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Fluss der Desintegration

Es wird dem Fluss schon nichts ausmachen, wenn man ihm hier und dort ein wenig Wasser entnimmt“, hatte der amtierende Präsident Lula auf einer Wahl-kampfreise verkündet. Lulas nonchalant formulierte Ansicht wird jedoch von vielen Menschen nicht geteilt. Dies zeigt der um die mög-lichen Auswirkungen des Projektes ausgebroche Streit, der neben den BewohnerInnen der betroffenen Gebiete, VertreterInnen aus Umweltschutz und Großgrundbesitz auch die brasilianische Politik und die Weltbank erfaßt hat.
Die Rede ist vom Rio São Francisco, dem Velho Chico, wie er von den AnwohnerInnen genannt wird. Er entspringt in der Serra da Canastra im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, durchquert den Bundesstaat Bahia in nördlicher Richtung, verläuft als Grenze zwischen Bahia und Pernambuco nach Osten, um schließlich nach insgesamt 2.700 Kilometern zwischen den Bundesstaaten Alagoas und Sergipe in den Atlantik zu münden.
Am Rio São Francisco wird mit Hilfe von Wasserkraftwerken 90 Prozent des in der Region konsumierten Stroms produziert. Der Fluss gilt als Lieferant des sehr geschätzten Süßwasserfischs, Surubim, und er hat durch große Bewässerungsprojekte für wirtschaftlichen Aufschwung im Agroexportbusiness in der Region Petrolina/Juazeiro gesorgt. Vor allem aber ist der Fluss die Trinkwasserquelle für die Bevölkerung im trockenen Nordosten. Immerhin 60 Prozent der Fläche der Nordost-Bundesstaaten, etwa 900.000 Quadratkilometer, sind semiaride Regionen. Zusammen bilden sie ein Dürregebiet, das sich durch unregelmäßige Regenfälle und extrem hohe Verdunstungsraten auszeichnet, die bis zu 30 Prozent betragen. Hinzu kommen perio-disch wiederkehrende Trockenzeiten, in denen bis zu drei Jahre lang kein Regen fällt.
Für viele der sich aus der Trockenheit ergebenden Probleme gibt es Lösungsvorschläge. Laut João Suassuna, von der Fundação Joaquim Nabuco aus Recife, müsste man nur in den Archiven der Behörde für die Entwicklung des Nordostens, Sudene, suchen: „Die regionale Entwicklungsbehörde hat seit ihrer Gründung im Jahr 1960 viele Probleme des Nordostens untersucht und Vorschläge zur Verbesserung der Lebensbedingungen gemacht. Es fehlt allerdings am politischen Willen, diese auch umzusetzen.“
Aber es scheint kaum glaubhaft, dass mit der Umleitung des Flusses vorrangig kleinere Städte und Gemeinden in Ceará und Rio Grande do Norte mit Trinkwasser versorgt werden sollen. Es geht letztlich um die Millionenstadt Fortaleza, zum anderen um Bewässerung für expandierende Agrarnutzung, die über den Export Devisen erwirtschaftet. Die Bewässerungsprojekte werden kaum lokalen KleinbäuerInnen, sondern letztlich den Agrarexportunternehmen zugute kommen.

Ein Plan aus der Kaiserzeit

Präsident Lula setzt dabei auf den Plan aus der Kaiserzeit von Dom Pedro II. Schon damals wurde die Idee einer Umleitung des Rio São Francisco diskutiert. Die derzeitigen Pläne sehen vor, durch zwei Kanäle – dem „Eixo Norte“ mit 400 Kilometern Länge und dem „Eixo Leste“ mit 250 Kilometern Länge – dem Fluss Wasser zu entnehmen und in die jährlich austrocknenden Flüsse Jaguaribe, Piranhas-Açu, Apodí, Brígida, Paraíba und Moxotó zu pumpen. Nach amtlichen Angaben könnten 6,8 Millionen Menschen damit erreicht werden, und 300.000 Hektar Land bewässert werden. In den nächsten 15 Jahren sollen durch Pumpstationen, Tunnel und Aquädukte in einer ersten Ausbaustufe 50.000 Liter pro Sekunde und in einer zweiten Ausbaustufe 250.000 Liter pro Sekunde dem Fluss entnommen und über die Gebirgskette Chapada do Araripe gepumpt werden, um die dort lebenden Menschen mit Wasser zu versorgen. Etwa 3,3 Milliarden Reais (circa 1,3 Milliarden Euro) wird das Projekt kosten und jährlich etwa 30 Millionen Reais an Betriebskosten verschlingen.
KritikerInnen rechnen vor, dass die Umleitung des Rio São Francisco mehr Energie verschlingen würde, als neue durch das Wasserprojekt gewonnen werden könnte. So legt João Suassuna in einem seiner vielen Protestartikel folgende Zahlen vor: In der ersten Ausbaustufe erzeugen die bereits installierten Kraftwerke der Region auf Grund des geringeren Wasserdurchlaufs eine Minderleistung in Höhe von 126 Megawatt. Gleichzeitig erfordern die Pumpen des Projekts jährlich einen Energieverbrauch von 92 Megawatt. In der zweiten Ausbaustufe beträgt die Minderleistung sogar 655 Megawatt und der Energieverbrauch für die Wasserpumpen würde auf 478 Megawatt anwachsen. Im Endeffekt übersteigt dieser Verlust die neue Energiegewinnung um 23 Prozent.
Auch die Lösungen für dieses Problem, die verschiedene LobbyistInnen vorschlagen, scheinen nicht sonderlich attraktiv: So könnte, für ungefähr weitere 2,7 Milliarden Euro, der Energieverbund mit den Wasserkraftwerken des Amazonasgebietes ausgebaut werden – oder ein oder zwei Atomkraftwerke an den Ufern des Flusses gebaut werden.
Eine ähnlich katastrophale Rechnung besteht für die benötigte Wassermenge der geplanten Bewässerungsprojekte im Nordosten. Man geht von 18.000 Kubikmetern pro Hektar aus, die benötigt werden. Eine Zahl, die nicht nur ein Vielfaches der Menge darstellt, die in anderen semiariden Gebieten etwa in Spanien oder Israel verwendet wird. Das Volumen übersteigt auch bei weitem die 7.000 Kubikmeter pro Hektar, die eine Studie der Banco do Nordeste als Wirtschaftlichkeitsgrenze feststellt. Doch die Kritik an dem Großprojekt betrifft nicht nur die Kosten und Energiebilanz.

