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Gentechnik im Biosoja

Die Sonne steht am höchsten Punkt, der Himmel ist tiefblau, die Hitze drückt in die Senke. Kühe liegen im Schatten der Bäume, die das Bächlein säumen, welches zwischen den Feldern und Wiesen hindurchfließt. Neben der Weide wächst ein Streifen Zuckerrohr, dahinter steigen rund um die Senke Wald die Hügel empor. Die Szenerie ist äußerst idyllisch – wäre da nicht das unablässige Rattern eines Mähdreschers.
Es ist Erntezeit in Capanema, im Süden Brasiliens. Roberto Rama, der in der zweiten Generation auf diesem Boden Landwirtschaft betreibt, erntet heute sein Soja. Dabei helfen ihm Vater und Bruder, mit denen er das Land teilt. Ein Nachbar stellt gegen ein Entgelt seinen Lastwagen für den Transport der Ernte zur Verfügung, von einem weiteren Bekannten wurde der Mähdrescher samt Fahrdiensten gemietet. Einen Lastwagen oder eigene Landwirtschaftsmaschinen können sich die Ramas als Kleinbauern nicht leisten.
Wer das gängige Bild vom brasilianischen Großgrundbesitzer kennt, der die Mähdrescher gleich zu Dutzenden über seine Felder schickt, stutzt spätestens an dieser Stelle: Ein Sojabauer, der sich keine eigenen Maschinen leisten kann? Doch damit nicht genug: Roberto Rama wirtschaftet nach internationalen Richtlinien des biologischen Landbaus und führt seinen Hof nach den Regeln der biodynamischen Landwirtschaft, die Rudolf Steiner um 1924 entworfen hat.
Roberto Rama ist einer von rund 300 Kleinbauern in der Region um Capanama, im Südwesten des brasilianischen Bundesstaates Paraná, die biologisches Soja produzieren. Viele von ihnen haben nie etwas anderes als Biolandwirtschaft betrieben: „Auf meinen Feldern wurde noch nie Gift angewandt“, so Roberto Rama nicht ohne Stolz. Andere haben zu einer Zeit auf ökologischen Landbau umgestellt, als Bio in Europa noch eine Randerscheinung war: Angetrieben von Vergiftungsvorfällen in ihren Familien und vom Fischsterben in den Flüssen, stellte eine Gruppe von Landwirten die konventionelle Anbauweise in Frage. Sie entschieden sich, auf die Anwendung von Chemikalien zu verzichten und suchten nach nachhaltigeren, für Mensch und Umwelt unschädlichen Produktionsmethoden. 1994 entstand in der Region die erste Firma, die mit biologischem Soja handelte und den Bauern für den deutlich größeren Arbeitsaufwand einen entsprechenden Aufpreis zahlte.
Heute ist die gebana Brasil im Geschäft mit Biosoja aktiv. Die 2002 gegründete Firma ist ein Schwesterunternehmen der gebana Schweiz, die aus einer der ersten Initiativen für gerechten Handel mit Bananen („gebana“ steht für „gerechte Banane“) hervorgegangen ist. Bis heute basieren die Grundsätze der gebana auf denjenigen des fairen Handels und der Nachhaltigkeit: Der Schwerpunkt der Produktion liegt bei Kleinbauern, denen ein direkter Marktzugang ermöglicht wird und für das bio-zertifizierte Soja werden Preise bezahlt, die bis zu 50 Prozent über dem üblichen Marktpreis liegen. In Kürze sollen außerdem die ersten Produzentenvereinigungen mit dem Fairhandelslabel FLO zertifiziert werden.
Doch die Wege der Bioproduzenten in Südbrasilien sind steinig, wie das Beispiel von Roberto Rama zeigt. Der junge Familienvater kann mit seiner Ernte eigentlich zufrieden sein: Die blassgelben Erbsen sind fest und gleichförmig groß, die Schoten hängen zahlreich von den Pflanzen. Dies ganz im Gegensatz zu vielen anderen Sojabauern der Region, die aufgrund einer ausgedehnten Trockenperiode einen Großteil ihrer Ernte verloren haben. Als Roberto seine Ladung jedoch am Firmensitz der gebana Brasil abliefert, zeigt ein Schnelltest, dass die Bohnen Spuren von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) aufweisen. Die Verunreinigung durch fremdes Pflanzengut kommt wahrscheinlich von dem Mähdrescher, der zuvor genverändertes Soja geerntet hatte, oder durch den Lastwagen, der solches transportiert hatte. Selbst bei gründlicher Reinigung können diese Maschinen durch kleinste Rückstände eine ganze Ladung verseuchen. Doch die kleinen Familienbetriebe sind auf die geliehenen Geräte angewiesen, eigene Maschinen sind für sie unerschwinglich.
