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Frieden mitgestalten

Laut der Regierung und der kolumbianischen Nichtregierungsorganisation CODHES gibt es in Kolumbien etwa 5,2 Millionen Binnenflüchtlinge. Weitere fünf Millionen leben im Ausland. Neben den kolumbianischen Nachbarländern sind Spanien, die USA, England und Frankreich häufig gewählte Ziele. In Deutschland wie auch anderen Ländern in Mittel- und Nordeuropa ist die migración colombiana weniger ausgeprägt. Gründe hierfür sind neben der Sprachbarriere die großen Hürden hinsichtlich der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis sowie schwächer ausgeprägte soziale Netzwerke. Dabei ist die soziale Zusammensetzung der Gruppe kolumbianischer Migrant*innen in Europa so heterogen und komplex wie die kolumbianische Gesellschaft selbst. Die Gründe für das Verlassen des Landes reichen von politischer Verfolgung und Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt über familiäre bis zu wirtschaftlichen Gründen.
Die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die sich in den letzten Jahren auf europäischer und kolumbianischer Ebene vollzogen haben, besitzen unmittelbare Auswirkungen auf die Migrant*innen. So haben die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die die europäischen Regierungen als Reaktion auf die Wirtschaftskrise umgesetzt haben, zu einer erheblichen Verschlechterung der Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen von Migrant*innen geführt. Zu kämpfen haben letztere außerdem mit der zunehmenden Kriminalisierung von Migration.
Auf der anderen Seite bringen die Friedensbemühungen zwischen Regierung und Guerillas kolumbianische Migrant*innen zunehmend dazu, sich zu dem Konflikt und seinen Folgen öffentlich zu positionieren.
Deshalb organisieren sich derzeit weite Teile kolumbianischer Migrant*innen und kämpfen für ihre Anerkennung als kollektive, politische Subjekte. Sie fordern einen Wandel ihrer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte in Kolumbien wie auch in Europa ein. Aus dieser Bewegung gründete sich im November 2014 in Genf der Congreso de los Pueblos Europa (CdP Europa). Er besteht, neben einigen internationalistischen Solidaritätsgruppen mehrheitlich aus kolumbianischen Migrant*innen. Mit Vertreter*innen aus Spanien, Frankreich, der Schweiz, Schweden, Deutschland, Belgien, Italien, Norwegen und England repräsentiert der CdP Europa ein breites Spektrum der migración colombiana und ihrer sowohl kolumbianischen als auch europäischen Geschichte.
Auf politischer Ebene arbeitet der CdP Europa mit dem Congreso de los Pueblos in Kolumbien zusammen. Organisationen aus dem ländlichen Raum, die sich für die Rechte von Kleinbäuerinnen und -bauern-, Indigenen und Afrokolumbianner*innen einsetzen, sind ebenso Teil dieses Organisationsbündnisses wie Frauenorganisationen, Gewerkschaften und Studierende aus dem urbanen Kontext. Seit seiner Gründung im Jahr 2010 fanden in Kolumbien zwei thematische, landesweite Konferenzen mit einer Beteiligung von bis zu 20.000 Teilnehmenden statt: der Kongress zu „Land, Territorium und Selbstbestimmung“ im Jahr 2011 und der „Friedenskongress“ im Jahr 2013.
Mit dem Friedenskongress 2013 verliehen viele soziale Organisationen Kolumbiens ihrer Forderung Nachdruck, zivilgesellschaftliche Akteur*innen an dem seit 2012 bestehenden Friedensdialog zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla FARC-EP zu beteiligen. Hinter diese Position stellt sich auch der CdP Europa. Er geht in seiner Analyse jedoch noch einen Schritt weiter: Weder Regierung und Guerilla, noch die sozialen Organisationen Kolumbiens hätten die Perspektiven und Lebensumstände der Kolumbianer*innen in der Migration ausreichend berücksichtigt. Dabei sehen sich viele Migrant*innen, sowohl innerhalb Kolumbiens als auch im Ausland, als Opfer des kolumbianischen Konfliktes und fordern deshalb ihr Recht ein, den Friedensprozess mitzugestalten. Für viele Mitglieder des CdP Europa bezieht sich dies nicht nur auf die Schaffung würdiger Lebensverhältnisse in Kolumbien, sondern auch in den europäischen Ländern, in denen sie Zuflucht gefunden haben.

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