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Für das Recht auf Kultur

Wir befinden uns hier in einem kleinen, renovierungsbedürftigen Theatersaal im sechsten Stock des Kulturzentrums San Martín. Welche Bedeutung hat dieser unscheinbare Sala Alberdi denn überhaupt im kulturellen Leben der argentinischen Mega-Metropole?
Yamila: In den 50er Jahren war die ursprüngliche Idee, im Kulturzentrum San Martín einen Theatersaal zu schaffen, der Schauspieler ausbildet und allen sozialen Schichten zugänglich ist. Wer nicht an den großen kommerziellen Theatern in der Prachtstraße „Corrientes“ interessiert war oder es sich nicht leisten konnte, war hier bestens aufgehoben. Doch seitdem die Logik des Neoliberalismus auf die Kultur übertragen wurde, besteht diese Art von Angebot nicht mehr.
Ryan: Mitten im Zentrum von Buenos Aires, wo sich alle großen, international bekannten Theater befinden, gibt es keinen Raum mehr für unbekannte Künstler, um ihre Kreativität zu zeigen. Wenn die Stadtregierung den lokalen Künstlern nichts zur Verfügung stellt, müssen wir diese Aufgabe übernehmen. Zudem kann ich die Bedeutung für die schauspielerische Ausbildung des Sala Alberdi aus eigener Erfahrung bezeugen – seit ich zehn Jahre alt war, habe ich hier Unterricht erhalten.

Ihr bezeichnet euch als „Schüler, Ex-Schüler und Freunde des Sala Alberdi“. Wie würdet ihr euch selbst charakterisieren?

Ryan: Wir sind eine Gruppe, deren Gedankengut sehr heterogen ist. Wir haben keine klare politische Linie und definieren uns nicht gemeinschaftlich als Sozialisten oder Anarchisten. Aber wir sind uns in unseren Zielen in Bezug auf den Theatersaal einig. Die Anzahl der Aktivist_innen lässt sich nicht genau festlegen, aber es engagieren sich verdammt viele.
Yamila: Wir sind Künstler verschiedener Disziplinen. Alle zusammen sind wir der Überzeugung, dass Kultur und Bildung weder einer neoliberalen, noch einer kapitalistischen Logik im Allgemeinen folgen sollte.

Seit anderthalb Jahren haltet ihr den Saal nun besetzt, doch der Konflikt mit der Stadt besteht bereits länger. Wie ist diese Auseinandersetzung entstanden und wie hat sie sich entwickelt?
Ryan: Seit 2006 wird ein Modernisierungskonzept für das Kulturzentrum San Martín verfolgt, in das die Ausrichtung des genossenschaftlich organisierten Sala Alberdi nicht mehr hineinpasste. Ohne Vorwarnung erhielt unsere Kooperative eine Räumungsklage, während der Rest des Komplexes modernisiert wurde; drei andere Theaterräume hat man bereits verkauft und in Kinos verwandelt. Lange konnten wir die Räumung verhindern, aber im März 2010 folgte dann die endgültige Schließung. Die Stadtregierung hat nie mit uns verhandelt und sich zu keinem Zeitpunkt auf einen Dialog mit uns eingelassen. Dadurch sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Besetzung und Selbstverwaltung die einzige Möglichkeit ist, dem Sala Alberdi seine ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben. Heute können wir behaupten, dass uns das gelungen ist, da wir den Saal wieder zu einem wahrhaftig öffentlichen Ort gemacht haben, der für alle zugänglich ist. Der Konflikt mit der Stadt ist jedoch weit von einer Lösung entfernt.

Und wie hat die Regierung auf die Besetzung reagiert?
Yamila: Wie bereits angedeutet, gab es nie einen Dialog. Stattdessen kommt es zu ständigen Einschüchterungen. Einige der Schüler wurden von einem Schlägertrupp verprügelt und alle Türen des Saales zerstört. Besonders bitter ist die Eröffnung eines Verfahrens gegen uns, in dem wir für die entstandenen Schäden verantwortlich gemacht werden sollen. Der Saal muss ständig besetzt sein, um eine Übernahme zu verhindern. In der ersten Zeit nach der Besetzung gab es die meisten Attacken, zwischenzeitlich schien sich die Lage beruhigt zu haben. Aber in letzter Zeit werden die Bemühungen, uns zu vertreiben, wieder verstärkt.

Während sich die nationalen Regierungen Néstor und Christina Kirchners nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001 ideologisch vom Neoliberalismus der 90er Jahre distanziert haben, wird diese Form der Politik von vielen Wählern in der Landeshauptstadt weiterhin unterstützt. Was bedeutet dies für die Kulturpolitik der Stadt?
Yamila: Buenos Aires erlebt seit einigen Jahren die Schließungen von vielen nicht-kommerziellen Kulturzentren, die für die örtliche Bevölkerung geschaffen wurden. Durch den Verkauf an private Firmen steigen die Einnahmen der Stadt und auf diese Weise verfolgt die Regierung ihr hauptsächliches Ziel: die Vermarktung des gesamten kulturellen Angebots.
Ryan: Die Regierungsverantwortlichen vertreten die Meinung, dass alles, was von außen kommt, besser sei. So wird vor allem Kultur aus der „Ersten Welt“ – in allen Anführungsstrichen, die man nur setzen kann – importiert und uns wird erzählt, dass diese Kultur schlicht besser sei als die lokale. Über die angebliche Qualität entscheiden aber lediglich die Gesetze des Marktes: was Gewinn verspricht, zählt und alles andere hat keinen Wert.

Wie sind eurer Auffassung nach die Zukunftsaussichten des Sala Alberdi?
Ryan: Ich hoffe, dass die Stadtregierung eines Tages die Bedeutung des Sala Alberdi anerkennt. Und wenn nicht, setzen wir unsere Selbstverwaltung fort. So oder so bleibt unser Ziel, ein Theater für alle zu sein.
Yamila: Mich stimmt positiv, dass die Zahl unserer Unterstützer gewachsen ist. Wir wollen einen Raum für Ideenaustausch und jede Form von Kultur zur Verfügung stellen und dafür werden wir den Saal so lange besetzt halten, wie es nötig ist. Wir stehen für eine bessere Gesellschaft ein, in der Kultur nicht einfach kommerzialisiert werden kann.

Kasten:

Kultur als Markt?
Buenos Aires ist seit inzwischen mehr als anderthalb Jahren Zeuge eines intensiv geführten Kampfes zwischen zwei miteinander unvereinbaren Kulturverständnissen. Auf der einen Seite steht die Regierung der Stadt unter Bürgermeister Mauricio Macri. Sie will der Stadt internationales Prestige verleihen und hat dafür die Kulturpolitik einer neoliberalen Marktlogik unterworfen. Auf der anderen Seite befinden sich die „Schüler, Ex-Schüler und Freunde des Sala Alberdi“. Sie halten einen kleinen Theatersaal im bedeutenden Kulturzentrum San Martín seit dem 17. August 2010 besetzt, um dessen Privatisierung zu verhindern. In dem Saal veranstalten die Aktivist_innen regelmäßig Theaterstücke für Kinder und Erwachsene sowie Konzerte – das alles ohne Eintritt zu verlangen, um ihrem Motto „Theater für alle“ gerecht zu werden.

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