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Gesellschaftskritische Langeweile

Nach dem Tod des Vaters verlässt Eugenia ihr katholisches Internat in Frankreich um zu ihrer Großmutter nach Venezuela zurückzukehren. Sie hat einen mehrmonatigen Zwischenaufenthalt in Paris, wo sie sich zum ersten Mal ungehemmt auslebt. Sie kauft Kleider, Hüte und Schminke und entdeckt die eigene Schönheit als Kapital.
In Venezuela angekommen, erfährt sie, dass sie auf diese Weise fast ihr gesamtes verbliebenes Erbe verprasst hat, da sich inzwischen ihr Onkel, der der Liebling ihrer Großmutter ist, Eugenias Teil unter den Nagel gerissen hat.
Nun bleibt nur noch die Ehe als einziger Ausweg. Doch der erste Kandidat, der Eugenia liebt wie sie ist, missfällt der Familie. Konsequent wird intrigiert, um die Ehe zu verhindern und den freiheitsliebenden und lebenshungrigen Charakter Eugenias zu brechen. Das Ziel ist nicht Eugenias Glück, auch wenn die Großmutter dies wirklich zu wollen scheint, sondern die Anpassung an eine Gesellschaft, der Normen wichtiger sind als Gefühle.
1922 erschien erstmals in einer Zeitschrift der Fortsetzungsroman „Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt“. Zwei Jahre später wurde der Roman in Buchform veröffentlicht. Sowohl in Lateinamerika als auch in Frankreich und Spanien sorgte diese gesellschaftskritische Analyse der Situation der Frau für Skandale. Besonders Männer warnten vor der Lektüre, konnten den Erfolg des Buches jedoch nicht bremsen.
Auf deutsch erschien der Roman erst dieses Jahr, über 80 Jahre später. Auch wenn er heute keine Skandale mehr auslösen kann, ist er immer noch sehr lesenswert.
// Anke Rafflenbeul

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