Aktuell | Editorial | Nummer 618 - Dezember 2025

Gegenmacht Gen Z

Die Gen Z könnte eine Chance haben, wenn sie mit ihren Forderungen einen langen Atmen hat

Die Redaktion

Seit September erlebt Peru eine neue, heftige Protestwelle: Ausgelöst durch wachsende Unsicherheit, ein neues Rentengesetz und ein Attentat auf die Band Agua Marina, richten sich die Proteste gegen ein System der Korruption und Vetternwirtschaft, das für die kriselnde Lage des Landes verantwortlich gemacht wird.
Auffällig ist dabei die führende Rolle der Generation Z, die sich selbst als neue Protestbewegung versteht. Eine*r von vier Wahlberechtigten gehört in Peru dieser Generation an. Dass die Proteste auch nach der Absetzung von Dina Boluarte nicht aufhören, macht deutlich, dass es sich um mehr als nur den Wunsch eines Regierungswechsels handelt. „Wir protestieren gegen die Korruption, für das Leben und gegen die Kriminalität, die uns jeden Tag umbringt“, so eine 28-jährige Ingenieurin gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Auch in anderen Ecken der Welt brodeln Unruhen unter der jungen Generation: Die Medien sprechen von „Gen-Z-Protesten“ in Bezug auf Demonstrationen in Peru, Marokko, Madagaskar und Nepal. Und tatsächlich ist die Generation der Jahrgänge von 1997 bis 2012 oft eine treibende Kraft. Sie macht sich die sozialen Medien zu eigen und organisiert sich dabei über die Weltmeere hinweg.
Als gemeinsame Symbolik der Proteste wehen über den Globus verteilt Totenkopf-Flaggen mit Strohhut aus dem Kult-Anime „One Piece“, dessen Hauptfigur für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Es ist ein kultureller Code, der ein Gemeinschaftsgefühl schafft, das allerdings ohne eine tiefere theoretischere und programmatische Auseinandersetzung stattfindet. Stattdessen ist es das Gefühl der Unzufriedenheit gepaart mit dem Wunsch nach weniger starken Hierarchien und mehr Mitbestimmung.
Die Reaktion auf die Proteste findet meist rhetorisch statt: Entweder mit der Reduktion auf kleine Forderungen, wie dem Wunsch nach mehr Sicherheit, oder der Verunglimpfung der Protestierenden wahlweise als Terrorist*innen oder Faulenzer*innen. Eine Strategie, die sich auch in der aktuellen Logik der Bundesregierung finden lässt: die Wirtschaftskrise wird einer Jugend zugeschoben, die nicht mehr arbeiten will, während von sozialen Problemen durch rassistische Aussagen und Verbotsdiskussionen um Namen wie „Veggiewurst“ oder „Tofuschnitzel“ abgelenkt wird.
Die aktuellen weltweiten Proteste stellen diese Art der Politik grundsätzlich in Frage. Und den Protestierenden reicht es nicht mehr aus, nur eine Präsidentin abzusetzen oder eine andere Partei zu wählen. Das Gefühl der Unzufriedenheit hat sich längst auf ein ganzes System ausgeweitet, das die aktuelle Lage ermöglicht hat.

Die Herausforderung für die gesellschaftliche Linke dabei lautet: Wie kann sich aus dieser Bewegung heraus eine politische Stimme entwickeln, die die Forderungen in konkreten Wandel überführt?
Das schließt einerseits die Erkenntnis ein, dass Empörung allein keine Machtverhältnisse verändert – das war schon für frühere lateinamerikanische Guerrilla- und Protestbewegungen, ob erfolgreich oder nicht, nichts Neues. Sie haben sich nicht auf spontane Revolten beschränkt, sondern politische, soziale und ökonomische Räume neu organisiert. Bei dieser Organisierung wäre es andererseits wichtig, Strukturen zu finden, die nicht so hierarchisch wie bei vielen traditionellen linken Organisationen sind, sondern der Dezentralität der „Gen-Z-Proteste” Rechnung tragen.
Wenn die heutige Generation diese Lehren aufnimmt und mit ihrer Affinität zu sozialen Medien verbindet, könnte sie das digitale Momentum in eine tatsächliche gesellschaftliche Gegenmacht verwandeln – wenn sie einen langen Atem hat. Die soziale Revolte in Chile ab 2019 beispielsweise war ebenfalls das Resultat einer Protestbewegung, die schon 2006 begann. Obwohl die erste Generation der Protestierenden inzwischen entscheidende Machtpositionen erlangt hat, lässt ein wirklicher Wandel noch auf sich warten.


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