Roberto Rama bekommt trotz GVO-Spuren den vollen Demeter-Preis für sein Soja ausbezahlt, doch die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben: „Ich baue bewusst biologisch an und bemühe mich, alles richtig zu machen – und alles nützt nichts“, bemerkt Roberto ernüchtert und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Genverändertes Soja ist ein ernsthaftes Problem für uns“.
Darin kann ihm Eduardo Mattioli Rizzi, Leiter des Sektors Landwirtschaftliche Produktion der gebana Brasil, nur zustimmen. Bereits jetzt ist er daran, GVO-freies Saatgut für den nächsten Sommer zu besorgen, doch dies ist ein schwieriges Unterfangen. Die Saatgutproduktion ist mehrheitlich auf genveränderte Sorten ausgerichtet und selbst konventionelles Saatgut weist nicht selten GVO-Spuren auf, denn auch die Saatgutproduzenten sind vor Kontamination durch den Blütenstaub benachbarter GVO-Felder nicht gefeit.
Das zweite große Problem der gebana Brasil sind Soja-Lieferungen der Bäuerinnen und Bauern, die durch Blütenstaub oder durch verschmutzte Maschinen kontaminiert worden sind. Während winzige Spuren, wie sie in der Ladung von Roberto Rama gefunden wurden, von den Bio-Normen noch toleriert werden, ist dies bei einer stärkeren Verseuchung nicht mehr der Fall. „Dieses Jahr mussten wir die Lieferung von zehn Bauern ablehnen, weil sie GVO-Werte aufwiesen, die über der Toleranzgrenze lagen“, erklärt Eduardo Rizzi. Dies tue niemand gern, meint er, doch die verseuchten Bohnen dürften auf keinen Fall in den firmeneigenen Verarbeitungsprozess gelangen. Den Frust abgewiesener Bäuerinnen und Bauern, die ihre Felder immer gemäß der Regeln gepflegt und in mühsamer Handarbeit gejätet haben, kann man sich nur allzu gut vorstellen.
Der Gefahr der Kontamination seines Biosojas durch GVO beugt Bauer Abelino Murinelli auf seine eigene Art und Weise vor. Einige Kilometer Luftlinie entfernt von Roberto Rama macht er sich zusammen mit seiner Frau, zwei Nachbarn und seinen beiden Söhnen auf zu seinem Feld. Lächelnd weist Abelino auf sein Arbeitsgerät, eine Sichel: „Ich mähe mein Soja immer von Hand“, erkärt er, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. In der immer noch erbarmungslos auf die Erde prallenden Nachmittagssonne machen sich Abelino und seine HelferInnen daran, die ausgetrockneten Stängel büschelweise durchzuschneiden, zusammenzutragen und in einer benzinbetriebenen Dreschmaschine die Bohnen vom Rest der Pflanze zu trennen. Man scherzt und lacht zusammen, gönnt sich ab und zu einen Schluck Wasser aus der mitgebrachten Kanne und nimmt die körperlich harte Arbeit in Kauf: „So weiß ich wenigstens mit Sicherheit, dass mein Soja sauber bleibt“, erklärt Abelino.
Für die 1,5 Hektar Soja, die Abelino Murinelli diesen Sommer angebaut hat, mag die Handernte eine Alternative sein, doch selbst unter Kleinbäuerinnen und -bauern erntet heute kaum noch jemand manuell. Neben der anstrengenden körperlichen Arbeit hindert vor allem das Fehlen von Arbeitskräften, verursacht durch die Abwanderung der jungen Leute in städtische Gebiete, die Bäuerinnen und Bauern daran, mit der Sichel zu ernten.
