst zum Lied dieses Buches zu summen beginnt. Das also ist der Tango, das ist Argentinien, das Leben damals auf der anderen Seite der Welt?

Die Rahmenhandlung des Buches ist schnell erzählt: Ana und Luis entschließen sich zu einem Filmprojekt über den Ozean hinweg, Argentinien und Frankreich als Ausgangspunkt der Arbeiten und Recherchen zu einer Geschichte des Tangos, welche gleichzeitig die Geschichte eines Landes und mehrerer Generationen ist. Der/die LeserIn sieht den entstehenden Film vor den Augen ablaufen; die Erzählgegenwart verwandelt vermeintliche Rückblicke zu direkten Situationen, die Erzählsprache ist voller Spiel und Tanz, wodurch ein sehr unvermittelter Eindruck des Erlebens suggeriert wird. Immer seltener springt die Erzählung in die Gegenwart der Rahmenhandlung, immer tiefer und spannungsreicher entführt sie in die Gegenwart der Vergangenheit.
Es öffnen sich rätselhafte Türen und Pfade in die Vergangenheit: warum hat Ana solche Scheu, von ihrer Familie zu sprechen? Warum ist der Tangokomponist Juan Montes wie ein rotes Tuch aus Schmerz für ihren Vater, so dass er die Fragen seiner Tochter in einem schwarzen Loch aus Schweigen verschwinden lässt? Auch die Gegenwart selbst wird verworrener: werden Ana und Luis ihren Film über den Tango drehen können oder wird das Projekt an ökonomischem und emotionalem Druck scheitern? Als Hintergrundmelodie hört man die Frage, ob die beiden sich endlich kriegen oder nicht. Wenn man nach dem ersten Drittel des Buches aus der Melodie der Geschichten und Begebenheiten auftaucht, bemerkt man verblüfft, dass man längst schon selbst begonnen hat, zum rätselhaften und schmerzlich süßen Lied Elsa Osorios zu tanzen.
Trotz des etwas klischeebelasteten Einstieges und ist der argentinischen Autorin Elsa Osorio 2006 mit Cielo de Tango ein in vielerlei Hinsicht wunderbares Buch gelungen. Es ist Osorios zweiter Roman nach Mein Name ist Luz, der in 16 Sprachen übersetzt wurde.

Elsa Osorio spielt mit Erzählperspektiven, Erzählerstimmen und Erzählebenen, wobei sie im Verlauf ihres Romans ein so umfassendes Lied vom Land des Tangos und der Rinder komponiert, dass sie es schafft, selbst die allseits bekannten und flachen Klischees über Argentinien mit Wahrheit und Leben zu füllen. Über die Geschichte des Tangos verknüpft erhält man auf faszinierende Weise Einblick in Vergangenheit und Gegenwart dieses südamerikanischen Landes, in tiefere Prozesse wie die beginnende neoliberale Ausrichtung der Wirtschaft, die sozialen Bewegungen, die Demonstrationen, Krawalle und Morde, die zerrüttenden und schmerzhaften Erfahrungen mit blutigen Aufständen, Militärputschen und Diktatur. Im Epilog gibt die Autorin, eingebettet in die Romanhandlung, einen beeindruckenden und erschütternden Bericht der Ereignisse um den wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch des Jahres 2001, und ganz im Sinne des Tangos endet der Roman voller Liebe und Schmerz, voller Musik und Leidenschaft. Versprochen: wer Elsa Osorios Aufforderung zum Lesen annimmt, der lernt mit ihren Figuren leben, lieben, lachen und leiden und, ganz gewiss: er lernt tanzen, den schönsten und himmlischsten aller Tänze: Tango!

Elsa Osorio: Im Himmel Tango. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007, deutsch von Stefanie Gerhold, 19,80 Euro

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