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Fangopackungen für Fujimoris angeschwärztes Image

Besonders hart betroffen sind die kaum bewaldeten Regionen des Hochlandes und der Nordküste. Hier haben Erdrutsche die Ernte weitgehend zerstört. Die drei Küstenstädte Ica, im Süden, Tumbes und Trujillo im Norden Perus wurden überflutet, in Aguas Verdes, an der ecuadorianischen Grenze, stand das Wasser in den Häusern während des Höchststandes der Flut Mitte Februar zwei Meter hoch. Vor allem die ärmere Bevölkerung hat ihr ganzes Hab und Gut verloren.
Die einzige direkte Verbin-dungsstraße zwischen Lima und der ecuadorianischen Grenze ist permanent an mehreren Stellen unterbrochen, Hilfslieferungen auf dem Landweg sind somit im We-sentlichen ausgeschlossen. In Lima schossen aufgrund der Transportprobleme die Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Bisher blieb die Hauptstadt vor größerem Un-heil verschont, in umliegenden Gebieten ist jedoch der Boden so schlammig, daß ein erneuter Regenfall bereits zum Erdrutsch führen könnte. Während die Regierung in offiziellen Stellungnahmen das Ausmaß der Katastrophe noch herunterspielt, rechnen regierungsunabhängige Experten mit einem Sachschaden von 1,5 Milliarden US$, ausgenommen Schädigungen durch abzusehende Verluste in der Exportwirtschaft. Dreihunderttausend Personen sollen bisher betroffen sein, über dreihundert Todesfälle wurden bekannt gegeben. Erschreckend ist zudem die Ausbreitung der Cholera in den Küstenstädten, und das Auftreten von Augeninfektionen und Hautkrankheiten.

Wasserfestes Make–up?

Steht das Wasser der Bevölkerung auch bereits bis zum Hals, den Machtkämpfen im Regime Fujimori tut die Katastrophenlage keinen Abbruch. Fujimori besteht hartnäckig auf heldenhaften Starallüren im Alleingang, wodurch die Effektivität der Katastrophenprä-vention und Wiederaufbauarbeiten stark gebremst wird. Ob Erdrutsch, Nahrungshilfe oder Überschwemmung, ‘El Chino’, wie Fujimori trotz seiner japanischen Herkunft in Peru genannt wird, wühlt sich, gefolgt von den linientreuen Rittern seines Kabinetts, durch Schlamm und Elend, stets aufgelegt zu einer photogenen Inszenierung. Nur einige entlegenere Dörfer wurden von diesen Selbstaufopferungsaktionen des Präsidenten, der sich mit einer sehr eigenwilligen Verfassungsinterpretation für eine dritte Amts-zeit den Weg geebnet hat (siehe LN 285), nicht erfaßt. Man munkelt, dies könne daran liegen, daß es dort nicht so viel Wählerstim-men gibt.
Rein wahltaktisches Kalkül leitet offensichtlich auch das erst in den letzten Wochen etwas ‘aufgeweichte’ Prinzip Fujimoris, eine Zusammenarbeit mit den Lokalregierungen in der Katastrophenhilfe zu verweigern. Im Falle Limas beschnitt Fujimori dem amtierenden Bürgermeister Alberto Andrade, der oft als aussichtsreichster Konkurrent für die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 gehandelt wird, sogar Handlungsmöglichkeiten im Bereich Katastrophenprävention und Katastrophenhilfe.
Dies paßt zu seiner bereits längerfristig verfolgten Strategie, den Lokalregierungen Kompetenzen und finanzielle Mittel zu entziehen und die Macht in seinen Händen zu zentralisieren. Erst als sich die Unmutsbekundungen betreff einer mangelnden Koordination und Effektivität der Einsätze in der Bevölkerung mehrten, schwenkte die Regierung in den letzten Tagen doch noch ein und bot zumindest einigen Lokalregierungen Kooperationsbereitschaft an.
Auffallend stark enthält sich auch das Militär jeglicher Hilfsaktionen. Spekulationen gehen dahin, daß es wegen Streitigkeiten zwischen der obersten Heeresleitung und Fujimori im Dezember ’97 ausgeschlossen wurde.

