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Gesundheit!

Die 14 Beiträge entstanden vor dem Erfahrungshintergrund einer Studienreise im Februar 2013 und decken eine große thematische Breite ab. Sie stellen ausgewählte politische und sozioökonomische Dimensionen im gegenwärtigen Kuba vor und beschreiben wesentliche Merkmale des Gesundheitssystems. Außerdem werden wichtige soziale Dimensionen der Gesundheitspolitik sowie Forschung und Export von medizinischem Knowhow aufgezeigt. Eingangs werden ökonomische Rahmenbedingungen und Veränderungen und das Gesundheitssystem von Kuba im Vergleich zur BRD dargestellt. Ein historischer Rückblick und medizinethische Überlegungen ergänzen dies, wie auch Beiträge über Alkoholismus, den Pflegebereich, biotechnische und medizinische Forschungsstrukturen und -aktivitäten in Kuba. Homöopathie, Akupunktur, traditionelle und naturheilkundliche Medizinverfahren werden als integrative Bestandteile des kubanischen Gesundheitssystems dargestellt, und tragen zu den Erfolgen bei. In mehreren Texten werden Kernmerkmale beschrieben: die praxisorientierte medizinische Ausbildung, das Familienarztmodell samt Polikliniken, die hohe ethische Haltung, und der Gesundheitstourismus. In Beiträgen von Müller und Becker werden die vorbildliche Bekämpfung von Infektionskrankheiten sowie der Umgang mit HIV in der kubanischen Gesellschaft beschrieben. Hingewiesen wird auf materielle Engpässe in den Krankenhäusern, auf spürbare Kürzungen im Gesundheitsbereich in jüngster Zeit, sowie auf negative Folgen durch die lang anhaltende US-Blockade.
Besonders ambivalent ist der Beitrag von Jürgens über den „Exportschlager Ärzte“, da er einerseits voll des Lobes über die Leistungen ist und entsprechende Zahlen aufführt. Zugleich aber wird in einem langen Abschnitt über „Geflüchtete Ärzte“ ein Sekundärthema ausgebreitet und auf höchst fragwürdige Quellen rekurriert, wie die unseriöse und extrem ideologisch agierende Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM). Die 2006 geschaffene „Cuban Medical Professional Parole“ bleibt dagegen unerwähnt: Mit diesem US-Programm werden kubanische Ärzte, die im Ausland arbeiten, und dort meist arme Bevölkerungsschichten versorgen, durch besondere Lockangebote dazu verleitet, in die USA auszuwandern und Kuba den Rücken zu kehren.
Wie bei Sammelbänden häufig der Fall, sind die einzelnen Beiträge sehr heterogen. Manche Beiträge sind sehr fundiert und basieren auf empirischer Forschung; andere lassen eine inhaltliche Tiefe vermissen. Viele Beiträge weisen eine eurozentristische Perspektive auf, da keine kubanischen Quellen benutzt werden. Es scheint sogar, dass Kritikwürdiges in Kuba unbedingt benannt werden soll, um das Gesamtergebnis nicht allzu positiv stehen zu lassen. Auffällig ist zum Beispiel, dass die Blockade der USA durchweg im Jargon der USA als „Embargo“ bezeichnet wird.
Trotz dieser Mängel und gelegentlicher Fehler bietet das Buch eine Sammlung von teilweise wichtigen Informationen und Fakten, zahlreichen subjektiven Beobachtungen und Einschätzungen. Mehrere Tabellen und Abbildungen ergänzen die Schilderungen. Es leistet somit einen Beitrag zum Verständnis des kubanischen Gesundheits- und Sozialmodells, sollte teils aber mit einschlägigen Texten aus Fachzeitschriften ergänzt werden.

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