Berlinale | Mexiko

Gefangen im Wald

„El jardin que soñamos“ zeigt die Ausbeutung von Geflüchteten durch die Holzwirtschaft

Von Dominik Zimmer

Dröhnende Motoren durchbrechen die Stille der Nacht. Ein Scheinwerfer zuckt durch die Dunkelheit. Er gehört zu einem LKW, der sich eine bewaldete Bergstraße hochwindet. Kurz hört man noch den Flügelschlag eines Vogels, der weghuscht. Dann hält der LKW, Arbeiter steigen aus und beginnen, eine notdürftige Schutzhütte aufzubauen. Am Ende bleiben vier Personen dort: Ein Mann, eine Frau und zwei Kleinkinder. Sie sind aus Haiti geflüchtet und auf dem Weg in die USA in Zentralmexiko gestrandet. Dort sollen sie einem zwielichtigen Unternehmer beim illegalen Holzschlag in einem Waldgebiet helfen.

© Amondo Cine

Es ist trotz des idyllischen Titels ein bedrückender Stoff, den der mexikanische Regisseur Joaquín del Paso mit seinem dritten Spielfilm El jardin que soñamos (Der Garten, von dem wir träumen) auf die Leinwand bringt. Mitten im Winterquartier der berühmten Monarchenfalter im Bundesstaat Morelia angesiedelt, verfolgt der Film die unbarmherzige Ausbeutung einer haitianischen Familie durch die Holzwirtschaft. Esther (Nehemie Bastien) versucht mit ihren beiden Töchtern Flor und Aisha, beide noch im Kindergartenalter, den Verhältnissen in ihrem Heimatland zu entkommen. Der Vater hat die Familie verlassen, ihren neuen Partner Junior (Faustin Pierre) hat sie auf der Reise kennengelernt. Nun versuchen die vier gemeinsam das Beste aus ihrer Lage zu machen. Bevor es weiter nach Norden geht, will Junior versuchen, mit der Holzfällerei die Kasse aufzubessern. Das klappt zu Beginn auch noch leidlich: Die erste Zahlung kommt an und die Familie richtet sich in der ärmlichen Behausung ohne Toilette und fließend Wasser so gut es geht ein. Doch schon bald beginnen die Probleme. Der skrupellose Holzunternehmer Toño (Carlos Esquivel), von dem Junior in der Waldeinsamkeit völlig abhängig ist, fordert immer längere Arbeitszeiten. Als dann auch noch Kämpfe mit einer rivalisierenden Gruppe um Profitanteile des illegalen Geschäfts ausbrechen, gerät die Familie unverschuldet in Lebensgefahr.

El jardin que soñamos ist ein realistisches Sozialdrama, das die Ausbeutung von Geflüchteten in Mexiko schonungslos offenlegt und dabei nur wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Situation der Familienangehörigen, darunter zwei Kleinkinder, die medizinische Hilfe benötigen, ist den unbarmherzigen Geschäftemachern spätestens dann egal, wenn ihr Gewinn auf dem Spiel steht. Nebenbei wird durch die Abholzung im Naturschutzgebiet auch der Lebensraum der gefährdeten Monarchenfalter, ein Wahrzeichen der Region, zerstört. Es ist wichtig, dass Joaquín del Paso ein Schlaglicht auf die brutale Situation Geflüchteter in Mexiko wirft und dabei mafiöse Strukturen auch einmal jenseits des omnipräsenten Drogenhandels anspricht. Die Charaktere im Film wirken zwar etwas eindimensional – entweder sind die Figuren hilflose Opfer oder rassistische Ausbeuter – und die Hoffnungslosigkeit teilweise erdrückend. Aber die Situation der Geflüchteten in der Realität gibt leider keinen Anlass zu einem Feel-Good-Movie. Wenn El jardin que soñamos dazu beiträgt, den gezeigten Problemen internationale Beachtung zu verschaffen, hätte der Film ein großes Ziel erreicht.

El jardin que soñamos, Mexiko 2026, 102 Minuten, Regie: Joaquín del Paso; Spanisch mit englischen Untertiteln; Berlinale-Sektion Panorama

LN-Bewertung: 4/5 Lamas

 

Termine auf der Berlinale: 

Freitag, 20. Februar, 22:00 h, Urania


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ähnliche Themen

Newsletter abonnieren