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Geschichten und Überlieferungen vom Orinoko-Delta

Von La Horqueta, wo die letzte Straße endet, fünf Kilometer im Einbaum flussabwärts, Richtung Nordosten. Den kaffeebraunen Caño Cocuina entlang, auf dem Wasserhyazintheninseln treiben und – wie die Leute behaupten – manchmal eine Leiche. Die Wasserhyazinthen – hier bora geheißen – verstopfen öfters den zwanzig Meter breiten Kanal komplett und machen das Navigieren für Motorboote fast unmöglich, deren Steuerleute dann über mosure fluchen, jenen ewigen Unrat aus Pflanzenmaterial, welcher ihre Schiffsschrauben umwickelt und zerstört. Im Einbaum reichen Schlangenstock, Machete und die Kraft der Ebbe, die das Flusswasser in den Ozean zieht und die Strömung beschleunigt, völlig aus, um ins einsame Remanzon zu kommen, meine erste Station.
Remanzon (kreolisch: Ruhige Wasser): Das sind acht Hütten überm Uferschlamm, bestehend aus manaca-Palmstämmen, gedeckt mit Blättern der temiche-Palme. In jeder leben vier, fünf Familien. Der wohl einzige Mensch, welcher hier je die lange Zeit von siebzig Jahren verbrachte, ist Anastacio Alcalá. Auf seiner Ausweiskarte, die ihm bei einer Regierungskampagne ausgestellt wurde, um seine Wählerstimme zu registrieren, ist zwar 1950 als Geburtsjahr vermerkt, doch er sagt, er sei mindestens zwanzig Jahre älter: „Die Leute, die diesen Ausweis machten, schauten sich einfach meine Haare an, die immer noch schwarz sind, und schrieben dann irgendein Datum auf, um der Bürokratie zu genügen!“ Er selbst kann kein Datum nennen, denn er hat die Jahre nie gezählt.
Ich erzähle ihm die Geschichte eines Fischers vom indigenen Volk der Warao, dessen Namen ich kürzlich erfragen wollte. „Ich habe keinen Namen“, hatte der Mann geantwortet. „Wieso?“ – „Meine Ausweiskarte ist in den Fluss gefallen, und mit ihr der Name.“
Anastacio lacht; sein Ärger über das Krokodil, welches gestern eine seiner Enten überfiel, als sie schlief, und in den Fluss hinab zog, beginnt zu schwinden: „Die Politiker brauchen die Stimmen der Indios, aber die Indios brauchen die Politiker nicht!“
Der alte Kreole zeigt mir seine Pflanzungen, die vom Fluss durch die im flachen Wasser palisadenartig wuchernden rábano-Dickichte nicht einsehbar sind: Chilischoten, rote Süßkartoffeln, Kochbananen, Maniok, Taro (lokal als ocumo bezeichnet). Und die Kokospalmen? Er winkt ab: Heutzutage kauft kaum noch einer Kopra. Seine Ernte paddelt er zum Markt von La Horqueta. „So tat es schon mein Vater, Marco Abreo, der als Junge zusammen mit seinem Vater aus Margarita hierher gelangte.“
In der Tat waren es Bewohner der Insel Margarita aus den Orten Pedro Gonzáles und Tacarigua, die ihre dürregeplagte und übervölkerte Insel vornehmlich während der ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach Neuland verließen. Sie trugen ganz erheblich dazu bei, das Orinoko-Delta, welches bis dahin überwiegend den Indigenen vom Volk der Warao gehört hatte, zu kolonisieren.
Das Delta galt als ausgesprochen fruchtbar. Große Gruppen ausgehungerter Männer kamen – oft auf Segelschiffen, die nur mit Hilfe von großen Rudern und Seilen im Dschungel zu manövrieren waren – in die Kanäle des Orinoko, insbesondere auch den Caño Cocuina, rodeten den Urwald und gründeten mit Warao-Frauen Familien. Andere Margariteños exportierten Kakao und Kochbananen nach Trinidad, ertauscht gegen überteuerte Lebensmittel oder Kleidung von den Neusiedlern, die immer mehr in Schulden versanken.
„Mein Vater begann mit Kakao”, sagt Anastacio. „Doch als ich etwa neun Jahre alt war, wurde ein Mann aus San José de Buja, der seit Jahren am Cocuina Handel trieb, ermordet. Der Mörder war in Wahrheit José Miguel. Aber als die Polizei eintraf, um die Sache zu untersuchen, beschuldigten José Miguel und sein Bruder meinen Vater und meinen Onkel. Die Polizisten brachten meinen Vater nach Maturín, ketteten ihn an und misshandelten ihn, bis er starb. Mein Onkel riet der Polizei, José Miguel zu überprüfen. Tatsächlich bemerkten die Polizisten, dass José Miguel einen Goldring mit den Initialen des Händlers trug. Leute bestätigten, den Händler kurz vor seinem Tode mit dem Ring am Finger gesehen zu haben. José Miguel verbrachte 20 Jahre im Gefängnis. Meine Mutter, eine Warao namens Félipa, war sofort nach Maturín gereist, um meinem Vater beizustehen. Nach seinem Tode kehrte sie mit meinem Onkel nach Remanzon zurück und begann mit ihm zusammenzuleben.”
