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GLÜCK UND TRAGÖDIEN, TRADITIONEN UND SITTEN

Tierra Guajira Cienfuegos, 2016. Das Foto ist Teil des Themas Tierra (Land) / Foto: Raúl Cañibano

Wie haben Sie Interesse an der Fotografie gefunden?

Ich habe damals in der Luftfahrt als Schweißer gearbeitet. Gelegentlich konnte ich mit dem Flugzeug aufs Land fliegen. So habe ich einmal das Dorf besucht, in dem ich als Kind gelebt habe. Dort lernte ich einen Lehrer kennen, der von seinen Schülern Fotos machte. Ich konnte einen Blick in die Arbeit dahinter werfen, die mich ausgesprochen faszinierte und so sagte ich mir: „Das ist, was ich gerne machen würde.“ In Havanna begann ich dann mit russischen und mit deutschen Kameras, also einer bunten Mischung, zu experimentieren. Zuerst kamen Hochzeiten, Geburtstage, um mir mein Leben zu finanzieren. Im Jahre 1991 stolperte ich in die Ausstellung des kubanischen Fotografen Alfredo Sarabia. Als ich seine Arbeiten sah, wollte ich mich genauso wie er ausdrücken. Seine Fotografie und sein Stil waren sehr magisch.

Esencia Raúl Cañibano in Berlin / Foto: Anatol Kotte

Wie und wann wurden Sie zum Fotografen?
Ich bin Autodidakt. In Kuba gab es keine Schulen für Fotografie. Ich begann im Grunde damit, dass ich in die Bibliothek ging, um Kunst im Allgemeinen zu studieren. Dort lernte ich dann die Werke großer Fotografen aus der ganzen Welt kennen, wie die von Sebastião Salgado. Aber mir gefällt auch die bildende Kunst, die großen Impressionisten und Surrealisten. Die Surrealisten haben mich jedoch am meisten beeinflusst. Vielleicht hat deswegen meine Fotografie einen surrealistischen, mysteriösen Touch. Am Anfang machte ich Fotos nur um des Fotos Willen, denn ich wusste nicht, wie eine richtige Fotoarbeit aussieht. Später jedoch fiel mir auf, dass es besser ist, Arbeiten nach Themen zu erstellen.
Deswegen habe ich verschiedene Themen in meinen Arbeiten, die von Stadt, Land, Alter bis Religion reichen. Als ich noch ein Kind war, habe ich auf dem Land gelebt. Dieses Bild, das ich vom Land habe, wollte ich dann als Fotograf zelebrieren. So ging ich immer häufiger aufs Land hinaus. Und deswegen ist die Fotostrecke Tierra (Land) mein bestes und am weitesten fortgeschrittenes Projekt.

Was sind die Motive, die man immer in Ihrer Fotografie auffinden kann?
Ich bilde nicht die Landschaft, sondern den Menschen ab. Ihm gilt mein Interesse, und dabei besonders dem anthropologischen Aspekt des Mensches. Dabei bearbeite ich viele Themen. Was ich mache, sind fotografische Essays. So arbeite ich an einem Thema über mehrere Jahre lang. Jedes Thema wird weiterentwickelt. Keins beendet. Es ist anthropologisch. Und wenn ich mal draußen bin, auf der Straße, so kann es sein, dass ich mehrere Themen gleichzeitig bearbeitet, oder dass die Fotografie am Ende gar zu einem anderen Thema passt.
So verknüpfte ich letztlich verschiedene Themen miteinander. Ich habe jedoch stets eine vordefinierte Idee von meinen Arbeiten. Diese haben aber immer etwas mit meinem eigenen Privatleben zu tun.

Was möchten Sie mit Ihrer Fotografie erreichen?
Ich arbeite nicht für die Presse. Meine Arbeit ist sehr persönlich. Es ist meine Sicht, mein Blick durch das Auge einer anderen Person. Wenn man ein Bild sieht, ist es mein Leben, das Leben auf Kuba. Mit meiner Arbeit möchte ich das widerspiegeln, was derzeit auf Kuba passiert. So sieht man Strukturen von Kultur und Politik. In meiner Fotografie suche ich keinen einzigen, sondern mehrere Bildhintergründe mit einer oder mehreren Geschichten zur selben Zeit. Nur ganz selten schieße ich normale Porträts. Denn alles, was drumherum passiert, macht die Fotografie interessanter.

Ocaso 2 Rincón, Havanna 2006, Thema Anciano (Alter) und Traición (Tradition)

Warum sind Ihre Fotografien in schwarz-weiß?