Ungesundes Wasser

Schon jetzt, vor Verwirklichung der aktuellen Pläne, ist das Wasser des Rio São Francisco akut gefährdet: In Minas Gerais, am Oberlauf des Flusses, werden jährlich circa 300.000 Hektar des Cerrado abgeholzt, um die Verhüttung von Eisenerz mit Holzkohle zu gewährleisten. Der Verlust des Waldes als natürlichem Wasserspeicher soll bereits nicht weniger als 300 kleine Quellflüsse des Rio São Francisco zum Versiegen gebracht haben. Die Unterbrechung des Flusslaufes durch Staudämme, die dadurch erhöhte Verdunstung sowie die Belastung des Wassers durch Abwässer und Düngemittel von den Plantagen haben den Fischbestand auf zehn Prozent seines ursprünglichen Bestandes schrumpfen lassen, bis zu 30 verschiedene Fischarten gelten als ausgestorben, und vor dem Verzehr des geliebten Surubim wird sogar im Fernsehen gewarnt. Es landen Unmengen an Pestiziden, Fungiziden und Düngemitteln, die in den monokulturellen Wein- und Mangoplantagen eingesetzt werden, letztendlich im Fluss.
„So wie das Wasser jetzt ist, bringt es lediglich Krankheiten an die Orte, zu denen es fließt“, meint der indigene Truká-Führer Ailson. Es wird geschätzt, dass ungefähr ein Viertel der Schmutzwassereinleitung in den Fluss aus der Millionenstadt Belo Horizonte stammt, die über verschiedene Zuläufe mit dem Fluss verbunden ist. Auch die neuen Boomstädte, Petrolina und Juazeiro, bereiten lediglich 15 Prozent ihrer Abwässer auf, bevor sie in den Fluss geleitet werden.

Ein Bischof im Hungerstreik

Die zu erwartenden negativen ökologischen und sozialen Folgen des Projekts ließen den Bischof von Barra, Dom Luiz Cappio, schließlich zu einer drastischen Maßnahme greifen. Am 26. September dieses Jahres trat der Bischof in Cabrobó, dem Standort für die Wasserentnahme der ersten Ausbaustufe, in einen unbefristeten Hungerstreik, um den weiteren Fortgang des Projektes zu verhindern. In seinen Stellungnahmen forderte er nicht nur das Ende des vorherrschenden Agrarexportmodells. Er verlangte auch die Revitalisierung des Flusses durch Wiederaufforstung im Quellgebiet und an den Flussufern sowie ein umfassendes Konzept mit dem Umgang der Wasserressourcen zu Gunsten der armen Bevölkerung im semiariden Nordosten.
In Brasília stieß der Bischof zunächst auf harsche Ablehnung: Die Revitalisierung des Flusses sei ohnehin Teil des Gesamtprojektes und werde bereits umgesetzt, die Kritik sei also unberechtigt. Auch war man in Brasília der Ansicht, dass das Projekt immerhin im Kongress diskutiert und befürwortet wurde. Man gehe davon aus, dass sich auch Mitglieder der katholischen Kirche an die Gepflogenheiten einer Demokratie zu halten hätten.
In der Bevölkerung stieß der Hungerstreik des Bischofs zur Rettung des Velho Chico hingegen auf enorme Zustimmung. Nicht nur werfen die täglichen Lebensbedingungen im harten Sertão für viele oft genug die Frage nach Leben und Tod auf. Auch wird im religiös geprägten Nordosten von solchen Einzelaktionen eine Befreiung erwartet. „Die Erde ist ein unerträglicher Ort der Verbannung, der Tote immer ein Glückseliger“, schrieb Euclides da Cunha in „Os Sertoes“ über die Frömmigkeit der BewohnerInnen des Sertão. Dass es unter der armen ländlichen Bevölkerung zu Brodeln anfing, schien bis Brasília durchgedrungen zu sein. SonderbotschafterInnen des Präsidenten machten sich – mit dem Helikopter – auf den weiten Weg nach Cabrobó. Sie überzeugten den Bischof, nach elf Tagen des Fastens und Gebets, dieses zu unterbrechen. Sei es, dass man Dom Luiz Cappio von der Unkontrollierbarkeit der Volksbewegung überzeugte, oder ihm das Versprechen gab, sein Anliegen dem Präsidenten der Republik persönlich vortragen zu können. Er unterbrach seinen Hungerstreik und bereitet sich seitdem auf das Gespräch mit dem Präsidenten vor.
Die Aktion des Bischofs scheint erste Wirkung zu zeigen: Auch die Weltbank redet seit neuestem davon, den Fluss nur ein wenig umleiten zu wollen. Der Bau des längeren nördlichen Kanals sei in der Tat wirtschaftlich nicht zu vertreten, hört man aus Washington. Vielleicht schafft es Dom Luiz Cappio auch, dass ein Teil der geplanten Gelder für alternative Kleinprojekte verwendet wird, die tatsächlich der bedürftigen Bevölkerung zu Gute kommen. Das wäre ein zumindest kleiner Erfolg.

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