Später – man schrieb das Jahr 1943 – kam die große Flut. Schwere Regenfälle ließen den Orinoko über seine Ufer treten. Im Juli und August war das ganze Delta von Wasser bedeckt, erzählt Anastacio, viele Dörfer wurden zerstört. Er selbst lebte im Boot seines Onkel über der versunkenen Pflanzung. Zusammen mit anderen Flutopfern errichtete er einen mächtigen Schlammkegel in Remanzon, um dort zu überleben: „Diese Kegel nannte man bachaquero, denn sie erinnerten an die aufgetürmten Hügel der bachaco-Ameisen.“
Anastacio erbte von seinem Vater 1.000 Kokospalmen und 700 Kakaobäume. Er nahm sich ein Warao-Mädchen aus Macareo zur Frau und begann so zu leben wie die Waraos. Sie bekamen elf Kinder, die alle heute noch um den Caño Cocuina herum wohnen.
„Meine Frau hat mich zwar vor einigen Monaten verlassen, da ich zu viel trinke, wie sie sagt, aber zwei meiner Töchter leben bei mir. Sie fangen Papageien und verkaufen sie in La Horqueta. Für einen Amazonensittich bekommen sie 15.000 Bolívares [6 Euro]. Wie sie die Vögel fangen? Nun, zuerst klettern sie auf eine Palme und bauen dort aus Zweigen und Blättern ein Versteck. Eine kriecht hinein; sie hat einen gezähmten Lockvogel, eine Rute und eine Schlinge bei sich. Wenn nun ein Papagei kommt um sich auf der Palme auszuruhen oder weil er die Gesellschaft des zahmen Vogels sucht – schnapp!, schon ist er gefangen!“
So zu leben wie die Waraos – das bedeutet Genügsamkeit und Zähigkeit. Einmal war Anastacio auf der Suche nach moriche-Larven, die sehr nahrhaft sind, da begann es zu regnen. Er schnitt zwei Stecken und legte Palmblätter darüber, um trocken zu bleiben, und er kauerte sich ruhig hin und wartete auf das Ende des Regens… Da sah er einen langen Schwanz zwischen den Büschen hin und her winken. Und er erkannte – einen Tiger! Er wollte schon mit der Machete ausholen – doch anscheinend war der Jaguar (denn um einen solchen handelt es sich, wenn am Cocuina von „Tigern“ die Rede ist) auf Pirsch: Ganz langsam verschwand der Schwanz im Dickicht, noch bevor Anastacio ihn erreichen konnte…
Ich verlasse Remanzon und gelange fünf Kilometer stromabwärts zur Siedlung Chaguaramas de La Horqueta, die wiederum aus acht Hütten besteht; dazu gibt es eine neue kleine Schule, eine kleine Kapelle, die der Virgen del Valle, der Jungfrau vom Tal des Heiligen Geistes aus Margarita, geweiht ist, und eine Menge Busch. Der älteste Bauer heißt Pedro Pablo González, geboren um 1926 in Remanzon. Er und seine Frau leben in einer einfachen, temiche-palmgedeckten Hütte ohne Wände. Sie schlafen in selbstgeflochtenen Hängematten über dem festgestampften Lehmboden des Flussufers. Ihre einzige Gesellschaft ist ein knochiger Hund, der an Krätze leidet.
Pedros Vater hieß Bonifacio González. „Er kam aus Margarita, zeugte mich und verschwand“, sagt Pedro. Während Bonifacio in Caripito im Staate Monagas ein neues Leben begann, wurde Pedro von seiner Mutter, einer Warao namens María, weggegeben nach Ceiba Mocha (ein Dorf stromaufwärts an der Straße zwischen Tucupita und La Horqueta), wo er bei einer Ziehmutter aufwuchs. Im Laufe der Zeit brachte María auch zwei Töchter, die sie von einem Warao hatte, zu dieser Frau.
