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Gegen den unsichtbaren Kolonialismus

Da fehle doch ein Wort, entfährt es Eduardo Galeano. Evo Morales hat ihm gerade ein Buch überreicht – mit dem Titel El libro del mar. Es müsse um robado ergänzt werden; also „Buch des geraubten Meeres“. Es geht um Boliviens Zugang zum Pazifik, den es im 19. Jahrhundert im Salpeterkrieg an Chile verloren hatte. Evo Morales blickt kurz auf, nickt, telefoniert nach La Paz: Bei weiteren Auflagen müsse unbedingt die neue Überschrift auf den Titel. Die Augen des von schwerer Krankheit gezeichneten 74-jährigen Galeano leuchten, als er sein letztes Treffen mit Boliviens Präsidenten schildert. Schließlich habe ihn Evo noch besorgt gefragt: Was machen wir mit dem krisengeschüttelten Venezuela? Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die befreundet sind und sich verstehen, die die Zukunft des Subkontinents umtreibt und die Lateinamerika verändern möchten. Ein Gespräch, das am 14. April jäh beendet wird.
Der Aymara Evo Morales war 2005 als erster Indigener in der Geschichte Boliviens zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Er hoffe, schrieb Eduardo Galeano, dass die lange verachteten Stimmen der Ureinwohner Amerikas nunmehr gehört würden.
„Amerika kennt sich selber nicht“, wiederholte er ein ums andere Mal. Erinnern ist deshalb für Galeano ein Schlüsselwort: „Ohne Erinnerung wird Lateinamerika seine Identität und seinen eigenen Weg nicht finden.“ Wie ein Leitfaden zieht sich dieser Satz durch das gesamte Werk Eduardo Galeanos. Für die Trilogie Erinnerungen an das Feuer stöberte er im spanischen Exil sieben Jahre lang in dickleibigen Büchern zur Geschichte des Subkontinents. Auf seinen unzähligen Reisen kreuz und quer durch Länder und Landschaften Lateinamerikas galten Neugier und Interesse insbesondere den Ureinwohnern. Viele bis dahin weitgehend unbekannte Geschichten, Mythen und Quellen hat er dabei entdeckt. Wer wusste schon, weshalb 1599 die Taironas-Indigenen in Kolumbien gegen die spanischen Kolonialherren aufbegehrten: „Seit grauer Vorzeit ließ sich hier scheiden, wer wollte, und man schlief mit seinen Geschwistern, wenn es einen danach gelüstete, und Frauen taten es mit Männern oder Männer mit Männern oder auch Frauen mit Frauen.“ Die Spanier warfen die Frevler den Hunden zum Fraß vor.
Galeanos literarisch-journalistisches und poetisch-politisches Werk ist eine Absage an die offizielle Geschichtsschreibung, an die Version der „in Marmor und Bronze Verewigten“, wie er einmal schrieb.
Sein Haus in Malvin, einem Stadtviertel in Montevideo, erzählt von seinen Reisen, Beobachtungen und Begegnungen. Der einstöckige Flachbau ist eigentlich nichts Besonderes, wenn da nicht der breite Dachsims wäre. Mit seinen leuchtenden Farben hebt er sich vom wuchernden Grün des Vorgartens ab. Kräftiges Rot und Orange, schwarz umrissene Vogelmotive, die alten indianischen Fresken entlehnt sind und von Galeano weiter entwickelt wurden. Über dem Eingang prangt eine knallige Sonne. Im Hause setzt sich das Fest der Farben fort, ob auf Bildern aus Zentralamerika, indianischen Masken oder Wandbehängen aus Südamerika. Oder in den Bücherregalen.
Nicht nur Indigenen hat er eine Stimme verliehen, sondern auch anderen von der offiziellen Geschichte Vergessenen und Marginalisierten, ob nun Frauen, Erniedrigten, Rebell*innen, Gefangenen, Gefolterten oder Nachkommen afrikanischer Sklav*innen. Er lenkt den Blick auf Haiti, ein „unsichtbares Land“, von vielen als hoffnungsloser Fall des Elends abgetan. Nur wenige wissen, dass das Karibikland das erste Land auf der Welt ist, das mit einer Revolution die Sklaverei besiegt hat.
Vorbild für die tonangebenden, zumeist hellhäutigen Kreise in Lateinamerika war nach der Unabhängigkeit lange Zeit Europa. Europa hieß Zivilisation, Schwarze und Indigene verkörperten die Barbarei. Ein Platz in der Ersten Welt gilt auch heute noch als erstrebenswert. Politiker*innen versprechen, hüben wie drüben, die so genannte Dritte Welt „zur Ersten Welt“ zu wandeln, „wenn sie sich nur gut benimmt und wenn sie das macht, was man ihr befiehlt“. Wollen wir überhaupt „ihnen gleich“ sein, fragte Galeano in seinem Buch: „Von der Notwendigkeit, Augen im Hinterkopf zu haben“. Es werde doch ein Entwicklungsmodell angeboten, „welches das Leben verachtet und die Sachen anbetet“, gab er zu bedenken. Nicht nur ihm schwant, dass sich der Planet „schon im Komazustand“ befindet, „schwer vergiftet durch die industrielle Zivilisation und ausgewrungen bis auf den vorletzten Tropfen von der Konsumgesellschaft.“ Wenn alle nach dem „Lebensmodell der Konsumgesellschaft“ lebten, würde das der ohnehin gebeutelte Planet nicht ertragen.
