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Fußballspielen für Anerkennung

Die Frauen arbeiten als Prostituierte neben der Zuglinie, die durch Guatemala Stadt zum pazifischen Ozean führt – La Línea. Sie wohnen auch gleich neben den Gleisen, in kleinen, bunten, einfachen Häusern. Für ihre Jobs haben sie eigene kleine Räume. Dort stehen sie in den Türen, in Nylonstrumpfhosen und durchsichtigen Oberteilen und warten auf Kunden. Sie nehmen weniger als drei US-Dollar pro „Dienstleistung“.
La Línea gilt als eine der verrufensten Gegenden der Stadt. Dementsprechend stehen die Frauen, die dort arbeiten, auf der alleruntersten Stufe der sozialen Hackordnung. Von vielen Seiten erleben sie Gewalt: Polizisten, Freier und Ehemänner greifen sie gleichermaßen an.
Und dennoch beginnt der Dokumentarfilm lustig. Fröhliche Musik und vergnügte Stimmen: Die Frauen machen sich bei einem Treffen Gedanken über ihren Namen. Mit Estrellas de la Línea – „Die Stars der Linie“ verschweigen sie ihre Herkunft nicht, es ist jedoch nicht so explizit wie „Die Huren“ oder ähnliche Vorschläge.
Nach der Namensfindung beginnt das Training. Dafür ist Kimberly verantwortlich, und sie schont ihre Spielerinnen nicht: „Na los, beweg dich, Dicke!“. Das Team nimmt die Strapazen mit Humor und Optimismus: „Wenn wir hier fertig sind, sehen wir alle aus wie Barbie“, prophezeit eine.
Die spaßigen Szenen wechseln sich ab mit anderen, in denen die Frauen aus ihrem Leben erzählen. Fast alle haben sexuelle Gewalt erlebt. Prostituierte sind sie, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, ihre Familie zu ernähren. Doch mehr als Huren sind sie Frauen und Mütter. Das soll die Gesellschaft endlich wahrnehmen, und das Fußball spielen soll für Aufmerksamkeit sorgen.
Das erste öffentliche Spiel verlieren sie haushoch, doch die Medien sind zur Stelle. Die guatemaltekischen Nachrichten über die Estrellas sind in den Film eingebaut. Die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen die Fußballerinnen, doch die Diskriminierung folgt auf dem Fuße: Der guatemaltekische unabhängige Fußballverband Futeca schließt das Team sofort von jeglichen weiteren Spielen aus. Begründung: Eltern hätten sich beschwert, weil angeblich unanständige Worte gerufen wurden, außerdem wisse man ja nicht, welche der Frauen AIDS hätten.
Das Ende ihrer Futeca-Karriere bedeutete aber noch lange nicht das Aus der Fußballkarriere für die Frauen. Teams, die gegen sie antreten wollen, finden sie immer. Dabei ergeben sich zum Teil skurrile Allianzen. Die Polizistinnen spielen gerne gegen die Prostituierten, denn, so eine der Spielerinnen: „Wir sind ja alle gesellschaftlich nicht so akzeptiert.“
Chema Rodríguez hat den Film auch gemacht, weil „Vilma, Valeria oder Kimberly träumen, fühlen und leiden wie jeder von uns, und das ist wichtig zu erzählen.“ Lange Zeit hat der Regisseur mit dem Team verbracht. Daher hat keine der Frauen Scheu vor der Kamera, sogar Streits werden vor ihr ausgetragen. Die Frauen werden nicht idealisiert und nicht entmündigt, sie können sich darstellen, wie sie sind, mit ihren Träumen und Sorgen. Auch die kritischen Stimmen kommen zu Wort, empörte GuatemaltekInnen, die durch die kickenden Huren die Moral der Nation in Gefahr sehen.
Interessant wäre eine Gegenrecherche bei guatemaltekischen EntscheidungsträgerInnen gewesen: Werden sie auf die Forderungen der Frauen reagieren? Ihnen helfen, ihre Rechte und ihre Würde zu verteidigen?
So bleibt am Schluss des Films die Nachricht, dass alles bleibt, wie es ist. Hoffentlich auch der Optimismus der zum Glück gar nicht barbieähnlichen Fußballerinnen.

Estrellas de la
Línea, Regie und Drehbuch:
Chema Rodríguez;
Spanien, 90 Min.

Der Film läuft auf der Berlinale vom 9.-19. Februar im Panorama.

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