Pedro sagt, die Waraos hätten bereits entlang des Caño Cocuina Kakao gepflanzt, bevor die ersten Margariteños die Gegend heimsuchten: „Die Margariteños eigneten sich alle Pflanzungen an und zwangen die Waraos, fast wie Sklaven darauf zu arbeiten. Geschäftsleute aus Margarita kauften unseren Kakao auf und verkauften ihn nach Puerto Cabello. Die Pflanzer verschuldeten sich nach und nach bei den Händlern, die ihrerseits behaupteten, dass der Kakaopreis gefallen sei und den Bauern schließlich das ganze Land als Bezahlung abnahmen. Später war es die Bank, die die mittlerweile bankrotten Margariteños enteignete und auch bis vor mehreren Jahren die Pflanzungen besaß. Alle Plantagen verwilderten daraufhin. Schließlich begannen wir alten Leute, die verlassenen Gebiete wieder für uns zu beanspruchen und zu besiedeln, und zwar einfach so, wie wir wollten, also, ohne uns um Besitzurkunden zu scheren.”
Als wir eine Flasche Rum entkorken, beginnt Pedro über die gewaltige Flut von 1943 zu sprechen. „Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen. Margariteños kamen in großen Booten, um betroffene Anwohner zu retten – aber nicht etwa alle, sondern nur ihresgleichen, die Margariteños ja, nicht aber die Waraos. Die Waraos blieben, trieben auf selbstgemachten Flößen umher und suchten nach einem Stück trockenen Landes. Manche gelangten bis in die Imataca, wo es Berge gibt. Ich selbst schloss mich mit einigen zusammen, wir warfen Erdhügel auf und warteten so den Wasserrückgang ab. Unsere Jagdhunde wichen keinen Schritt von uns, noch die wildesten von ihnen waren handzahm in jener Zeit. Die meisten der Margariteños überlebten; sie wurden nach Margarita, Caripito, Temblador und in andere Orte gebracht, damit sie sich dort erholen konnten. Nicht alle von ihnen kehrten später ins Delta zurück, aber jene, die dort Land besaßen, taten es. Als sich der Wasserspiegel senkte, wurden viele von uns auf den Erdhügeln krank. Besonders Kinder starben an Brechreiz und Durchfällen. Doch nach der Flut begannen wir alle von vorn…“
Pedro pflanzt bis heute Kokos (vom „Zwerg“-Typus) an und verkauft Kopra in La Horqueta. Er besitzt 600 Palmen. Er verbrennt die Fasern der Kokosschalen, um Qualm gegen Moskitos zu erzeugen. Seine Kakaobäume leiden zurzeit an einer Krankheit, so dass er sie kaum nutzt. Seine Pflanzung, ausgeschnitten aus dem Dschungel, beginnt hinter seiner Hütte und streckt sich entlang des linken Ufers des Caño Cocuina. Eine natürliche Einfriedung aus eng stehenden rábano-Stämmen schützt die Pflanzung vor Dieben. Steht das Wasser hoch, kommen die Schildkröten. Pedro fängt sie und teilt ihr Fleisch mit seiner Frau, die eine Warao ist. Sie sagt: „Die Schildkrötenpanzer sind bequeme Sitzmöglichkeiten, wenn man isst oder eine neue Hängematte knüpft.“ Ich frage, wie viele Kinder die beiden haben? „Warte mal”, überlegt Pedro: Fünf ihrer Kinder sind noch am Leben, zwei tot, ungefähr 30 bis 50 Enkel existieren, von denen beide wissen oder zumindest eine Ahnung haben, darüber hinaus Urenkel.