Es sind einerseits dieser Arbeitskräftemangel, vor allem aber die Kosten von Arbeitskräften, der in Brasilien immer mehr GroßgrundbesitzerInnen, aber auch kleinere landwirtschaftliche Betriebe, zu genveränderten Sojasorten greifen lässt. Denn die aktuelle Generation genveränderten Sojas ist resistent gegen das aggressive Pflanzengift Glyphosat, das sämtliches Unkraut effizient abtötet und dem Anwender dadurch eine Menge Arbeit und Geld erspart. So lautet jedenfalls die Argumentationslogik, mit der 2004 die brasilianische Regierung nicht nur von Seiten des GVO-Herstellers Monsanto, sondern auch von Bauernvereinigungen massiv unter Druck gesetzt wurde, um den Anbau genveränderter Pflanzen freizugeben. Die oft massiv verschuldeten Landwirte sollten es so endlich schaffen, rentabel zu wirtschaften, hieß es damals. Doch wie sieht die finanzielle Situation der brasilianischen Bäuerinnen und Bauern heute, fünf Jahre nach der Einführung der Gentechnik, aus? „Kaum anders als ohne Gentechnik“, sagt der Agronom Eduardo Mattioli Rizzi und erklärt auch gleich, warum: „Monsanto bot ihr glyphosathaltiges Herbizid zu Beginn tatsächlich günstig an und der Anbau von genverändertem Soja verschaffte dem Bauern eine höhere Gewinnmarge. Doch dann sind die Preise massiv angestiegen und die Marge war Vergangenheit.“ Aufgrund ihrer Patentrechte hat das multinationale Unternehmen Monsanto die Preise in der Hand und kann sie beliebig der Rentabilität des Sojaanbaus anpassen. Dass die Bäuerinnen und Bauern von dieser Situation langfristig profitieren, ist kaum zu erwarten.
Die brasilianischen Bäuerinnen und Bauern haben mit vielerlei Arten von Abhängigkeit zu kämpfen, das zeigt das Beispiel von Oswaldo Jair Woiechowski. Er hatte zwölf Jahre lang für einen Verarbeitungsbetrieb Hühner gemästet. „Dabei habe ich nicht einmal gemerkt, dass ich ausgebeutet wurde“, sagt der heute 38-Jährige und schiebt seine Che Guevara-Mütze zurück. Doch irgendwann hat es Oswaldo gereicht, er hat die Hühnerfarm aufgegeben und begonnen, biologischen Ackerbau zu betreiben. „Damit du anfängst umzudenken, musst du ganz unten ankommen“, sagt er nachdenklich, und: „Heute verdiene ich weniger, aber mein Leben ist selbstbestimmt und ich bin unabhängiger – und glücklicher“.
Zum Anbau von genverändertem Soja meint Oswaldo: „Das Zerstörungspotential von GVO ist riesig, es trifft nicht nur die Pflanzenwelt, sondern auch Luft und Wasser.“ All diese Effekte würden von den Großkonzernen, die GVO-Saatgut und Spritzmittel anbieten, natürlich verschwiegen und gerade auf dem Land hätten die Leute nicht die Möglichkeit, diese Mechanismen zu hinterfragen, so Oswaldo. Der kritische Bauer spricht von „Bewusstseinsbildung“ und „Widerstandskampf“. Doch die Zukunft der brasilianischen Landwirtschaft im Zusammenhang mit GVO sieht er pessimistisch: „Der Mensch gibt den Dingen erst dann Wert, wenn er sie nicht mehr hat. Zu diesem Effekt muss es mit dem Anbau von Gensoja kommen“, meint er und zieht den Vergleich mit dem eigenen Leben: „Erst wenn wir ganz unten angekommen sind, werden wir merken, dass Gentechnik das falsche Mittel ist.“
Eduardo Mattioli Rizzi sieht es nicht ganz so düster, wenigstens nicht für die biologische Landwirtschaft. Die größte Herausforderung sei es, die Anbaukosten zu reduzieren, „das bedeutet vor allem, dass wir das Unkrautproblem mechanisch in den Griff kriegen müssen“, erklärt er. Darin, dass eine Erleichterung des ökologischen Anbaus zusammen mit der steigenden Nachfrage nach biologischen Produkten auch bei Großkonzernen das Interesse wecken könnte, sieht Eduardo sowohl Vor- als auch Nachteile. Einerseits könnten diese Unternehmen die Forschung entscheidend vorantreiben, andererseits ist sich der Agronom bewusst, dass damit auch die Preise und damit die Gewinne der Bauern sinken würden.
Eine Chance könnte das steigende Interesse an nicht-genverändertem Soja bedeuten. Vor allem aus Europa werden zur Förderung vom Anbau von Sorten ohne Genveränderung derzeit Prämien und Projektgelder gesprochen. Werden diese finanziellen Mittel effektiv umgesetzt und gelangen bis zu den Produzenten, könnten auch in der Region Capanema die Bauern wieder vermehrt zur konventionellen oder sogar biologischen Landwirtschaft zurückkehren. Dies würde die Kontaminationsgefahr einschränken und den 300 Bio-Kleinbauern in der Region das Wirtschaften erheblich erleichtern.

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