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Gaúchos am Strand

Eine Nacht am Stadtstrand von Rio de Janeiro, im Hintergrund ist der Zuckerhut zu erkennen. Ein junger Mann und eine Frau sitzen im Sand und unterhalten sich. Ihr starker Akzent verrät, dass die beiden aus dem Süden Brasiliens stammen. „Erinnerst du dich, wie du zum ersten Mal am Meer warst? Du wolltest auf keinen Fall ins Wasser gehen“, fragt die Frau, Camila. Mit Trotz in der Stimme antwortet er, Miguel: „Ich bin eben für so etwas nicht gemacht.“
In der Tat ist der gaúcho Miguel nicht für die Stadt Rio de Janeiro geboren. Ausgelassenes Herumspielen, belanglose und unbeschwerte Gespräche, mit FreundInnen feiern, all das ist nicht seine Sache. Er hängt lieber still seinen Gedanken nach und stellt so das Gegenteil des Klischeebildes eines cariocas, eines Bewohners von Rio de Janeiro, dar. Doch es ist nicht nur sein Naturell, das Miguel zum schweigsamsten Charakter im Film Vingança macht.
Zu Beginn des Films sieht man, wie Camila am Ufer eines Flusses im ländlichen Südbrasilien aufwacht. Offensichtlich ist sie vergewaltigt worden. Doch direkt nach dieser ersten Szene dreht sich die Geschichte vorerst nur um Miguel. Man wird Zeuge, wie er mit dem Bus nach Rio de Janeiro fährt. Dabei wird er von einem jungen, offensichtlich wohlhabenderen Mann verfolgt. Miguel seinerseits heftet sich an die Fersen von Carola, einer typischen carioca filinha de papai, einer reichen jungen Frau aus Rio de Janeiro, die viel mit ihren FreundInnen feiert. Irgendwann spricht Carola Miguel an, und die beiden beginnen eine Affäre. Dabei kontrastiert die Persönlichkeit der hedonistischen Carola, welche gern und viel spricht und mit ihren Reizen spielt, mit der des introvertierten und nachdenklichen Miguel. Erst nach und nach erkennt man, wie die beiden Handlungsstränge, die Geschichten Miguels und Camilas, verknüpft sind. Dies war auch die Intention des Regisseurs und Drehbuchautoren Paulo Pons. „Ich wollte eine Geschichte davon erzählen, wie ein Verbrechen an einem Ort, in Rio Grande do Sul, Auswirkungen an einem Ort, der tausende Kilometer entfernt liegt, Rio de Janeiro, haben kann“, sagte er in einem Interview mit dem Onlinemagazin Mundo Oi.
Es dauert recht lange, bis man versteht, worum es in dem Film eigentlich geht. Bevor man die Namen der ProtagonistInnen erfährt, sind bereits zwanzig Minuten vergangen. Dabei ist der Film aber nicht langweilig. Es macht Spaß, sich langsam in eine Geschichte hineinziehen zu lassen, die Thriller mit Racheepos verbindet. Der Film lässt sich Zeit, die sozialen und familiären Hintergründe der wichtigsten Charaktere zu erklären. Dies geschieht sehr sachte und einfühlsam durch kleine Bemerkungen und vereinzelte Bilder. Schritt für Schritt entfalten sich die Details der Geschichte vor den Augen des Publikums. Erst ganz am Ende fügen sich alle Steinchen des Mosaiks zu einem Bild zusammen. Auf diese Weise erzeugt der Film eine interessante Spannung – schnell ist man gefangen und will endlich wissen, worum es eigentlich genau geht.
Der Titel Vingança – Rache – verrät, worum es gehen soll. Doch wer was an wem genau rächen soll, wird erst später deutlich. Miguel ist der Verlobte von Camila, doch die beiden haben sich bereits etwas auseinander gelebt. Trotzdem ist Miguel an sie gebunden, da Camilas Vater ein Großgrundbesitzer der traditionellen Elite des Bundesstaats Rio Grande do Sul ist. Miguels Familie arbeitet seit drei oder gar vier Generationen auf der Farm der Familie seiner Verlobten. Nach den traditionellen Moralvorstellungen müsste also Miguel eigentlich über die Verbindung mit der sozial höher stehenden Camila froh sein. So steht Miguel unter dem Druck der Familie, die noch den traditionellen Vorstellungen von Ehre und Moral anhängt. Zu diesen gehören Selbstjustiz und Rache wie selbstverständlich dazu. Andererseits lernt er Carola kennen und lieben. Er lernt das ausgelassene und freie Leben in Rio de Janeiro kennen und beginnt, sich zu öffnen. Hier liegt eine der großen Stärken des Films: Die Spannung zwischen moralischer Pflicht und eigenen Interessen Miguels wird sehr eindringlich gezeichnet. Auch die Entwicklung der Personen ist glaubwürdig erzählt. Dabei unterstützt die schauspielerische Leistung hervorragend die Geschichte. Insbesondere die Schauspielerin Branca Messina glänzt mit ihrer Darstellung der verwöhnten Carola. Auch die Musik, komponiert von der brasilianschen Rocklegende Dado Villa Lobos, ist hervorragend und gibt der Geschichte einen treffenden Subtext.
Leider sieht man dem Film aber bisweilen an, dass das Budget sehr niedrig war. Die Kameraführung ist recht konventionell, eher statisch, mit vielen Schnitten. Das mindert den Leinwandgenuss allerdings kaum. Mehr ins Gewicht fällt leider, dass einige Einstellungen ziemlich verwackelt sind, was bisweilen recht anstrengend für den/die ZuschauerIn wird. Dass Geld für eine bessere Ausrüstung fehlte, ist kein Wunder: In einem Interview mit Mundo Oi erzählte Paulo Pons, dass er eine Filmförderung von gerade einmal 300.000 US-Dollar für vier Filme bekommen hätte. Das sind also etwa 75.000 US-Dollar pro Film – wenn man das bedenkt, überrascht Vingança sehr. Der Film muss sich trotz der erwähnten Mängel nicht vor Produktionen verstecken, die ein Vielfaches gekostet haben.
Der Vorteil eines einzigen Budgets für vier Filme aber sei, so Pons zu Mundo Oi, dass das Team sich einspielen und mit mehr Erfahrung und Know How an das nächste Filmprojekt herangehen könne. Man darf also auf zukünftige Produktionen von Paulo Pons gespannt sein.

Paulo Pons // Vingança // Brasilien 2008 //
Berlinale Sektion Panorama

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