Pedro kennt viele Geschichten, jede Woche schwimmen neue den Caño hinauf oder hinab, und einige wurden von Generation zu Generation weitergegeben, abgewandelt und neu gefasst. „Vor langer Zeit pflegten die Waraos Mangroven zu häuten und deren Rinde an einen Mann namens Luis Barberia zu verkaufen. Barberia hatte an der Seite von Bolívar gekämpft. Alle Männer, die sich im Kampf ausgezeichnet hatten, wurden in jenen Tagen mit ‚General‘ angeredet. Also wurde Barberia ‚General Luis Barberia‘ genannt. Er hatte eine Menge Geld und besaß ein Unternehmen. Er transportierte Mangrovenrinde nach Angostura und Carúpano. Dort brauchte man die Rinde zum Gerben von Leder. Es geschah, dass drei Waraos – die nebenbei gesagt alle meine Onkel waren – es gründlich satt hatten, so fast ganz ohne Bezahlung für den General Barberia schuften zu müssen. Sie rannten fort vom Stützpunkt des Unternehmens, der sich in Capure de La Horqueta befand. General Barberia schickte ihnen sofort drei Kanus voll mit Soldaten nach, um sie zurückzuholen. Die Soldaten suchten und suchten – und eines Nachmittags gelang es ihnen, die Flüchtlinge zu Hause bei ihren Familien zu überraschen. Sie banden sie an Hüttenpfosten fest und vergewaltigten ihre Frauen. Die Kinder mussten zusehen. Dann warfen sie meine Onkel, die gefesselt blieben, in die Kanus und zwangen sie zu paddeln. Bei Einbruch der Nacht rasteten sie am Flussufer. Gegen zwei oder drei Uhr morgens waren alle fünfzehn Soldaten eingeschlafen. Irgendwie gelang es meinen Onkel, sich zu befreien. In ihrer Wut töteten sie die Soldaten mit deren Schwertern und Gewehren, und sie tranken ihr Blut vermischt mit dem Wildhonig von den Bäumen. Wildhonig war in jenen Zeiten der Zuckerersatz der Waraos. Meine Onkel zogen sich tief in den Busch zurück um sich zu verstecken. Neue Soldaten kamen. Die Flüchtigen feuerten zurück mit den Waffen der Getöteten und zwangen so Barberias Soldaten abzurücken. Bis zum Ende ihrer Tage aber mussten meine Onkel immer wieder fliehen und sich verstecken, weil Soldaten auftauchten, die nach ihnen suchten. Vor zehn Jahren befanden sich die Knochen der toten Soldaten noch an der Boca de Capure, da habe ich sie mit eigenen Augen gesehen. Ein Warao zeigte mir sogar ein altes Schwert, das bei den Gerippen lag.“
Salut! – die Emaillebecher sind wieder gefüllt mit Cinco Estrellas. Außerdem ist der Hahn, den ich mitgebracht habe, schon gar. Die Geschichten werden moderner und bleiben dennoch dunkel. Es gibt ja nur ganz wenig Flussverkehr auf dem Caño Cocuina, und doch – in Neumondnächten hört Pedro manchmal die Motoren von vorbeifahrenden Schmugglerbooten, mit Menschen an Bord, Benzin oder Kokain. Zu allen Zeiten existierten sowohl legale als auch illegale Handelsverbindungen zwischen dem Delta und der Insel Trinidad. Heute leben mehrere Schmuggler in La Horqueta; einer von ihnen ist ein alter Mann, dem ich – wenn ich über ihn erzähle – den Spitznamen El Terrón geben möchte, der manchmal über seine Abenteuer spricht, wenn er – wie wir jetzt – Rum trinkt. Pedro hörte El Terrón erzählen, dass er vor Jahren, als es noch kompliziert für die Chinesen war legal einzureisen, eine Menge von ihnen heimlich von Trinidad aus ins Delta zu bringen pflegte. Er ließ sich von jedem Chinesen sehr gut bezahlen und setzte sie dafür über die Meerenge Boca de la Serpiente, den Schlangenschlund. Wenn er mit ihnen die schlammigen Küsten des Deltas erreichte, fürchtete er sich oft aus Angst vor Entdeckung davor weiterzufahren. Vor der Barre des Cocuina, an einem wilden Strand namens Playa de Coco, gibt es ein natürliches Schwefellager. Mindestens einmal verlor El Terrón die Nerven und „klärte die Fracht“ schon dort – anstatt, wo er es zu tun sich verpflichtet hatte, nämlich hundert Kilometer weiter landeinwärts. „Hört doch die Autos“, sagte der Menschenschmuggler zu den Chinesen, „das da ist schon Tucupita, also springt schnell an Land! Meine Geschäftspartner werden schon hier sein und euch mitnehmen!“ Tatsächlich waren es Schiffe, welche Schwefel aus der Mine abtransportierten, die den ohrenbetäubenden Motorenlärm verursachten. Aber die Chinesen kannten sich nicht aus; man hatte ihnen gesagt, Tucupita liege am Ozean, und da es Nacht war, mussten sie El Terrón blindlings vertrauen. Sie kletterten aus El Terróns Boot und blieben still am Strand sitzen, bis das hereinbrechende Tageslicht die Täuschung offenbarte. El Terrón fuhr flussabwärts und zählte Geld… Pedro sagt, eine Menge Tiger würden auf der Insel hausen, auf der die Chinesen ausgesetzt worden waren. „In der ersten Nacht träumten die Chinesen noch von einem neuen Leben. Aber das Schicksal hatte für einige von ihnen andere Pläne: In den folgenden Tagen verdursteten manche, andere wurden nachts von wilden Tieren gefressen.“ Mittlerweile können die Chinesen legal immigrieren. Der Schmuggler hat sein Geschäft geschlossen.

Zuletzt erschien von Ingolf Bruckner: „Kolumbien fürs Handgepäck: Geschichten und Berichte – Ein Kulturkompass“ // 192 Seiten // Unionsverlag // Zürich 2011.

Der 2. Teil des Textes erscheint in der kommenden Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten.

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