Film | Nummer 619 - Januar 2026

Fragmente des Verbrechens

Der brasilianische Oscar-Kandidat „The Secret Agent“ fordert sein Publikum dramaturgisch und belohnt es visuell

Von Dominik Zimmer
Bester Hauptdarsteller Wagner Moura wird in Cannes für seine Rolle als Secret Agent belohnt (Foto: Port au Prince Pictures)

Einsam ist die Tankstelle im Nirgendwo des brasilianischen Nordostens, wo der quietschgelbe VW Käfer hält. Und doch entdeckt sein Fahrer Marcelo sofort ihr grausiges Geheimnis: Fast unmittelbar neben der Zapfsäule liegt eine Leiche, von Fliegen umschwirrt, das Gesicht notdürftig mit Pappen bedeckt. Ein missglückter Überfall war dem verhinderten Räuber zum Verhängnis geworden. Doch weder der Inhaber der Tankstelle noch die vorbeikommenden Polizisten oder Marcelo bemühen sich darum, den Toten von der Straße zu schaffen. Denn ein Menschenleben, noch dazu das eines Kriminellen, zählt nicht viel in Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Das wird in Kleber Mendonça Filhos epischem Gesellschaftsporträt The Secret Agent (O Agente Secreto) schnell deutlich. Und auch die Erinnerung an Verbrechen und Widerstand dieser Zeit ist im neuen Film des aktuell vielleicht ambitioniertesten brasilianischen Filmemachers (u.a. Bacurau, Aquarius) oft lückenhaft und selektiv. Marcelo (Wagner Moura, bekannt als Pablo Escobar aus der Netflix-Serie Narcos) gerät als Universitätsdozent zwischen die Fronten, als ein skrupelloser Geschäftsmann mit besten politischen Kontakten sich seine Forschungen mit einem miesen Trick unter den Nagel reißen will. Von Auftragskillern gejagt, sucht er in seiner Heimatstadt Recife Zuflucht in einer Unterkunft, die auch anderen politisch Verfolgten eine sichere Anlaufstelle bietet. Hilfe bekommt er dabei von Herbergsmutter Sebastiana (herzerwärmend: Tânia Maria) und der Fluchthelferin Elza (Maria Fernanda Cândido). Sein Job unter falscher Identität im städtischen Meldeamt gibt ihm zudem Gelegenheit, die Arbeit einer korrupten Polizeieinheit aus nächster Nähe unter die Lupe zu nehmen.
Zu Recht wurde The Secret Agent mit zwei wichtigen Preisen beim Filmfestival in Cannes belohnt (Bester Hauptdarsteller, Beste Regie) und folgerichtig auch als brasilianischer Beitrag für den Oscar nominiert. Wirklich einfach macht der Film es seinem Publikum allerdings nicht. Selbst Kenner*innen der brasilianischen (Film-)Kultur dürften Schwierigkeiten haben, alle versteckten Anspielungen und Referenzen zu entziffern. Da wird zum Beispiel ein abgetrenntes Bein im Magen eines Hais gefunden, das später laut der Sensationspresse ein Eigenleben entwickelt und nachts in den Parks von Recife sein Unwesen treibt: Ein Verweis auf eine gängige Medienpraxis zu Zeiten der Diktatur. Dort lenkten solche Schauermärchen von der echten Folter und den außergerichtlichen Hinrichtungen durch Staatsorgane ab, die wegen der Zensur verschwiegen wurden. Präsent ist auch die strukturelle Benachteiligung des brasilianischen Nordostens durch den reichen Süden, verkörpert durch die Figur des skrupellosen Industriellen Girotti (Luciano Chirolli). Und cineastische Referenzen an zeitgenössische Horrorfilme wie Der weiße Hai oder Omen bindet Filmfreak Mendonça ebenso ein wie einen Kommentar auf die Schließung vieler traditioneller Vorführsäle in Brasilien, die zu Zeiten der Repression kleine Orte des Atemholens von der Realität darstellten.


Kein Spionagethriller


The Secret Agent ist ein Film, der sich – ähnlich wie Marcelo selbst – als etwas tarnt, was er gar nicht ist. Schon der Titel ist auf ironische Weise irreführend: Selbstverständlich muss der Protagonist seine Identität geheim halten. Aber wer auf einen klassische Spionagethriller hofft, wird enttäuscht. Denn an subversive Aktivitäten ist für Marcelo nicht zu denken. Ein Agent im eigentlichen Sinne kann und will er nicht sein, denn sein einziges Ziel ist es, so schnell wie möglich mit seinem Sohn das Land zu verlassen. So ist der Film auch keine frontale Anklage der Militärdiktatur, sondern wirkt eher wie ein trojanische Pferd, indem er durch Alltagsbeobachtungen ein Panorama der Gesellschaft eines Landes zeichnet, in dem sich niemand sicher fühlt und ein Leben von heute auf morgen am seidenen Faden hängen kann. Korruption und illegale Machenschaften der Polizei sind an der Tagesordnung, das Chaos des Karnevals wird von ihr für Morde an Oppositionellen missbraucht. Dabei heuern Auftragskiller andere Auftragskiller an, um sich die Hände nicht schmutzig und ohne großen Aufwand schnelles Geld zu machen. Politische Geflüchtete treffen sich in geheimen Unterkünften, tauschen Geschichten aus, schmieden Pläne und verschwinden wieder. Manches davon wird im Film ausführlich gezeigt, anderes wie nebenbei, wieder anderes gar nicht. Gelegentlich tauchen Lücken in der Erzählung auf, Handlungsstränge und Figuren verlieren sich und scheinbar banalen Details wird stattdessen Platz eingeräumt. Über zweieinhalb Stunden nimmt Mendonça Filho seine Zuschauer*innen mit auf eine räumliche und zeitliche Reise, die gerade deshalb faszinierend ist, weil sie keiner perfekt getrimmten Handlung folgt. Ort und Epoche, die fast physisch spürbar gemacht werden, sind die wahren Protagonisten des Films. Eine wichtige Rolle spielen dabei die bis ins letzte Detail fantastisch ausgesuchten und gestalteten Drehorte in Recife, der Heimatstadt des Regisseurs. Satte Farben machen das Erlebnis hyperrealistisch und erinnern anCity of God, den bis heute vielleicht ikonischsten aller brasilianischen Kinofilme (der allerdings in Rio de Janeiro spielt). Während dessen klassisch-lineare Erzählweise ihn zu einem riesigen Publikumserfolg machte, verweigert sich The Secret Agent im Gegensatz dazu dem Massengeschmack durch seine stark fragmentierte Dramaturgie. Wer sich aber darauf einlässt, dass wie in der Realität auch im Film nicht alle Geschichten einen befriedigenden Abschluss finden können, wird mit einem besonderen Kinoerlebnis belohnt. Denn The Secret Agent vermittelt neben dem umfassenden Porträt einer Epoche auch das dazugehörende Gefühl zwischen latenter und offener Bedrohung und stellt dadurch einen aktuellen Kommentar zum vielerorts in der Gegenwart wieder um sich greifenden Autoritarismus dar.

The Secret Agent (O Agente Secreto) // Brasilien 2025 // 158 Minuten // Regie: Kleber Mendonça Filho // Im Kino seit November 2025


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