«

»

Artikel drucken

Gemeinsam vor und zurück

„30 Jahre Revolution in Nicaragua“ könnte der Titel dieser Schwerpunktausgabe lauten. In der Tat sind seit dem Sturz der Somoza-Diktatur 1979 dreißig Jahre vergangen. Doch „30 Jahre Revolution“ würde ja genau genommen bedeuten, dass die Revolution seit dreißig Jahren lebt, besteht und anhält. Aber tut sie das? Oder sind die mit der Revolution verbundenen Hoffnungen und Ideale verblasst und vergessen? Wir wollen hinschauen ins „Nicaragua dreißig Jahre nach der Revolution“, in das Land und zu den Menschen, die sich vor drei Jahrzehnten von ihrem Unterdrücker befreiten.
Bereits vor zehn Jahren haben wir vor- und zurück geblickt. Auch zum 20. Jahrestag der Revolution in Nicaragua haben wir gemeinsam eine Schwerpunktausgabe veröffentlicht. Damals, neun Jahre nachdem die Regierung der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) 1990 abgewählt worden war, hieß es darin: „Auch die FSLN ist heute kein Hoffnungsträger mehr. Im Gegenteil. Daniel Ortega kungelt mit dem erzkonservativen und höchst korrupten Präsidenten Alemán, wogegen SandinistInnen (außerhalb wie innerhalb der FSLN) auf die Straße gehen.“ Zehn Jahre später hat dieser Satz immer noch seine Gültigkeit, denn der Pakt zwischen Ortega und Alemán besteht bis heute, wenn auch mit getauschten Rollen. War damals Alemán im Amt des Präsidenten, so ist es heute Daniel Ortega. Gekungelt wird indes weiter: Der Pakt hat die Verurteilung des korrupten Ex-Präsidenten überdauert, ihm eine angenehme „Haftzeit“ beschert und später gar seinen Freispruch ermöglicht. Mittlerweile sind Ortega und Alemán in der Lage, die Entscheidungen der wichtigsten Institutionen im Land zu kontrollieren. Der Pakt machte die Wiederwahl Ortegas überhaupt erst möglich. Dem Ziel von Machterhalt und -ausbau opfert die FSLN-Führung indes viele ihrer einstigen Ideale. So wurde mit Unterstützung der FSLN selbst die therapeutische Abtreibung unter Strafe gestellt, es wird repressiv gegen soziale Bewegungen vorgegangen und Oppositionsparteien wurden von den Kommunalwahlen vergangenen Herbst ausgeschlossen. Die kritischen Stimmen von SandinistInnen (vor allem derer außerhalb der FSLN) sowie partei-unabhängigen Organisationen im Land werden immer lauter. Ortega wird vorgeworfen, die damaligen Ziele und Ideale der Revolution zu verraten, gar von diktatorischen Tendenzen ist die Rede. Ortega selbst hingegen, stets begleitet von seiner Frau Rosario Murillo, die wichtige Schlüsselpositionen der Regierung besetzt ohne dazu legitimiert zu sein, bezeichnet seine Amtszeit als zweite Etappe der Revolution.
Was also schreibt man zum Jubiläum einer Revolution, deren Anführer heute zwar wieder an der Macht, aber gleichzeitig Zielscheibe immer lauter werdender Kritik von Seiten der sozialen Bewegungen ist? Lehnt man sich frustriert zurück und schüttelt den Kopf? Reiht man sich ein in die Enttäuschungsrufe und schlägt ein auf den scheinbar immer wieder kehrenden caudillismo? Wir haben uns bewusst entschieden, in der vorliegenden Gemeinschaftsausgabe einen anderen Fokus zu setzen. Denn bereits 1999 ging oben angeführtes Zitat weiter mit den Worten: „Diese Momente des Auflehnens und Widerstehens sind es, die zeigen, dass die Revolution der achtziger Jahre keineswegs nur Geschichte ist. Viele derer, die Jahre ihres Lebens in den Dienst der Revolution stellten, sind frustriert und niedergeschlagen, doch noch immer gibt es eine große Anzahl Menschen, die den Kampf für ein Leben in Würde und Freiheit nicht aufgegeben haben und weiterhin für Veränderungen kämpfen.“ Eben diese Menschen möchten wir zu Wort kommen lassen.
Dabei kam uns sehr zu gute, dass MitarbeiterInnen des Informationsbüros Nicaragua und des Ökumenischen Büros im Juli drei Wochen eine politische Informationsreise nach Nicaragua unternahmen. Somit hatten einige AutorInnen dieses Schwerpunkts die Möglichkeit, vor Ort genauer hinzusehen und -zuhören. Sie führten lange Gespräche mit zahlreichen BasisaktivistInnen und MitstreiterInnen der Revolution von damals und heute.
So schildert eine Reportage lebendig die Eindrücke eines „Besuchers“, der unter anderem auch den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Revolution in Managua beiwohnen konnte. Zudem geben wir Einblicke in die Arbeit unterschiedlicher Basisorganisationen. Eingeleitet von jeweils kurzen Überblicksartikeln zu vier Teilen der sozialen Bewegung Nicaraguas (kommunitäre Bewegungen, soziale Bewegungen auf dem Land, Frauenbewegung und Jugendbewegung) porträtieren wir einige BasisaktivistInnen, die von ihrer Arbeit damals und heute berichten und ein eindrucksvolles Bild Nicaraguas zeichnen.
Um ergänzend dazu auch Vielfalt in der Einschätzung der aktuellen (partei-)politischen Lage Nicaraguas zu bieten, haben wir vier nicaraguanische JournalistInnen nach ihrer Meinung über das historische Erbe der Revolution, die heutige Regierungspolitik Daniel Ortegas und die zukünftigen Entwicklungen Nicaraguas befragt.
Ein dritter Teil des Schwerpunkts beschäftigt sich mit dem aktuellen Stand der deutschen Solibewegung und -arbeitsgruppen mit Nicaragua. Hier soll kritisch beleuchtet werden, wie sich die Soliarbeit im Laufe der Jahre verändert und entwickelt hat und wie wir hier mit der heutigen Situation umgehen. Wie hat sich die Solidarität mit den Menschen in Nicaragua verändert, wie wandelte sich die Bewegung und Berichterstattung? Um Einsichten und Antworten bemühen sich zwei langjährig engagierte Autoren und Aktivisten der Solidaritätsbewegung sowohl der BRD als auch der DDR.
Auch in der Auswahl der Fotos, die diesen Schwerpunkt illustrieren, möchten wir eine Brücke zwischen dem Gestern und Heute schlagen. Deshalb zieht sich durch den Schwerpunkt eine Bilderstrecke, die aktuelle Aufnahmen vom Sommer dieses Jahres mit Titelbildern älterer LN-Ausgaben kombiniert.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/gemeinsam-vor-und-zurueck/