Ich habe nichts gegen die Farbfotografie. Es ist bloß, dass ich eher von der Schwarz-Weiß-Schule bin. Ich mag Farbe trotzdem, deswegen habe ich auch Farbfotos. Dennoch bleibt für mich die Fotografie monochrom. Im Grunde ist das Wichtigste, dass die Fotografie am Ende gut ist, dass sie Dinge, Ideen, Emotionen vermittelt. Die Kunst musst du auch nicht unbedingt erklären.

In Ihren Fotos sind keine Stereotype zu erkennen. Wie genau repräsentiert Ihre Fotografie Kuba?
Die Fotos gehen auf die Essenz Kubas zurück. Die Fotografie darf sich nicht in einen Tourist verwandeln, denn man muss die Essenz des jeweiligen Landes erkennen können. Meine Fotografie repräsentiert meine Person und meine Gefühle. Ich weiß daher nicht, ob ich etwas Bestimmtes über Kuba sagen möchte. Es ist eher eine anthropologische, dokumentarische Arbeit zu Kuba. Diese Ausstellung in Berlin ist wichtig für mich, weil ich noch nie in Berlin war. Ich möchte ein Stückchen von Kuba hierherholen, damit man ein wenig von Kuba sieht.

Kuba hat eine facettenreiche Geschichte. Können Sie mir etwas über Kuba zu der Zeit erzählen, als Sie mit der Fotografie angefangen haben?
Ich habe mit der Fotografie in den 90er Jahren begonnen. Es war ein schwieriger Moment, um sich der Fotografie anzunehmen. Zu dem Zeitpunkt war gerade erst das sozialistische Lager gefallen. Da wir wirtschaftlich von den sozialistischen Ländern abhängig waren, fiel das Land in eine Krise. Es gab weder Brennstoff noch Essen. Also ein totales Chaos. Dieser Moment war schwierig für die Fotografie, weil kein Material mehr nach Kuba geliefert wurde. Und wenn ein Fotograf anfängt, braucht er viele Ressourcen, um zu lernen. Ich hatte am Anfang eine alte Kamera, denn wir konnten nur mit abgelaufenem Material arbeiten. So habe ich ganze vier Jahre lang nicht fotografieren können, weil es nichts gab.

 

 

Ocaso 1 Havanna, 2012, Thema Anciano (Alter)

Als ab 1998 der Tourismus nach Kuba kam, suchte man sich Freunde im Ausland. Sie fragten mich,, was ich brauchte, weil auf Kuba alles fehlte. Ich wollte jedoch nur Filmrollen. Manchmal wirst du kreativ, denn andernfalls würdest du es niemals schaffen. Am Ende jedoch brauchen die Menschen gar nicht so viele Dinge.

Und wie ist es heute Fotograf auf Kuba zu sein?
Mein Leben als Fotograf auf Kuba ist nichts Besonderes − Alltag. Immer wenn ich Zeit habe, gehe ich raus. Es ist zum Bedürfnis geworden. So versuche ich, das ganze Jahr über auf Kuba zu reisen. Ich werde nie müde, denn ich liebe es, Kuba zu bereisen. Ich bin deswegen nicht gerne für lange Zeit weg – sechs Tage, nicht mehr. Am Anfang war es schwierig für mich. Nun aber lebe ich von der Fotografie, reise, verkaufe meine Fotos und arbeite weltweit mit Werkstätten zusammen. Aber ja, es war anstrengend wie eben auf der ganzen Welt. Jetzt habe ich mehr Arbeit, viel mehr Projekte. Und anscheinend auch viel Anerkennung. Meine Werke haben etwas, einen Stil. Ich weiß nicht, was die Personen in ihnen sehen. Ab 1999 habe ich recht viel von der Welt gesehen. Ich war in den USA, in England, Norwegen, Frankreich, Belgien, Mexiko, in vielen Ländern. Aber man kennt mich eher auf Kuba. Ja, auf Kuba werde ich wiedererkannt. Ich bin nun sogar Fotografiemeister.

Kuba ist weitaus mehr als nur die Politik. Können Sie mir etwas über die Kunst auf Kuba erzählen?
Ich glaube, auf Kuba haben wir viel Kunst. Die Kunst ist nämlich sehr lebendig; in allen Bereichen – in der bildenden Kunst, im Theater, in der Plastik, überall. Denn trotz der vielen Mängel gibt es sehr gute Akademien auf Kuba. Und sehr gute Künstler. Da ich Autodidakt bin, kann ich wenig über die Kunstszene erzählen. Aber die kubanische Fotografie hat sich verändert. Vor den 90er Jahren war sie sehr revolutionär, dann erfuhr sie jedoch eine radikale Veränderung. Man hatte dann etwas Anderes, das man vermitteln wollte. Aber ich glaube, das war in allen Kunstformen so.

 

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