Alternative Antworten schienen zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue Regierungen in Venezuela, Brasilien, Ecuador, Uruguay, Argentinien und Paraguay zu geben. Kritiker*innen stuften sie als rosarot, links oder progressiv ein. „Es ist wie eine Art Wiedergeburt in mehreren lateinamerikanischen Ländern, die ein Bewusstsein für ihre Würde entwickeln, das verloren schien oder zumindest betäubt“, begeisterte sich Eduardo Galeano. Tatsächlich schlossen die südamerikanischen Länder sich zum Integrationsprojekt UNASUR zusammen ­– unter Ausschluss der USA. Sie senkten entschieden die Armut in ihren Ländern. Allerdings auf der Grundlage eines extraktivistischen Wirtschaftsmodells, das auf Ausbeutung und Export mineralischer und agrarischer Rohstoffe beruht. Wie schon zu Kolonialzeiten und eindrucksvoll von dem damals 31-Jährigen in seinem Best- und Longseller Die offenen Adern Lateinamerikas geschildert. „Die Ressourcen, die uns die Natur geschenkt hat, hätten eine Quelle des Glücks sein können, aber sie sind Grund für ewiges Unglück.“
Dass die Entwicklung in Lateinamerika eine andere Richtung nehmen könnte, darauf hoffte Galeano bis zuletzt. Beispielsweise mit „buen vivir“ (Gutes Leben), das in der neuen Verfassung von Bolivien und Ecuador verankert ist. Ziel ist ein harmonisches Zusammenleben mit der Natur. Es handelt sich erstmals um kein importiertes, sondern von indigenen Völkern im Andenraum entwickeltes Gedankengut.
Schon früher hatte es einen Ansatz zu eigenständigen Vorstellungen gegeben: Die Dependenztheorie ist ein fast vergessener lateinamerikanischer Beitrag zur Diskussion von Antiimperialismus, Abhängigkeit und autonomer Entwicklung. Sie kam in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf, als sich nach der Kubanischen Revolution Denken und Menschen radikalisierten. Dazu gehörte auch Eduardo Galeano, der mit den offenen Adern ein leicht verständliches Beispiel für Dependenz-Erklärungen lieferte. Dependenz-theoretiker*innen stellten nationale Eliten bloß, die als Juniorpartner*innen ausländische Interessen durchzusetzen versuchten. Sie verstanden unter Entwicklung mehr als nur tiefgreifende wirtschaftliche Veränderungen in der Peripherie. Abhängigkeit sei auch kulturell zu verstehen: Die Lateinamerikaner *innen hätten sich bewusstseinsmäßig von der eigenen Realität entfremdet, so der verstorbene Soziologe und Galeano-Freund Darcy Ribeiro aus Brasilien, weshalb sie auch nicht in der Lage seien, „die eigene Identität“ zu erkennen. Galeano stemmte sich deshalb zeitlebens gegen den „unsichtbaren Kolonialismus“, der den Menschen einredet, dem Zentrum nacheifern zu müssen und „dass Unterwürfigkeit dein Schicksal sei und Ohnmacht deine Natur“.
Der undogmatische Sozialist und Antiimperialist war ein hartnäckiger Optimist. Eine andere Welt schien ihm möglich. Immer wieder keimte Hoffnung, die jedoch nur zu oft enttäuscht wurde. Ob es sich beispielsweise um Kuba handelt, das „schmerzt“, die sandinistische Revolution in Nicaragua, die autokratisch erstickt, oder die von ihm unterstützte Frente Amplio (Breite Front) in Uruguay, die die neoliberale Wirtschaftspolitik konservativer Vorgänger fortsetzt. Galeano kritisierte häufig verhalten – aber auch schon mal heftiger im Freundeskreis. Hin und her gerissen zwischen Solidarität und notwendiger Kritik. Zwischendurch holte er gelegentlich ein winziges Notizbuch hervor und notierte Gedanken, die über den Tisch „fliegen“. So auch den Satz „Da singt kein Vogel“. Das war auf die Politik im eigenen Land gemünzt. Der gerade wiedergewählte Präsident Tabaré Vázquez hat dem Erfolgsautoren nie verziehen, dass dieser seine erste Regierung vor einer Entwicklung „ganz nach kolonialem Vorbild“ gewarnt hatte: vor der Förderung von Eukalyptus-Plantagen und gigantischen Zellulosefabriken: „Fast food, fast wood: Devisenbringer, Entwicklungsvorbilder, Fortschrittssymbole sind Holzzuchtanstalten, die die Erde auslaugen und die Böden ruinieren.“ Und das Vogelgezwitscher verstummen lassen. Wenige Tage nach Galeanos Tod stellten Expert*innen fest, dass alle Gewässer und Wasserläufe im wasserreichen Uruguay mehr oder weniger verschmutzt und verseucht sind.

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