Flujimori….

Damals veröffentlichte der oberste Heereschef Hermoza ein Buch, in dem er den „Erfolg“ für die Operation Chavín de Huantar – Deckname der Erstürmung der von Guerilleros besetzten japanischen Botschaft vor einem Jahr – seinem eigenen Verdienst zuschrieb. Damit griff er nach Lorbeeren, die Fujimori sich zuvor alleine aufgesetzt hatte. Als Reaktion auf die Buchvorstellung bekräftigte der Präsident noch einmal seinen Alleinanspruch mit dem Kommentar, selbst sein minderjähriger Sohn sei an der Planung des Unternehmens mehr beteiligt gewesen als General Hermoza. Dies erzeugte eine Art Pattsituation, in der sich alle Kommandanten der verschiedenen Militärzonen Perus in Lima versammelten und hinter den angegriffenen General stellten. Obwohl sie von Fujimori den ausdrücklichen Befehl dazu erhalten hatten, weigerten sie sich mehrere Tage lang, auf ihre jeweiligen Kommandoposten zurückzukehren.
Neueste politische Einschätzungen gehen davon aus, daß Fujimori seinen Rücken wieder ausreichend gestärkt sieht, um den wachsenden Herausforderungen seitens des Militärs entgegenzutreten. Das gegenseitige Mus-kelspielen könnte politisch weitreichende Folgen haben. Bis jetzt ist unklar, ob das Zerwürfnis so groß ist, daß General Hermoza, neben Geheimdienstchef Montesinos und dem Präsidenten der wichtigste Drahtzieher im Triumvirat der drei mächtigsten Männer in Peru, einer erneuten Kandidatur des amtierenden Staatschefs seine Unterstützung entziehen wird. Schwer einzuschätzen ist auch die Rolle und Position von Fujimoris engstem Berater Montesinos. Knicken diese beiden stärksten Säulen in Fujimoris Herrschaftsgebäude ein, würde ein Machtmodell zerbrechen, das seit 1990 Bestand gezeigt hat.

…bekommt nasse Füsse

Trotz kritischer Stimmen hinsichtlich der Organisation der Hilfsaktionen hat Fujimori durch seine persönlichen Auftritte in heimgesuchten Gebieten an Popularität wieder gewonnen. Hatte das Ansehen des Präsidenten un-ter Skandalen stark gelitten und lag zwischenzeitig auf einem Tief von 25% (vgl.LN 285), so liegt seine Popularitätsrate in Lima nun wieder bei 48%. Man kann nicht umhin, seiner unerschöpflichen Energie Respekt zu zollen, das müssen sich selbst jene Teile der Bevölkerung eingestehen, die mit den autoritären Kapriolen des Präsidenten nicht einverstanden sind: Ohne zu ermüden, fegt er durch die Lande, stets an jenen Orten, wo der Schlamm am tiefsten ist. Vor allem Fernsehzuschauer in Lima sehen ihn heute positiver als vor den Überschwemmungen.
Populistische Maßnahmen gehören sicherlich auch nach El Niño noch zum ‘Image–Pflegeset’ des Präsidenten. Die widerstrebende Anerkennung ‘humanitärer Leistungen’ verwandelt sich jedoch nicht notgedrungen in Stimmen für Fujimoris Wiederwahl im Jahr 2000. Fujimori kann somit nicht restlos glücklich sein. Fest steht allerdings auch, daß die – nun verzögerten – Bemühungen des oppositionellen Bündnisses Foro Democrático, Unterschriften für ein Plebiszit gegen Fujimoris erneute Kandidatur zu sammeln, auch nicht erleichtert worden sind. Die sowieso zerstrittene Opposition ist demnach auch nicht glücklich, jedoch vergeht bis zu den Wahlen noch ein wenig Zeit.
Abzuwarten bleibt, auf welcher Seite es zum stärkeren Zerwürfnis kommt.

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